Im November letzten Jahres enthüllte unser Held Tiefensee grausame Details aus dem Alltag in der DDR:
“Es war doch alles kaputt — jedes Haus, jede Straße, jedes Krankenhaus, jede Schule.”
Inzwischen präzisierte der Minister seine Beobachtungen:
“Es gab keine Freiheit des Wortes, der Reise, der Wahl und des Wohnsitzes […]”
Ja nun.
Man könnte spitzfindig fragen: Wenn jedes Haus kaputt war, wozu dann die freie Wahl des Wohnsitzes?
Doch das Thema ist zu ernst, und unser Held Tiefensee meint vermutlich etwas anderes. In der DDR wurden die Wohnungen kommunal verwaltet, inklusive der Wohnungsvergabe. Die Wohnraumzuweisung war an diverse Auflagen geknüpft. Eine Ehe mit zwei Kindern beflügelte den Erhalt einer Wohnung, ein Junggesellendasein dagegen sicherte einen Platz am unteren Ende der Warteliste. Getreu dem Wort des Generalsekretärs: “Nicht jedem eine Wohnung, sondern jedem seine Wohnung.”
Diese Zeiten sind vorbei, Gott sei’s gedankt. Unserem Held Tiefensee zu Ehren wollen die Leipziger sein Konterfei in den Granitporphyr des Völkerschlachtdenkmals hauen, mit dem Gesicht zum Volke, damit der Turm als 91 Meter hoher Tiefensee-Kopf von weitem grüßt wie Abraham Lincoln vom Mount Rushmore:

Denn niemand kann besser würdigen als die Leipziger, was unser Held Tiefensee im Revolutionsjahr vollbrachte. Am 6. Oktober 1989 entwaffnete er den blutlüsternen Kampfgruppenkommandeur Lutz mit einem beherzten Schlag auf den Kopf — einem Schlag, der seither als Tiefensee-Punch in Box-, Karate- und Taekwondo-Gymns trainiert wird, unter einem Buntfoto des unsterblichen Punchers — und führte erst seine 500.000 Leipziger und dann die 16 Millionen DDR-Bürger in die Freiheit. Jeden einzelnen.
Diese historische Fotografie hält den Augenblick fest, in dem unser Held Tiefensee seine lieben Leipziger zum Sturm auf die Stasi-Zentrale rief:

Zu seinen Füßen schlummern ermattete Kampfgefährten, deren Kräfte denen unseres Helden Tiefensee, des Titans der Bürgerbewegung, nicht gewachsen waren. Er aber, der Koloss unter den Giganten, schnappte sich eine Fahne aus dem Museum der Geschichte der Völkerschlacht 1813 — DDR-Fahnen waren bekanntlich Mangelware, und etwas zum Wedeln braucht jeder Führer –, riß sich das Hemd auf und entblößte seinen Busen, um die SED-Soldateska zu verwirren, denn eine Transe hatten sie noch nie gesehen, und auf Frauen schießt man nicht.
“Bananen jetzt!”, rief unser Held Tiefensee, “und zwar umsonst!” Festere Nahrung hätte niemand mehr vertragen in der DDR, wie Sie, liebe Leser, an den ausgemergelten Körpern auf diesem einmaligen Zeitdokument erkennen können. Erschütternd, wenn man die abgetragene Kleidung betrachtet, geschneidert in einer versunkenen Epoche, nun aber im Kreißsaal weitergereicht vom Urgroßvater an das Enkelkind, damit es nicht nackt durch die Straßen laufe, weil die SED-Schergen die Jahresproduktion Malimo Rundstrick zu 150 Prozent an Neckermann verschacherten.
Als DDR-Mensch schämte man sich seiner abgeschabten Plünnen — nur unser Held Tiefensee nicht, der gerne Kleider trug und am 6. Oktober 1989, von 10 bis 12, die Tyrannei der SED zerschmetterte und nach dem Mittagsschlaf das Weibliche im Männlichen befreite. Lorenzo dankt es ihm noch heute.
Am nächsten Morgen beugte sich unser Held über die Planung seiner Stadt, wie jeder große Führer.
Er ließ ein hölzernes Modell von seinem Klein-Paris errichten. 500 Bürger packten an, um es in seine Amtsstube zu schleppen. Dort tippte er mit einem Finger auf ein langgestrecktes Haus und sagte: “Hier!” Wie einstmals Walter Ulbricht, Leipzigs zweiter großer Sohn, der 1964 einen spielzeugkleinen Fernsehturm auf dem Modell Berlins von den Müggelbergen zum Alexanderplatz versetzte und dabei ausrief: “Hier!”
“Hier!”, rief auch unser Held Tiefensee und zeigte auf den Leipziger Hauptbahnhof. Dann fuhr er mit ausgestrecktem Cellofinger zum Bayrischen Bahnhof, einem zwar historischen, aber scheintoten Gebäude, in Zentrumsnähe gelegen, unweit des Hauptbahnhofs: “Und hier!” An die Wand schrieb er mit rotem Filzstift “U-Bahn”, wie ein Menetekel für die Nachgeborenen.
Mit lautem Jubel gruben seine Leipziger den Tunnel, 4 km lang, damit eine U-Bahn fahren möge über vier Stationen, hin und her, her und hin, ein flotter Geisterzug, den niemand braucht, zwischen Haupt- und Bayrischem Bahnhof. Derweil packte unser Held seine Schrankkoffer und Hutschachteln, schürzte sein Kleidchen und tänzelte nach Berlin, ins große, gemütliche Ministerbüro.
Die Rechnungen für seine U-Bahn sah er nur noch aus der Ferne. Die U-Bahn ist noch lange nicht vollendet, doch fehlen schon mal 200 Millionen Euro im Etat — die Kosten sind gestiegen. Man will das Geld beim Straßenbau und bei den Straßenbahnen in Chemnitz, Dresden und auch in Leipzig sparen (hier als pdf). Doch niemand murrt, denn jeder weiß: Ist die letzte Straßenbahn verschrottet, treffen wir uns eben in der U-Bahn und fahren vier Stationen hin und her, den ganzen Tag. Das Nahverkehrsproblem ist schlagartig gelöst.
Und auch die Wohnungsnot hat nun ein Ende. Am 6. Oktober 1989, kurz vor dem Schlafengehen, entzündete unser Held Tiefensee mit einem prometheischen Funken, geschnipst aus Daumen und Mittelfinger, ein Freudenfeuer aus Tausend und Abertausend Wohnberechtigungsscheinen.
Nun darf der freie Bürger wohnen, wo er möchte. Nie wieder realsozialistischer Behördenstreß und Gängelei.
Er benötigt nur
- eine Kaution
- ein Girokonto
- einen Schufa-Auszug
- eine Verdienstbescheinigung
- die Kontoauszüge der letzten drei Monate
- einen Auszug aus dem gerichtlichen Schuldnerverzeichnis
- eine Bestätigung der lückenlosen Mietzahlung vom Vorvermieter
Ein Klacks, ja, eine Wohltat, gemessen an der Willkür in den Amtsstuben der kommunistischen KWV. Und der Beweis grenzenloser, freier Wahl des Wohnsitzes: Wer fleißig ist und genügend Geld verdient, hat alle Papiere im Nu beschafft.
Wer nicht, wählt eben das Obdachlosenheim als Wohnsitz. So oder so: Er hat die Wahl, im Gegensatz zur DDR.
Unser Held Tiefensee muß uns nur oft genug daran erinnern. Wir vergessen so schnell, wie gut es uns geht.
1 Kommentar ↓
Wenn Sie Herrn Tiefensee schon groß an das Völkerschlachtdenkmal nageln, sollten Sie vielleicht noch hinzu fügen, daß er den Orden der Französischen Ehrenlegion wahrscheinlich auch nur erhalten hat, damit er das Völkerschlachtdenkmal verfallen läßt. Sehr im Interesse Französisch-Napoleonischen Größenwahns und sehr zum Schaden der Stadt Leipzig. Aber bitte: Herr Tiefensee hat als bekennender Katholik und Karriere-Sozialdemokrat keine politische Meinung, sondern nur persönliche Ziele. So kommt man in der Politik am weitesten.
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