Earth
11. April 2009
Berlin, Kreiskulturhaus Prater
Ja, doch. Es war ein Ereignis. Kein ganz großes mehr wie in jener, heute zur Legende erhobenen Nacht des 2. März 2006, in der Earth im ausverkauften Saal der Berliner Volksbühne als Vorband vor Sunn 0))) spielten. Weniger spirituell durchtränkt als am 27. Februar 2008 im kleinen Lido.
Eher nüchtern, sachlich. Fast ein Geschäftstermin. Aber nur fast.
Die Kirche des Dylan Carlson steht dort, wo Dylan Carlson seinen Fuß hinsetzt. Auch auf der kargen Prater-Bühne, wo einst ein traditionsumflorter Saal einlud, der seit 1837 abwechselnd als Sauf-, Tanz-, Kino- oder Theaterstätte genutzt wurde.
Volksbühnen-Indendant Frank Castorf, der den leidgeprüften Pratersaal wieder mal als Spielstätte mißbrauchen darf, rasierte 2009 mit sicherem Gespür für gar nichts alles weg, was im Inneren noch übrig blieb. Nun hat er, was er wollte: einen lächerlichen, unfertigen, banausigen, mit ansteigenden Podesten terrassierten und billigem Baumarktholz beplankten Frevel. Halb Ruine, halb Garage.
Earth hätten auch in Schiesser Feinripp spielen können, passend zu Castorfs toter IKEA-Buchte, dem vormals lebensprallen Prater.
Earth wirkten in dieser Umgebung wie verirrte Handlungsreisende. Dylan Carlson betrat die Bühne gemeinsam mit seiner Band, schnallte sich die Gitarre um und spielte. Kein gemächliches Nacheinander der Bandmitglieder mehr, die früher mit würdevollen Abständen ihre Plätze einnahmen und den Klang ihrer Instrumente aufeinanderlegten, bis Dylan Carlson erschien und seine Gitarre über den mächtigen Bauch spannte.
Sie standen im fahlen Licht der leeren Bühne wie bei einer öffentlichen Probe.
Und es wäre gelogen, zu sagen, mit Dylan Carlsons erstem Riff hätte sich die Baubuden-Aura des neuen Praters verflüchtigt. Ein paar Minuten bedurfte es schon, bis der atmosphärische, nonverbale Ambient Drone von Earth die OBI-Zumutung aus dem Bewußtsein verdrängte. Der bedauernswerte Mann am Mischpult mußte experimentieren, um den akustikfeindlichen Sound in Castorfs Bananenbunker in den Griff zu bekommen. Das Experiment dauerte bis zum vierten Song. Die Setlist ist nicht viel länger.
Das äußerst disziplinierte Publikum im sehr gut gefüllten Saal ertrug es mit Geduld. Man war wegen Earth hier, als Jünger des Apostels der Langsamkeit. Langsamkeit, nicht Doom. Wir schrieben es bereits, und wir wiederholen es noch einmal: Earth sind keine Doom-Band. Vom ersten Song an fiel auch im Prater ihre phänomenale Nähe zum Slowcore von Codeine auf; so dicht, als stünden die Vergessenen wie gute Schatten hinter Earth, als Trio aus dem Totenreich der Musikgeschichte, das die Hand von Dylan Carlson lenkt.
Earth spielten sich warm. Sie boten — mit zwei Ausnahmen — nur Songs ihrer letzten CD The Bees Made Honey In The Lion’s Skull. Die Ausnahmen sind ein unveröffentlichter und Bonus-Song (Junkyard Priest), der nur auf der Vinyl-Edition erschien. Und auch, wenn sich die aktuelle Setlist in gerade mal zwei Positionen von der letztjährigen unterschied, war es gut.
Steve Moore bearbeitete seine kleine Wurlitzer-Orgel mit einer Intensität, als wolle er das Instrument mit den Fingern zerhacken. Er wuchtete den Oberkörper im Sitzen vor und zurück, wie ein Rabbi mit dichtem schwarzem Rauschebart, der den einen und einzigen Gott in langen Gebetsformeln lobpreist. Und selbstverständlich blieb er dem Publikum das traditionelle Posaunenspiel nicht schuldig.
Welche Freude, Don McGreevy am Bass zu erleben. Er schlug die Saiten nicht mit dem Stumpfsinn eines menschlichen Metronoms, dessen Erfüllung darin besteht, den Rhythmus vorzugeben. Er spielte virtuos auf seinem Instrument, übernahm gar die Führung, zupfte Melodien, verzerrte seinen Bass, gab ihm einen stählernen oder sphärischen Klang, ließ ihn zischen und wabern, trat bis auf Handbreite an den Verstärker heran, fing Rückkopplungen ein und modulierte sie zu kleinen eigenständigen Wölkchen, die aus den Boxen schwebten, um sich als flirrender Wohlklang auszubreiten.
Adrienne Davies erledigte ihre Aufgabe leidlich. Die Schlagzeugerin wird in diesem Leben keine Fachkraft mehr an ihrem Instrument. Auch als Lebensgefährtin von Dylan Carlson nicht. Man sollte sich hüten, in der Verehrung für den Meister der Selbsttäuschung zum Opfer zu fallen und ehrfürchtig alles abzunicken, was dessen Hand berührte. Adrienne Davies kämpft in jedem Song darum, den Takt zu halten. Ihr Spiel ist eingeschränkt und steif; sie trommelt zu früh oder zu spät und vor allem zu laut.
Ihr stumpfes Pauken war schon vor drei Jahren in der Volksbühne unangenehm; das hat sich bis zum Konzert im Prater nicht verbessert. Wer das Schlagzeug auf den CDs wirklich einspielt, ist ein Rätsel. Entweder gibt es einen ungenannten Sessiondrummer, oder der Produzent kennt einen guten Toningenieur. Denn eine multiple Adrienne Davies — im Studio hui, auf der Bühne pfui — dürfte als dritte Möglichkeit ausfallen.
Dylan Carlson bewegte sich nur wenig, stakste manchmal unbeholfen ein paar Meter. Meist stand er an einem Fleck, die Gitarre eigentümlich hochgebunden. Zuweilen senkte er das Gesicht, bis das Kinn den Körper berührte. Dann ruhte er massig wie sein eigener Buddha, still den Wellen seiner Körperströme folgend.
Je weiter der Abend fortschritt, desto intensiver verlor sich das Publikum im Rausch tieffrequenter Langsamkeit. Doch ausgerechnet mit einem unveröffentlichten Stück feierten Earth eine Krönungsmesse ihrer selbst. Der von Dylan Carlson als Song in e flat minor benannte Titel spülte alles fort, was Earth bis dahin aufgebaut hatten, um auf dem kahlen Fundament eine neue, schwarze Kathedrale zu errichten, mit sternenfunkelnden Scheiben, in denen sich das falbe Licht einer ewig untergehenden Sonne bricht.
Dieses eine Lied geriet Earth zum wortlosen Triumphgesang.
Erst zupfte Dylan Carlson die Saiten seiner Gitarre, kurz, fast zärtlich, als wolle er sie aus einem tiefen Schlummer wecken. Dann riß er sie energisch an, viermal, fünfmal nur, um lange ihren Klängen nachzulauschen. Er zerdehnte die Musik, wieder und wieder, beglückend endlose Sekunden lang. Er schüttelte seine Gitarre, ließ ihren Korpus schwingen und die Töne vibrieren, die aus dem Schüttelkorpus stiegen, um das Publikum dröhnend einzuhüllen und ihm Kraft und Trost zu spenden.
Denn das ist die Botschaft dieses heiligen Mannes von der Kirche des Ambient Slow Drone: Liebe und Geborgenheit, Ruhe und Gelassenheit. Gepredigt in der Stimmung von Vergänglichkeit und Tod. Aus Düsternis werde Licht, und Licht scheide sich mit Dunkelheit.
Alles ist vergänglich: The Bees Made Honey In The Lion’s Skull.

Steve Moore, Adrienne Davies, Dylan Carlson, Don McGreevy
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Omens and Portents II: Carrion Crow
- Engine Of Ruin
- Hung From The Moon
- Rise To Glory
- (Ohne Titel)
- The Bees Made Honey In The Lion’s Skull
- Junkyard Priest
Foto (c) by Earth
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