Schöner parken in Prenzlauer Berg

Geschrieben von messitschbyburns am 09. April 2009 | Berlin


Ostern naht, das Fest der Wunder und der Auferstehung. Alle Welt rüstet sich zum feierlichen Kirchgang, um den Gleichnissen des Pfarrers zu lauschen und daraus Lehren fürs Leben zu ziehen.

Da möchten wir nicht abseitsstehen und auch Ihnen von einem Wunder berichten: der Auferstehung eines Wohngebietes.

Kommen Sie näher, liebe Leser und auch Sie, liebe Autofahrer. Werden Sie Zeuge der wunderlichen Wandlung einer automobilen Stadtplanung.

Im Mai 2008 beauftragte das Bezirksamt Pankow ein Institut namens LK Argus mit einer Studie über den ruhenden Verkehr im südlichen Gebiet von Prenzlauer Berg. Das ist die Gegend zwischen Kollwitzplatz, Schönhauser Allee, Greifswalder- und Torstraße, grob gesagt. Also dort, wo freie Parkplätze größtenteils (jedoch nicht überall) einem Lottogewinn gleichen.

Daß gegen den Parkplatznotstand etwas unternommen werden muß, ist Konsens. Nur die Mittel sind umstritten. Es wird wohl eine riesige Parkzone geben, in der das Parken einen Euro je Stunde kostet und Anwohner eine Parkvignette kaufen dürfen.

Das Wunder besteht nicht in den blitzsauberen Parkuhren, die demnächst in den Boden gerammt werden. Viel mehr wundert man sich über die Wanderung der Parkzonen.

Jens-Holger Kirchner (Grüne), unser Stadtrat für Öffentliche Ordnung, sprach 2008:

“Mit hoher Wahrscheinlichkeit könnten Gegenden wie Helmholtzplatz, Falkplatz, Kollwitzplatz, Teutoburger Platz und Bötzowviertel zu Parkzonen werden. ‘Aus diesen Gebieten kommen die meisten Beschwerden über fehlende Parkplätze.’ Hingegen gebe es in anderen Vierteln wie Grüne Stadt und Thälmannpark kaum Beschwerden.”

Das leuchtet ein. Wer jemals in diesen Gegenden einen Parkplatz fand — vor allem nachts –, der wähnte sich wie Hans im Glück mit einem LKW voll Gold.

Ein knappes Jahr später sieht die Welt in der Parkzone anders aus:

“Auch im Winsviertel zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße soll das Parken Geld kosten […] In den Wohnvierteln Falkplatz, Grüne Stadt, Ernst-Thälmann-Park und Bötzowviertel ist die Parksituation der Studie zufolge nicht so dramatisch. Dort wird es vorerst keine Parkzonen geben.”

Das staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich. Im Bötzowviertel ist an einen Parkplatz nicht im Traum zu denken, es sei denn, man wartet mit der Geduld eines Alligators in der zweiten Reihe — die dank Querparkung meist die einzige Fahrspur ist — auf das Ausparken eines Mitmenschen.

Woher der Sinneswandel? Ein Leser unseres Blogs fragte nach und mailte uns des Stadtrats Antwort:

“In der Studie gibt es eine Empfehlung für 2 Varianten und diese Empfehlungen werden derzeit verhandelt.

Die Studie weist nach, das im Bötzowviertel der Anteil der Berufspendler und Gäste zu gering ist, um mit dem Instrument Parkraumbewirtschaftung eine verkehrssteuernde Wirkung zu erzielen – das heißt übersetzt: zu viele Bewohner haben zu viele Autos bei zu wenig Parkplätzen im öffentlichen Raum und durch Parkraumbewirtschaftung würde sich vermutlich nichts ändern.”

Das ist ein mutiges Argument. Demnach dürfte es in reinen Wohngebieten ohne Pendler und Touristen keine Parkraumbewirtschaftung geben.

Bis zur Sommerpause soll eine Entscheidung fallen. Das überparkte Bötzowviertel wird wohl verschont bleiben. Zum Ausgleich schlägt die Studie vor, die Parkzone um das Winsviertel zu erweitern, in dem jedoch die Parkplatznot — vor allem Richtung Thälmannpark — beherrschbar ist.

Nun kann man sagen, die Fachleute haben dazugelernt und ihre falsche Planung korrigiert. Das würden wir gern glauben, wenn wir diesen unangenehmen Vorfall aus dem letzten Jahr vergessen hätten, als im gleichen Bötzowviertel ein wildgewordener Wohnungseigentümer — und Mitarbeiter der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus — seine Mitbewohner gegen Bäume vor den eigenen Fenstern mobilisierte.

Der Mann wurde zurückgepfiffen, und die Bäume wachsen und gedeihen. Doch wer sagt, daß nicht die gleiche Meute aus Wohnungseigentümern und Funktionärsclique gegen die Zumutung einer Parkvignette putscht — diesmal aber im Verborgenen?

Denn noch etwas fällt auf: Im Bötzowviertel wohnen nicht nur überdurchschnittlich viele Regierungsbuckler und Aktensortierer. Hier hat sich auch ein Schwarm Kryptoprominenz von Osang bis zu den Fanta4 eingenistet, der den gesalbten Maklerworten glaubte und jetzt für viel Geld in Objekten wohnt, von deren Balkonen aus (1 m x 2 m) man auf dauergesperrte Springbrunnen und Straßen voller Graffiti, Schlaglöcher, Urinlachen und Hundedreck blicken darf.

Sie sind reingefallen, und das zerrt an den Nerven. Jetzt auch noch Parkvignetten, im abgeranzten Edelviertel?

Wenn man die Wut verfolgte, mit der die Gang um den Grünen Mann im letzten Jahr ein paar schmale Bäume in einer kurzen Straße verhindern wollte, kann man sich vorstellen, wie blitzartig sich die Bötzow-Society vernetzt und über ihre Kanäle die Muskeln spielen läßt, um das gesamte Viertel aus der Parkzone herauszuhalten.

Dagegen ist aus den überraschend dazugeschlagenen Straßen des Winsviertels kaum Widerstand zu befürchten. Hier wohnen Plebs, Asylant und Hartz-IV-Empfänger Wand an Wand.1 Aus Sicht der Planer ist der Tausch Bötzowviertel gegen Winsviertel ein gelungener Schachzug.

Zumindest solange, bis sich das Immobiliengeschmeiß von unten (Bötzow) und oben (Kollwitz) zur Winsstraße durchfrißt. Dann muß wohl der Thälmannpark dran glauben und eine Parkzone erdulden, als Ausgleich für die Aufhebung der Vignettenpflicht im demnächst schicken Winsviertel.

  1. Der sorgfältige Leser unserer Impressums wird bemerken, daß auch das Hauptquartier unseres kleinen Blogs in dieser Gegend liegt. Doch sind wir weniger parteiisch als vermutet: Wir haben gar kein Auto. Wir kennen aber jemand, der ein Auto besitzt, uns oft besucht und dort parkt, wo die Planer plötzlich Parkplatznot entdeckten. []

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