Was dem Jupiter erlaubt ist … (1)

Geschrieben von messitschbyburns am 16. April 2009 | Berliner Zeitung, Die Linke, Gysi, Obama, Was dem Jupiter erlaubt ist ...


Frühstücksschnittchen Gerold Büchner und sein Schatten Damir Fras verhakten sich neulich in Gregor Gysi. Ein als Interview für die Berliner Zeitung getarntes Dauerwatschen prallte zwar an Gysi ab, fiel aber mit Karacho auf die beiden Schreibschnurzel zurück.

Vorausschicken muß man, daß Gysi von Ete und Petete verbal geprügelt werden sollte, weil die Linkspartei die Nato abschaffen und durch ein System kollektiver Sicherheit ersetzen möchte.

Dafür dachten sich der Pflaumenaugust und sein Streuselkuchen neckische Fragen aus, die sie der Einfachheit halber als Suggestivbehauptung formulierten:

“Der Afghanistan-Einsatz der Nato ist aber völkerrechtlich vom UN-Sicherheitsrat mandatiert.”

Wunderbar. Köstlich.

Man nehme: einen Entschluß des UN-Sicherheitsrats, der den USA das Recht auf Selbstverteidigung einräumt. Man nehme weiterhin: eine dahingeschluderte Erklärung der US-Regierung, warum das bettelarme Afghanistan und deren fanatisierte Taliban eine Gefahr für die USA bedeuten sollen.

Man ignoriere: die Nichtexistenz von Beweisen für die Beteiligung Bin Ladens an den Anschlägen des 11. September 2001. Man ignoriere außerdem: die Selbstermächtigung der USA, in jedes Land einzumarschieren, das sie zur eigenen Bedrohung erklären.

Und schon wird die Invasion in Afghanistan zum Recht auf Selbstverteidigung verbogen.

Die nächsten Fragen, bitte:

“Was wäre denn mit den Fortschritten in Afghanistan, wenn die Nato abzöge, so wie Sie es verlangen?”

“Wie wollen Sie denn verhindern, dass Afghanistan wieder in finstere Zeiten fällt, wenn die Nato abzieht?”

Nach acht sinn- und erfolglosen, nur für den militärisch-industriellen Komplex und die internationalen Drogenhändler segensreichen Jahren der US-Invasion von Fortschritten zu faseln, setzt entweder stupide Ignoranz oder debile Aussetzer voraus.

Die Marionette Karsai regiert kaum mehr als ihren Palast. Die Taliban erobern das Land zurück. Der Schlafmohnanbau wird auf jährlich steigende Rekordflächen ausgedehnt. Die soziale und ökonomische Situation der Afghanen ist dramatisch schlecht.

Fortschritte in Afghanistan.

Doch manchmal werden trübe Propagandatröten wie unsere beiden Schnuffelbärchen blitzartig von der Realität überrollt. In der gleichen Ausgabe vom 3. April, nur eine Seite weiter, druckte die BLZ eine klitzekleine, sehr stark gekürzte AP-Meldung:

“Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat am Donnerstag ein Gesetz unterzeichnet, das Ehefrauen dazu zwingt, mindestens alle vier Tage mit ihrem Mann zu schlafen. Der Mann solle dagegen höchstens vier Monate am Stück enthaltsam leben, verfügt das Gesetzes zur Regelung des Familienlebens unter den Schiiten. Es stößt in Kabul auf scharfe Kritik: Damit würden nach dem Sturz der Taliban errungene Frauenrechte untergraben.”

Köstlich, fürwahr. Eben noch muß sich Gysi von Pat & Patachon anblaffen lassen, er wolle einen Rückfall in finstere Zeiten riskieren — und schon kommt Grüßaugust Karsai um die Ecke und nimmt den schiitischen Frauen den Rest ihrer kümmerlichen Freiheiten.

Letzte Frage an Gysi:

“Sind Sie ein Fantast?”

Gysis Antwort:

“Darf man das nicht mehr sein? Ich weiß auch, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr erleben werde, aber deswegen darf ich mir trotzdem einen Kopf machen, wie die Uno tatsächlich zum einzigen Organ werden könnte, das für Sicherheit auf der Welt sorgte.”

Und jetzt, liebe Leser, folgt ein ganz großer Moment deutscher Pressekultur.

Am gleichen Tag, an dem Gysi von zwei dämmergeistigen Lohnschreibern für den politischen Traum einer friedlichen Welt abgemeiert wird, hielt Barack Obama seine Straßburger Rede. Darin kündigt Obama eine Abrüstungsinitiative an.

Kommentar von Damir Fras am 4./5. April, nur einen Tag nach seinem Gysi-Bashing:

“Martin Luther King hatte auch einmal einen Traum. Dieser wurde 40 Jahre später Realität, als die Amerikaner Obama zu ihrem Präsidenten wählten. Jetzt hat Obama einen Traum. Die Chancen stehen gut, dass es diesmal keine 40 Jahre dauert.”

Wieder einen Tag später, am 6. April, ist es offiziell: Obama bietet die atomare Abrüstung an. Fras bildet spontan ein Ein-Mann-Spalier und jubelt Obama in einem dreispaltigen Kommentar zu:

“Obama hat einen Prozess angestoßen, mehr noch nicht. Doch in den kommenden Monaten dürften sich die ersten Erfolge zeigen […] Alleine die Tatsache, dass die USA als größter Atomwaffenstaat der Welt keinen Besitzerstolz mehr vor sich hertragen, wird Wirkung zeigen.”

Die polemische Frage: “Sind Sie ein Fantast?” gilt demnach nur für Mitglieder der deutschen Linken. Denn Obamas Vision ist ebenso weit von der Realisierbarkeit entfernt wie Gysis Wunsch nach Auflösung der Nato. Doch bei Fras strahlt und funkelt Obama vor den Stufen des himmlischen Throns von Martin Luther King.

Gysi ist nur bäh.

“Quod licet Iovi, non licet bovi”, sagt der Lateiner: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt. Wir wissen nun, wer ein Rindvieh ist und wer Jupiter.

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