Strenger Lesebefehl!

Geschrieben von messitschbyburns am 22. April 2009 | Filesharing, Überwachung


Im von-der-Leyen- und Pirate-Bay-Stress hätten wir beinahe vergessen, Ihnen, liebe Leser, ein Interview allerwärmstens zu empfehlen, das schon Ende letzter Woche erschien. Diesen Fehler machen wir sofort wieder gut.

Der Medienwissenschaftler Volker Grassmuck spricht im Tagesspiegel über die Chancen der Künstler im Internet. Ja, Sie haben richtig gelesen: Über die Chancen, nicht über Zensur und Reglementierungen. Eine Stimme der Vernunft in der Kloake des Überwachungsstaates.

Grassmucks Interview ist mit der Zeile “Downloaden muss legal werden” überschrieben. Das ist der übliche Plakativismus des Tagesspiegels, aber daran sollten Sie sich nicht stören. Lesen Sie, was Grassmuck zu sagen hat. Sie werden staunen.

Zum Beispiel hierüber:

“Als Tonbandgeräte in Umlauf kamen, wollte die GEMA sich die Personalausweisdaten der Käufer geben lassen, um Gebühren für die Musiknutzung einzufordern. Der Bundesgerichtshof entschied, dass das Grundrecht auf Privatsphäre überwiegt.”

Hätten Sie’s gewußt? Wir nicht.

Grassmucks zentrale These lautet: “Tauschbörsen sind eine eingeführte Kulturtechnik. Also muss man sie legalisieren.”

Deshalb plädiert er für eine Kulturflatrate von 5 Euro pro Monat, ähnlich den Gebühren der GEZ, die jeder zahlt, der ein empfangsbereites Gerät besitzt, und mit der alle Downloads abgegolten werden. Das Geschrei derjenigen, die sich für Downloads (offiziell) nicht interessieren, wird groß sein, aber das hält man aus; die Klagen gegen die Flatrate ebenso.

Was Grassmuck nicht anspricht, ist das Paradox der bestehenden Urheberabgaben, die jeder Käufer eines dieser Produkte (hier als Auswahl) zahlt, egal, ob er es einzeln kauft oder als Teil eines Systems:

  • Audiokassetten
  • Audio-CD (R + RW)
  • Blu-ray-DVD
  • CD-Brenner für CD-Leermedien aller Art
  • DAT
  • Data-CD (R + RW)
  • DVD-Brenner für DVD-Leermedien aller Art
  • DVD- und/oder Festplatten-Rekorder
  • DVD + und - (R und RW)
  • DVD Double-Layer
  • DVD Dual-Layer
  • Festplatten (eingebaut, extern, zum Einbau, SSD)
  • HD-DVD
  • Kassettenrekorder
  • MiniDisc
  • MP3-Player mit und ohne Videofunktion, mit und ohne eingebautem Speicher
  • MP3-fähige Handies mit und ohne Videofunktion, mit und ohne eingebautem Speicher
  • Multimedia-Festplatten
  • PC
  • Sat-Receiver mit Festplatte und/oder DVD-Rekorder
  • Speicherkarten aller Art, insb. CompactFlash-Card, Memory Stick, Multimedia Card, SecureDigital, Memory Card, Smart Media Card, xD-Picture Card
  • Stereoanlagen mit USB-Schnittstelle zur Speicherung von MP3 auf USB-Sticks
  • USB-Sticks
  • Videokassetten
  • Vieorekorder

Die Urheberabgaben wurden vor Jahrzehnten zum finanziellen Ausgleich für die Urheber und Verwerter eingeführt, weil nicht kontrollierbar ist, ob der Käufer nur die Wiedergabefunktion seines Recorders benutzt oder urheberrechtlich geschützte Werke aufnimmt. Das Geld aus den Urheberabgaben wird über Verwertungsgesellschaften an die angeschlossenen Künstler verteilt.

Warum der Käufer trotz üppiger Abgaben nicht selbst bestimmen kann, ob er die Werke nur hört oder kopiert und tauscht, wäre wohl Thema für ein zweites Gespräch. Ebenso wie die Beobachtung, mit welchem Selbstverständnis manche Künstler auftreten, die bei Downloads von Raub faseln, aber vergessen, daß der Kunde animiert wird, mit jeder technischen Neuerung sein Produkt erneut zu erwerben: Als Kassette, LP, CD, Remaster, Re-Remaster, Mini-Disc, DVD usw.

Die in einigen Ländern praktizierte und von der EU als verbindlich angestrebte Methode “Three strikes and you are out”, bei der jeder User nach drei Verwarnungen dauerhaft vom Internetzugang ausgeschlossen wird, kommentiert Grassmuck leicht verbittert:

“Dass in einer Gesellschaft, die ihre komplette Kommunikations- und Informationsinfrastruktur auf das Internet umgestellt hat, jemand ernsthaft fordern kann, Bürger von der Internetnutzung auszuschließen – das hätte ich nie für möglich gehalten.”

Das hätte wohl niemand. Schäuble zeigt, daß alles möglich ist.

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