Doktor Schiwago im Lärmgewitter

Geschrieben von messitschbyburns am 06. April 2009 | Mono


Mono
4. April 2009
Berlin, Lido

Möchten Sie sterben?

Setzen Sie sich in Ihr Auto und fahren Sie in die Berge. Winden Sie sich die Serpentinen hoch, bis zum Gipfel. Halten Sie auf dem Parkplatz und genießen Sie den letzten Panoramablick Ihres Lebens.

Legen Sie Mono ein: Hymn to the Immortal Wind. Stellen Sie die Lautstärke auf Maximum.

Starten Sie den Motor. Rollen Sie bergab, blenden Sie Ihre Umwelt aus und hören Sie nur noch auf die Musik. Süße Klänge locken sie ins Jenseits. Sie fahren immer schneller. Die Musik wird lauter, härter, bombastischer. Sie treten auf das Gaspedal, ob Sie wollen oder nicht. Die Musik beherrscht Sie. Das Lenkrad vibriert. Aus den Boxen knallt Mono, immer gewaltiger, monströser.

Mono hilft Ihnen über die letzte Schwelle. Keine Angst mehr, nur noch Glückseligkeit. Die nächste Kurve gehört Ihnen. Sie lassen das Lenkrad los und schweben aus dieser Welt.1

Das kalkulierte Spiel mit Emotionen, das seelische Erschütterungen auszulösen vermag, ist keine Erfindung von Mono. In jedem familientauglichen Hollywoodfilm gibt es Szenen, in denen die Geiger himmelwärts schluchzen und das Publikum zum Taschentuch greift.

Mono nutzen dieses Prinzip der gezielten emotionalen Überrumpelung. Die vier Japaner Tamaki (b), Yasunori Takada (dr), Yoda (g) und Takaakira “Taka” Goto (g) verzwirbeln hauchzart hingetupfte Pianoparts mit instrumentalen Klangwänden gewaltiger Dimensionen.

Die Musik von Mono wird gern als Postrock eingetütet und mit den Postrock-Göttern Godspeed You! Black Emperor verglichen. Das trifft es nicht ganz. Zwar spielen Mono einen ähnlich pompösen Rock, aber ihr musikalischer Ansatz ist von GYBE sehr verschieden. GBYE sind experimentierfreudig bis zum Exzess. Mono haben ihre Struktur gefunden und variieren sie nur noch leicht. Man könnte es New Classic Style nennen.

Mono sind eher das lyrischen Gegenstück zu Neurosis. Wie Neurosis beherrschen sie die Laut-Leise-Dynamik, beginnen verhalten und steigern sich, bis die Trommelfelle platzen oder die Brillengläser zersplittern. Doch im Gegensatz zu Neurosis — und auch zu GYBE — pflegen sie konsequent eine fast romantische Note. Wo Neurosis die Riffs zu purer Gewalt auftürmen, bleiben Mono weich und lieblich, auch im allergrößten Lärm.

Der Auftritt von Mono war Teil einer Promotour zur neuen CD:

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Für die Produktion von Hymn To The Immortal Wind, ihrer fünften CD seit 2001, baten Mono ein Orchester aus 23 Streichern, zwei Flötistinnen und einem Herrn am Kontrabass ins Studio. Zu viel Personal für die Tour und vor allem das kleine Lido, einem ehemaligen Flohkino.

Bis auf einen Song spielten Mono die CD trotzdem komplett, und die Abwesenheit der Streicher fiel nicht unangenehm auf — was nicht heißen soll, sie wären auf der CD entbehrlich. Der nicht gebotene Song Silent Flight, Sleeping Dawn ist auf CD ein Himmel voller Geigen und wäre live nur im Halb-Playback vorzutäuschen.

Ab und an setzte sich Tamaki ans E-Piano, aber größtenteils beschränkten sich Mono auf Gitarren, Bass und Schlagzeug. Und, oh Wunder: Die Musik klang keineswegs dünn. Hörte man sich schon vor dem Konzert an der CD satt und hatte die Songs im Kopf, mußte man nur auf wenig Details verzichten — von den Streichern abgesehen.

Nüchtern betrachtet, kultivieren Mono eine gewisse Neigung zum manieristischen Klingklang. Auch, wenn es uns als Mono-Fans der Stunde Null schwer über die Lippen kommt, soll es ausgesprochen werden: Die ersten Takte ihre Songs klingen nicht selten wie Mike Oldfields Kindergartenpop. Oder wie Richard Clayderman. Ein überharmonisches Plinkern und Plonkern, zart, versponnen und manchmal kitschig.

Doch daraus entwickeln sich moribunde Soundwalzen, die Mike Oldfields süßen Brei zermalmen. Songs mit einer Spieldauer von über zehn Minuten, in denen Mono innerhalb einer Zehntelsekunde vom leisen Gitarrenflüstern zum ohrenbrüllenden Inferno wechseln. Wer diese Stellen nicht kennt, zuckt erschrocken zusammen, mit Puls 180 und dem Gefühl, jemand schlage ihm mit einem Holzhammer auf den Hinterkopf.

Steht man aber in dieser Hölle, hört man trotz der rasenden Orgie die Sehnsuchtsmelodie, die klingt, als würde jemand in der Ferne Balalaika spielen. Immer weiter plinkert sie ihr zuckriges Motiv, während die zweite Gitarre wütend, berserkerhaft dagegen anrennt, lauter und lauter wird, das Tempo strafft und dabei peitscht und kreischt und brüllt und doch nicht das jenseitige, kinderliedhafte Motiv der flirrenden Balalaika auszulöschen vermag, das den Hörer wie der klagende Gesang einer Sirene in seinen Bann zieht, in einen Sog, in dem man sich nichts sehnlicher wünscht als unterzugehen, hinabzutauchen, um Ruhe zu finden. Unmöglich, loszulassen.

Die folkloristisch gefärbte, balalaika-ähnlich verzerrte Gitarre ist eines der Markenzeichen von Mono. Das Publikum um uns herum diskutierte, warum ausgerechnet Japaner ein Faible für russisch anmutende Klänge haben. Wir wissen es auch nicht.

Angenehm ist es allemal. Man steht im tosenden Lärm, schaut auf eine derwischhafte japanische Band und hat einen verschneiten Birkenwald vor Augen, durch den Doktor Schiwago von Tonya zu Lara stapft.

Für ihren sehr speziellen Sound installierten die Gitarristen Yoda und Taka ein respekteinflößendes Arsenal von Effektgeräten, eingebaut in zwei praktischen Diplomatenkoffern, die sich nach dem Konzert zuklappen und wegtragen lassen. Man wäre gern dabei, wenn die Band diese Koffer vor den Augen der Flughafenzöllner öffnen und den Beamten plausibel machen muß, daß dies keine Vorrichtung zur Fernzündung einer Bombe sei.

Weil die Koffer auf dem Bühnenboden liegen, müssen Yoda und Taka auf einem sehr tiefen Schemel hocken, um gleichzeitig Gitarre zu spielen und die Regler zu bedienen. Das führt zu einem Kuriosum: Während des Konzerts sieht man zwar die Bassistin Tamaki, die ihr Instrument sehr energisch schüttelt und mit einer Wucht an den Saiten zupft, die man dieser zarten Frau nicht zugetraut hätte; man schaut auch den auf einem Podest spielenden Schlagzeuger Takada beim Bedienen seiner Schlagwerkbatterie und eines respektablen Gongs zu; von Yoda und Taka aber sind nur die Köpfe zu erhaschen, deren Gesichter hinter einer blickdichten Haargardine verborgen bleiben.

Was nicht heißen soll, Yoda und Taka säßen steif wie knöpfchendrehende Techniker auf ihren Barhockern. Soweit es Schemel und Schwerkraft gestatten, spielen beide bis zur physischen Erschöpfung. Exzessives Headbanging und eruptives Körperzucken über 90 Minuten; Armkreisen, Gitarrenschleudern und Feedbackschütteln; und am Ende doch noch vom Hocker lösen und im Stehen bangen, zucken, schleudern und schütteln.

Ein anderes Kuriosum bestand in der charmanten Sprachlosigkeit der Band. Mono verzichteten auf Floskeln wie “Hello Berlin, nice to be here”. Sie verzichteten auch auf Songansagen. Auf Gesang verzichteten sie sowieso. Also spielten sie wortlos ihre Lieder, verneigten sich nach dem letzten Ton des majestätischen Everlasting Light vor dem Publikum und entschwanden lächelnd. Takada packte noch eine Digitalkamera aus und fotografierte das Publikum. Selbstverständlich stumm.

Dann ging auch er.

Wem Hymn to the Immortal Wind zu viel Rock und zu wenig Tod ist, für den nahmen Mono im Jahr 2006 die CD Palmless Prayer/Mass Murder Refrain auf:

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Zusammen mit der japanischen Musikerin Katsuhiko Maeda a.k.a. World’s End Girlfriend entstand ein dunkelschwarzer Trumm aus purer Depressivität. Unterteilt in fünf namenlose Trailer mit einer Gesamtdauer von 74 Minuten, muten Mono ihren Hörern ein extrem schwermütiges, zeitlupenhaft dahinschleichendes Werk in düsterstem Moll zu, das in Katakomben voller Knochen und Schädel aufgenommen zu sein scheint, mit trübsinnigsten Streichern, die man auch dem ärgsten Feind nicht als Albtraum wünscht. Kein Lebenslicht, keine Hoffnung.

Wir haben die CD einer lebenslustigen Person vorgespielt, die nichts ahnend von dem, was kommen werde, auf dem Sofa lag. Wir schwören: Mit jeder Minute sank sie tiefer in die Polster, als zöge sie eine unsichtbare Macht vom Leben in den Tod. Die Gesichtsfarbe wechselte von gesund zu bleich, und nach zehn Minuten gellte ein Schrei durch den Raum: “Mach das aus!”

Nur als Tipp, falls sie keinen Führerschein besitzen.

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Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • Ashes In The Snow
  • Burial At Sea
  • Follow The Map
  • Pure As Snow (Trails Of The Winter Storm)
  • Yearning
  • The Battle To Heaven
  • Halcyon
  • Everlasting Light

Fotos (c) by Mono

  1. Liebe Kinder und Erwachsene, das ist eine theoretische Annahme, keine praktische Handlungsanleitung. Bitte nicht nachmachen. []

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