1992 veröffentlichten Pink Floyd die CD-Box Shine On. Das war nicht irgendeine Sammlung, sondern eine Luxus-Box der Extraklasse. Der überformatige schwarze Karton, vom Hausdesigner Storm Thorgerson (Hipgnosis) kongenial veredelt, enthielt sieben remasterte CDs:
- A Saucerful Of Secrets
- Meddle
- Dark Side Of The Moon
- Wish You Were Here
- Animals
- The Wall
- A Momentary Lapse Of Reason
… und eine Extra-CD mit seltenen Schätzen:
- Arnold Layne
- Candy and a Currant Bun
- See Emily Play
- Scarecrow
- Apples and Oranges
- Paintbox
Außerdem üppiges Beiwerk: Ein großformatiges, 116seitiges Buch mit Interviews, Hintergrundinfos, Pressestimmen, allen Songtexten und einer Discographie; dazu acht Kunstpostkarten und einen Aufsteller.

Die fortlaufend nummerierte Box war auf 10.000 Stück limitiert und wurde 2001 für kurze Zeit wiederaufgelegt. Verkaufspreis: 369,90 DM (189,12 Euro). Der wahre Fan genießt und schweigt.
2007 überraschten Pink Floyd mit der kleinen Box The Piper At The Gates Of Dawn. Gut, dachte der Musikfreund: Dieses Werk war 1992 noch nicht remastert; jetzt ist es soweit — kaufen. Es gab sogar einen Anlaß: The Piper At The Gates Of Dawn wurde 1967, also vor vier Jahrzehnten, veröffentlicht.
Zum Jubelfeste packten Pink Floyd neben der remasterten auch eine Mono-Version in die Box. Womöglich sehnt sich der eine oder andere Fan in die gute alte Zeit der Abtastnadel zurück.
Wen aber weder die remasterte noch die rumpelnde Aufnahme zum Kauf animierte, der sollte mit einer Extra-CD voller seltener Schätze gelockt werden:
- Arnold Layne
- Candy and a Currant Bun
- See Emily Play
- Apples and Oranges
- Paintbox
- Interstellar Overdrive (Take 2, French Edit)
- Apples and oranges (Stereo Version)
- Matilda Mother (Alternative Version)
- Interstellar Overdrive (Take 6)
Daß Arnold Layne, Candy and a Currant Bun, See Emily Play, Apples and Oranges und Paintbox bereits auf der Extra-CD der Shine-On-Box verbraten wurden, war den Musikern sicher entfallen. Sie sind nicht mehr die Jüngsten, und das Gedächtnis wird nicht besser. Man will ja nicht gleich an Abzockerei denken.
Die Box war nicht limitiert und wurde, je nach Tageslaune von Amazon, Saturn & Co., zwischen 18,99 Euro und 31,99 Euro verkauft.

Ein Einzelverkauf der 2007 remasterten CD The Piper At The Gates Of Dawn, ohne Mono- und Extra-Blabla, kam für unsere Großkünstler offenbar nicht in Frage. Vielleicht mit Blick auf die Lagerbestände des 1994er Remasters.
Schon Ende 2007 folgte der nächste Akt: Pink Floyd warfen 14 Studio-Alben in der CD-Box Oh By The Way auf den Markt:
- The Piper At The Gates Of Dawn
- A Saucerful Of Secrets
- More
- Ummagumma, Part I
- Umma Gumma, Part II
- Atom Heart Mother
- Meddle
- Obscured By Clouds
- The Dark Side Of The Moon
- Wish You Were Here
- Animals
- The Wall, Part I
- The Wall, Part II
- The Final Cut
- A Momentary Lapse Of Reason
- The Division Bell
Da jauchzt der Fan vor Glückseligkeit! Denn die Ankündigung klingt verlockend: Alle CDs sind Vinyl-Replica, die in den maßstabsgerecht verkleinerten Original-Hüllen stecken. Spontan verkauft der Musikfreund seine David-Bowie-Aktien, sprengt sein Sparschwein und eilt zum Plattenhändler, um seine bereits komplette Sammlung aller Pink-Floyd-CDs noch kompletter zu machen. In den neckischen kleinen LP-Hüllen werden doch sicher neu remasterte CDs stecken — oder?
Nix da. Pink Floyd machen noch mal Kasse, und zwar auf eine sehr rüde Tour. Außer The Piper At The Gates Of Dawn (2007 remastert), The Final Cut (2004 remastert) und The Dark Side Of The Moon (2003 remastert) verramschen sie die gleichen alten Remaster, die schon in der Shine-On-Box steckten oder seit 1997 in den Läden stehen.
Keine Hybrid-SACD, keine DVD, kein Dolby Digital im 5.1.-Format. Ausgerechnet jene Band, die in den 70er Jahren ihren eigenen Maßstab für brillanten Sound setzte, unerreicht von allem, was sonst noch durch die Tonstudios dieser Welt krepelte, ruht sich auf den berüchtigten 90er-Jahre-Remasters aus, die seit einem Jahrzehnt wie ein Fluch durch die heimischen CD-Player seuchen.
Man muß kein Freund von Genesis sein — und bei allen Göttern, Messitsch by Burns ist weder Freund noch Kumpel der Collins-Crew nach Gabriels Abgang –, um anzuerkennen, daß die singenden Schmalzlocken mit ihrem Box Set 1976-1982 ein mustergültiges Hörvergnügen produziert haben, das sich am HiFi-Standard des 21. Jahrhunderts orientiert. Wer Genesis mag, kann sich getrost ein Surround-System zulegen — es lohnt sich. Für Pink Floyds Oh By The Way genügt ein KT 100.
Da scheint es konsequent, daß Pink Floyd nicht nur am Sound gespart haben. Wenn schon billig, dann richtig: Die CDs stecken nicht etwa — wie bei Vinyl-Replicas zu erwarten wäre — in den papiernen Innenhüllen, die ursprünglich als konzeptioneller Teil in die Gestaltung der gesamten Verpackung der Schallplatten einbezogen waren, sondern in dürren, knitternden Schutzhüllen aus Plastik, die sich nur schwer in die Papp-Replicas zurückschieben lassen.
Auch hier ein Beispiel, wie es sein könnte: Led Zeppelin und SBB steckten die CDs für ihre Vinyl-Replicas in glatte Schutzhüllen aus Papier oder Pappe, die man leicht und bequem in die Papp-Cover schieben kann. Sage keiner, Polskie Nagrania könne sich bei der CD-Produktion finanziell stärker engagieren als EMI.
Aber Pink Floyd haben noch mehr zu bieten: Die Cover sind zu dunkel gedruckt und schlampig verarbeitet, die Texte verschwommenen oder unlesbar verkleinert.
Die wieder von Storm Thorgerson gestaltete Box besteht aus sparsam dünner Pappe. Man darf sie anschauen, aber nicht berühren. Es sei denn, man liebt Knicke und Risse.
Im dürren Pappgehäuse verstecken sich außerdem ein paar lustige Gimmicks: Auslieferung eines Teils der Auflage mit The Dark Side Of The Moon-Hülle, aber ohne CD; falsches Inlay-Cover für The Wall 2 (Seite 3 doppelt gedruckt); Verpackung von Obscured By Clouds in extrem dünner, bruchanfälliger Hülle. Pink Floyd als Überraschungsei.
Zum Trost liegt der Box ein großes Poster bei, das allerdings auf CD-Format gefaltet und mit einer entsprechenden Vielzahl von Knicken durchfurcht ist.
Wie Shine On wurde auch diese Box auf 10.000 Stück limitiert. Leider vergaß man die fortlaufende Nummerierung. Nun darf jeder Käufer glauben, er besäße die Box Nr. 1.

Den Bandmitgliedern scheint Oh By The Way selbst nicht ganz geheuer zu sein. In einem Interview druckst Nick Mason:
“Ich bin sicher, dass wir alle nicht ganz glücklich damit sind, aber es war besser als alles andere, auf das wir uns einigen konnten.”
Eine bessere Variante wäre der Verzicht auf diese Box gewesen, zumal es fast alle Alben mit dem gleichen Remaster als Einzel-CDs zu kaufen gibt.
Noch mal Nick Mason:
“Natürlich gibt es einen kommerziellen Aspekt dabei. Es gibt aber einen Aspekt, der diese Ausgabe rechtfertigt: Es ist vielleicht das letzte Hurra von CDs und Platten, die in Geschäften gekauft und nicht heruntergeladen werden.”
Das letzte Hurra. Für einen Preis zwischen 149,99 und 229,00 Euro; bei Amazon zur Zeit für 159,95 Euro. Wenn es nicht so absurd wäre, könnte man glauben, das Unternehmen Pink Floyd stünde vor der Pfändung und Zwangsvollstreckung.
Sollte die Band beim rigorosen Ausschlachten ihres Gesamtwerkes auf den Geschmack gekommen sein, stehen uns noch einige gruslige Jahre bevor. Denn ab jetzt häufen sich die 40-Jahre-Jubiläen:
More und Ummagumma (2009), Atom Heart Mother (2010), Meddle (2011), Obscured by Clouds (2012), The Dark Side Of The Moon (2013), Wish You Were Here (2015), Animals (2017), The Wall (2019), The Final Cut (2023), A Momentary Lapse Of Reason (2027), The Division Bell (2034).
Haben Sie’s gemerkt? 2017 feiern wir ein Dreifachjubiläum: 30 Jahre A Momentary Lapse of Reason, 40 Jahre Animals und 50 Jahre The Piper At The Gates Of Dawn. 2019 folgt der nächste Triple-Kracher: 50 Jahre More und Ummagumma und 40 Jahre The Wall.
Reichlich Gelegenheit für Special Editions, Limited Box-Sets, Box-Sets de Luxe und Personal Box-Sets mit CDs, die von Waters und Gilmour persönlich berührt wurden (getrennt durch ein Wand aus Rechtsanwälten).
Sparen Sie deshalb schon heute, damit Sie zu jeder Feierlichkeit Pink Floyds lose CD-Sammlung in der Plastik-Jubeltüte (designed by Hipgnosis) erwerben können. Für günstige 199,00 Euro (Mono-Version; Preis für Stereo auf Anfrage).
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