Pro Reli: Lehming knallt durch

Geschrieben von messitschbyburns am 10. April 2009 | Lehming, Pro Reli


Malte Lehming putscht die Leser des Tagesspiegels seit Monaten auf, beim Berliner Volksentscheid am 26. April für die Einführung des Religionsunterrichts als Pflichtfach zu stimmen.

Noch ist der Ausgang offen. Keine Seite kann vorhersagen, wer den Volksentscheid gewinnt. Weil sich das Blatt durchaus noch gegen die gottesfürchtigen CDU- und FDP-Mitglieder wenden kann, verstieg sich Lehming jüngst zu einem brüllend idiotischen Pro-Reli-Kommentar. Das Pamphlet liest sich wie ein Verzweiflungsschrei, wie das Stemmen gegen eine mögliche Niederlage.

Es könnte aber auch einer Anleitung aus dem Handbuch für das Minderhirn entnommen sein:

Part I: Vergleiche deine Gegner mit Haßgesichtern der Weltgeschichte:

“Man muss der SPD freilich dankbar dafür sein, dass sie nicht auch noch die Mär von der angeblichen Zwangsentscheidung übernommen hat, vor der sich die Schüler sähen, falls Religion Wahlpflichtfach würde. Nach dieser Logik stünden auch Nordkoreaner vor einer Zwangsentscheidung, wenn Kim Jong-Il einen Oppositionskandidaten zulassen würde.”

Quizfrage:

Ein Schüler muß sich zwischen Pflichtfach A und Pflichtfach B entscheiden. Trifft er diese Entscheidung

a) zwanglos?
b) unter Zwang?

Wenn Sie einen Telefonjoker brauchen, wählen Sie die Nummer der nordkoreanischen Botschaft und lassen sich mit Kim Jong-Il verbinden. Bestellen Sie ihm schöne Grüße vom kleinen rechten Pantoffeltierchen.

Part II: Fordere von deinem Gegner Statistiken, die du selbst nicht liefern kannst:

“Am wohlsten fühlen sich Berlins Sozialdemokraten bei der Behauptung, ein verpflichtendes Fach Ethik diene der Integration. Das ist insofern interessant, weil es dafür keinen einzigen Beleg gibt. Keine Zahlen, keine Statistiken, keine Studien, nichts. Es ist ein Glaubenssatz, der sich als solcher kaum von dem an die unbefleckte Empfängnis unterscheidet.”

Es gibt für jede Statistik eine Gegenstatistik, für jede Studie eine Gegenstudie. Nur der Glauben ist nicht meßbar.

Part III: Bringe einen Nazivergleich, bevor es dein Gegner tut:

“Wie soll man sich die integrative Wirkung des Ethikunterrichts eigentlich vorstellen? Einmal angenommen, es gibt einen Schüler namens Ibrahim Hasanbeyoglu, der aus einer streng muslimischen Familie kommt, Ibrahim hat ein diskriminierendes Frauenbild und mag weder Homosexuelle noch den Christopher Street Day. Im Ethikunterricht soll dieser Ibrahim deshalb umerzogen, gewissermaßen kulturell entnazifiziert werden und ein Bekenntnis ablegen zu Toleranz und Emanzipation.”

Das nennt man Godwin’s Law: “Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.” Gilt auch für randständige Kommentatoren des Tagesspiegels, deren Horizont nicht über den Stapel Zeitungszeugen reicht, der auf ihrem Schreibtisch liegt. Die gespielte Entrüstung über Nazis ist übrigens ein alter Hut in rechten Kreisen.

Doch das dunkelbraune Mumpelhörnchen wußte Godwin’s Law zu steigern. Die Verbindung des islamischen Namens Hasanbeyoglu (den es wirklich gibt) mit dem Begriff “kulturell entnazifiziert” schweißt zusammen, was für Lehming zusammengehört: Moslems und Nazis.

Moslems kulturell entnazifizieren zu wollen, ist übrigens pure Hetze. Also typisch Lehming.

Part IV: Schiebe dem Gegner einen Wertebegriff unter, den er nie benutzen würde:

“Eine Schule, die sich explizit als Wertgegenpol zu bestimmten Familien definiert, riskiert, von diesen Familien insgesamt abgelehnt zu werden - als ein Ort der zwangsmultikulturellen Leitkultur.”

Die in der Schule vermittelten Werte ausschließlich daran ausrichten zu wollen, was Familien — egal, ob deutsche oder nichtdeutsche — begrüßen oder ablehnen, ist hirnverbrannter Schwachsinn. Hardcore-Christen würden sexuelle Aufklärung sofort aus dem Lehrplan werfen, wenn sie könnten.

Abgesehen davon zwingt der braune Schlammgründler zwei Begriffe aneinander, die ihrer Bedeutung nach völlig konträr sind und als Begriffspaar nicht verwendet werden: Multikultur und Leitkultur, dramatisch gesteigert durch das Wörtchen Zwang.

Für diese Methode fortgeschrittener Demagogie existiert ein historisches Vorbild: Nationalismus + Sozialismus + Arbeiter + Partei = NSDAP. Um die von Lehming abgrundtief gehaßte Multikultur zu diffamieren, ist ihm jede historische Anleihe recht.

Part V: Interpretiere Forschungsberichte selektiv. Laß weg, was stört:

“Etwas fundierter als über die Vor- und Nachteile von Ethik lässt sich inzwischen über die des Religionsunterrichts sprechen, zumindest des evangelischen. Der nämlich leistet in Berlin, wie es die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ am 26. März 2009 zusammenfasste, ‘einen wesentlichen Beitrag zum interreligiösen und interkulturellen Verstehen durch Problembewusstsein und Sprachfähigkeit’. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Stichprobe bei 1600 Schülern aus Berlin und Brandenburg in der zehnten Klasse. Das entsprechende Projekt (’Konstruktion und Erhebung von religiösen Kompetenzniveaus im Religionsunterricht am Beispiel des Evangelischen Religionsunterrichts’) wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.”

Die wirkliche Intention des Forschungsprojekts kann man hier lesen. Was Lehming außerdem verschweigt:

Die Schüler wurden aufgefordert, ihre im Religionsunterricht erworbenen interreligiösen Kenntnisse und Fähigkeiten selbst einzuschätzen. 84 Prozent geben an, dass sie gelernt haben, Menschen mit anderen Glaubensüberzeugungen besser zu verstehen, 71 Prozent sehen ihre Empathiefähigkeit verbessert und 63 Prozent sind ihrer eigenen Einschätzung zufolge interreligiös sprachfähiger geworden.

Die Stichprobe basiert demnach auf eigenen subjektiven Einschätzung der Schüler, nicht auf objektiven, vergleichbaren Kriterien. Keine weiteren Fragen.

Part VI: Schüre Panik für den Fall deiner Niederlage:

“Natürlich kann es sein, dass der Pro-Reli-Volksentscheid trotzdem nicht die erforderliche Mehrheit bekommt. Was dann? Dann wird vielleicht der Ansturm auf konfessionelle Schulen in Berlin (in den vergangenen vier Jahren wurde die Zahl der Schüler verdoppelt, auf einen Platz kommen im Schnitt drei bis vier Bewerber) noch stärker werden. Das hieße, noch mehr bildungsnahes Bürgertum würde aus den staatlichen Schulen abwandern, wodurch die Integrationsarbeit an diesen noch mühsamer würde. Verdenken jedenfalls könnte es den Abwanderern keiner, auch weil die christlichen Schulen zu den besten überhaupt gehören. Die drei ersten Plätze der erfolgreichsten Gymnasien (bester Abitursschnitt) belegten im vergangenen Jahr konfessionelle Einrichtungen: Platz eins die Evangelische Schule Frohnau, Platz zwei das katholische Canisius-Kolleg in Tiergarten, Platz drei das Gymnasium zum Grauen Kloster in Charlottenburg-Wilmersdorf.”

Lehmings Zahlen kennen wir aus einem Artikel der Berliner Morgenpost vom 8. Oktober 2008. Wir können daraus noch mehr Zahlen zitieren: Die evangelischen Schulen unterrichten 7.000, die katholischen Schulen 9.000 Schüler.

Zum Vergleich: An Berlins allgemeinbildenden Schulen werden im Schuljahr 2008/2009 327.800 Schüler unterrichtet. Etwas mehr als zwei Prozent besuchen demnach eine evangelische oder katholische Schule. Daraus dichtet Lehming einen Ansturm auf konfessionelle Schulen in Berlin.

Was Lehming ebenfalls verschweigt: Die drei erfolgreichsten Gymnasien sind zu keiner Aufnahme verpflichtet. Sie sortieren ihre Schüler aus. Dadurch vermeiden sie Klassen mit hohem Ausländeranteil und potentiellen Problemschülern. Am warmen Ofen ist gut hocken.

Lehmings grotesk schiefer und manipulativer Kommentar wird nicht der letzte Zilp des Braunkehlchens gewesen sein. Bis zum 26. April sind noch ein paar Tage Zeit, um die Pro-Reli-Hysterie weiter anzustacheln.

Bemerkenswert an Lehmings Verbalwürstchen sind zwei Dinge:

  • Er schreibt keinen Kommentar ohne Rückendeckung seiner Chefs, Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt. Nicht, daß deren nationalkonservatives Weltbild überraschen würde. Wir wollten es nur noch mal erwähnen. Man vergißt leicht, welche Larven an der Spitze des Tagesspiegels stehen (von Unfiguren wie Giovanni di Lorenzo abgesehen, da lohnt sich keine Silbe über die Namensnennung hinaus).
  • Er schreibt zunehmend an seinen Lesern vorbei, zumindest an den aktiven, die die Kommentarfunktion benutzen. In bisher 44 Kommentaren überwiegen Entsetzen, Abscheu, Verachtung und Spott. Nur ein paar bibeltreue Lehmingfans feuern ihn an, bei der Fahne zu bleiben. Ein grottenschlechtes Verhältnis für den Leitenden Redakteur Meinung, dessen Aufgabe nicht darin besteht, im Stil der Jungen Freiheit an seinen Lesern vorbei zu schreiben oder sie zu beleidigen.

Die von Tagesspiegel-Lesern geäußerte Vermutung, Lehming sei ein redaktionelles U-Boot, das mit wüster Polemik Traffic generieren und die Zugriffszahlen — und damit den Preis der Werbeflächen — hochtreiben soll, ist Kokolores. Wenn das schwarzbraune Krustentier eine kritische Masse von Lesern vergrault, sinkt auch der Traffic.

Nein, Lehming knallt einfach durch. Das Leben am äußersten rechten Rand der Gesellschaft muß ganz schön hart sein.

1 Kommentar ↓

#1 MG am 02.05.09 um 05:07

Es ist von Herrn Lehming eine blanke Frechheit, in seinem Beispiel die Homosexuellenfeindlichkeit von Moslems als Beispielpunkt anzuführen.
Bei der Frage, ob eine solche Einstellung eher in einem Religionsunterricht bekennender Natur oder im weltanschaulich neutralen Ethik-Unterricht begegnet wird, ist die Antwort ja wohl klar.
Die christliche Kirchen diskriminieren seit Jahrhunderten Homosexuelle (nicht nur die…) - in den meisten evangelischen Landeskirchen ist die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften immer noch illegal.
Und jetzt plädieren sie für Religionsunterricht, um Homophobie zu bekämpfen?
Schon mal einen Brand mit Benzin gelöscht?

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