Dr. Carl Loyal legt auf drei Dinge größten Wert: Auf die Nennung seines Doktortitels, die stete Erwähnung der von ihm betriebenen Herberge “Honigmond” (Loyals Eigenwerbung: “Die Matratzen sind erstklassig”) und die Tatsache, daß er — Dr. Carl Loyal, Inhaber der Herberge “Honigmond” — bestimmte Rechte am Wort “Honigmond” besitzt.
Schaut man auf die zum Gotterbarmen einfältig gestaltete Website der Herberge “Honigmond” (“Die Mümmelnasen warten hier keinesfalls auf ihren frühen Tod im Kochtopf”), springt dem Betrachter auf jeder Unterseite dieser Satz ins Gesicht:
“Der Name HONIGMOND ist als Marke beim Deutschen Patent- und Markenamt von uns geschützt.”
Zur Einschüchterung unbefugter Wortbenutzer VERSAL geschrieben.
Wer sich mit solchen aufgepupsten Warnhinweisen wichtig machen muß, fühlt sich auch berufen, eine Bürgerinitiative zu gründen.
Mindestens eine.
Die Herberge “Honigmond” (“Die Bettwäsche stammt aus dem Hause Paloma Picasso”) findet man in der Tieck-/Ecke Borsigstraße in Berlin-Mitte. Ganz in der Nähe verläuft die Invalidenstraße. Dort plant der Senat seit gefühlten 100 Jahren eine Straßenbahn zum Hauptbahnhof, als Direktverbindung für Reisende von und nach Ostberlin, die Mehdorns Glaspalast bisher nur auf Umwegen mit der S-Bahn oder dem Bus erreichen können.
Für die Gleise der Straßenbahn ist der Umbau der Invalidenstraße erforderlich. Das dürfte mit halbiertem Verstand und einer Flasche Doppelkorn im Hirn zu begreifen sein:
“Auf der gesamten Ausbaustrecke soll es zwei Fahrstreifen pro Richtung geben - auch an der engsten Stelle, östlich der Kreuzung mit der Chausseestraße.”
Denn der Verkehr verdunstet nicht, wenn man die Anzahl der Fahrstreifen eindampft; er staut sich nur länger.
Mir egal, meint Dr. Loyal:
“In dem geplanten Umfang werde [der Straßenausbau] zu viel zusätzlichen Verkehr anlocken.”
Allerdings richtet sich der Verkehr nicht nach Dr. Carl Loyals persönlichem Empfinden. Er ist einfach da. Vor allem an dieser Stelle, einem der wenigen direkten Übergänge zwischen beiden Stadthälften und damit einem der am stärksten frequentierten Punkte Berlins.
Doch Dr. Carl Loyal ist nicht zu stoppen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Invalidenstraße gegen den Straßenausbau — und verzögert die neue Straßenbahnstrecke auf unabsehbare Zeit. Zwölf Einwände und ein Fazit ließ er auf der Website der BI abheften. Die Herberge “Honigmond” scheint ihn nicht auszulasten.
Am 26. Januar 2008 schüttelte er sein Fäustchen in der Berliner Zeitung:
“‘Wir werden klagen - durch alle Instanzen hindurch’ sagt Carl Loyal vom Hotel ‘Honigmond’ […] Mindestens ein Dutzend Eigentümer stehe dafür bereit.”
Merken Sie sich diese Worte, liebe Leser: “Durch alle Instanzen hindurch”.
Die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, ließ eine elektronische Pinnwand einrichten. Man will die Bürger ermuntern, sich zur Stadtplanung zu äußern. Und wen treffen wir 2005 am schwarzen Brett?
Dr. Carl Loyal als Noch-Anwohner, Dr. Carl Loyal als Anwohner mit 6-wöchigem Sohn im Millieuschutzgebiet Invalidenstrasse und Dr. Carl Loyal als Anwohner Invalidenstrasse: NEIN zum Stadtring! Ja zum Leben in Berlin-Mitte.
Ab hier wird die Posse zur Farce. Am 7. Oktober 2005 schreibt Dr. Carl Loyal:
“Frau Junge-Reyer jedoch (Wessi) lehnt es bis heute ab, sich persönlich mit der BI vor Ort zu treffen. Sie hält einsam und eisern an Ihrer Stadtringplanung fest. Wir Anwohner (Ossis) sind noch mehr gefrustet.”
Wir Ossis klingt immer gut, dachte sich wohl Dr. Carl Loyal, als er exakt zum 56. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik das Forum der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung behustete. Man könnte glauben, er wäre einer.
Unvorsichtigerweise offenbarte er drei Jahre später einem Redakteur des Hamburger Abendblatts seine wahre Herkunft:
“Carl Loyal aus Bonn, Diplomkaufmann, war lange im engsten Führungskreis von Siemens in der Zentrale in München. Als die Wende kam, wurde er zum Aussteiger. Er hatte ein kleines Vermögen, ging nach Berlin, erwarb Immobilien im Stadtbezirk Mitte. ‘Das waren gute Geschäfte’, erinnert er sich. ‘Ich profitiere heute noch davon. Die Hotellerie kam dann eher zufällig dazu, ich hatte Freude daran.’ 1999 begann er damit, es war der Start in ein neues Leben.”
Am 10. Februar 2009 schüttelte der Bonner Ossi erneut sein Fäustchen:
“Wir gehen durch alle Instanzen. Das dauert fünf bis sieben Jahre.”
Der Senat blieb unbeeindruckt: Die Invalidenstraße wird auf zwei Fahrstreifen pro Richtung ausgebaut. Diese Hiobsbotschaft für Dr. Carl Loyal verkündete der Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung am 4. Mai 2009 auf einer Pressekonferenz.
Gibt Loyal nun auf? Mitnichten. Er braucht seinen Aktionismus, damit der Blutdruck nicht in den Keller rauscht. Mit seiner Donquichoterie wider den Straßenausbau hält er sich ohnehin nur halbtags auf.
Denn Dr. Carl Loyal kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Wo er auftaucht, dräut die nächste Bürgerinitiative am Horizont.
Während des Gezänks um den Ausbau der Invalidenstraße sackte Dr. Carl Loyal seine Familie ein und zog um; von Berlin-Mitte nach Berlin-Biesdorf. In Biesdorf öffnete 1893 eine Anstalt für Epileptische ihre vergitterten Verschläge. Das später in Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus umbenannte, 100 ha große Areal und sein historischer Park stehen heute unter Denkmalschutz.
Ende der 90er Jahre strukturierte der Senat die Berliner Krankenhäuser um. In Biesdorf wurden Immobilien frei. 13 Familien steckten ihr Vermögen in den Umbau eines der historischen Gebäude zu Eigentumswohnungen. Auch Dr. Carl Loyal.
Er lebt jetzt in einer früheren Irrenanstalt.
Dicht am Griesinger steht das Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn (hier rot eingekreist). Es gilt als eines der modernsten Unfallkrankenhäuser Deutschlands. Jährlich 41.000 Notfallpatienten werden im UKB versorgt.
Um die schwerverletzten Patienten schnellstmöglich einzuliefern, gibt es einen Hubschrauberlandeplatz:

Das war Dr. Carl Loyal bekannt. Nun soll ein zweiter Landeplatz gebaut werden.
Zeit für eine neue Bürgerinitiative. Ihr Sprecher: Dr. Carl Loyal.
“Wir sehen Gefahren für unsere und die Gesundheit unserer Kinder bei einer Verdoppelung bis Verdreifachung der Flugbewegungen.”
Er spricht von geplanten fünf Flugbewegungen täglich bis zur Dämmerung plus sechs nächtlichen Flugbewegungen pro Woche. Für beide Landeplätze zusammen. Das schreit nach einer Klage.
Und wirklich — am 2. März 2009 schüttelte Dr. Carl Loyal zum dritten Mal sein Fäustchen:
“Wir gehen durch alle Instanzen“.
Erinnern Sie sich noch an diese Worte? Hier folgt der monetäre Hintergrund. Die Berliner Zeitung dokumentierte einen Satz der Bürgerinitiative von deren Website, der inzwischen gelöscht wurde:
“Die Anwohner des Landhausrings haben das Glück über die finanziellen Mittel zu verfügen, um die anfallenden Gerichts- und Anwaltskosten in Höhe von ca. 50 000 Euro bis zum Bundesverwaltungsgericht aufzubringen.”
Schöner kann man seine eigene Arroganz nicht formulieren: Erst in eine Einflugschneise ziehen und dann klagen, weil der Flugverkehr — Oh! Welche Überraschung! — zunimmt; einfach, weil man sich die Klagen leisten kann. Verkniffene Piefigkeit erhebt sich über die Versorgung lebensgefährlich verletzter Menschen: My home is my castle. Der Rechtsweg gehört mir. Und Knete habe ich auch.
Würden die Flüge eingestellt und ab morgen nur noch Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene am Landhausring vorbeifahren, wäre die nächste Bürgerinitiative fällig. Eine Leserin der Berliner Zeitung beschwerte sich schon mal prophylaktisch:
“Zu dem Hubschrauberlärm kommen noch Krankenwagen, die in großer Häufigkeit mit lautem Sondersignal Tag und Nacht das UBK anfahren. Ich frage mich täglich, wie man da noch permanente Hubschrauberflüge zumutbar finden kann.”
Vielleicht gehört das lärmgeplagte Seelchen zu den 13 Wohneigentümern im Irrenhaus. Dann ist es gut, daß Nervenklinik und UKB ganz in der Nähe sind. Aber beim Kollaps bitte daran denken: Zu Fuß ins UKB laufen, nicht mit lautem Sondersignal fahren lassen.
Und den zweiten Hubschrauber strikt verweigern. Auch auf der Autobahn, nach einem Kuß mit der Leitplanke und anschließendem Dreifachsalto, in einem menschenleeren Herrgottswinkel ohne Krankenhaus.
So viel Konsequenz muß sein.
Foto (c) by UKB
9 Kommentare ↓
schon besser, kumpel! ;)
btw, brillianter artikel.
Danke :)
Wer mal den modernen
Harold Fawlty
http://www.youtube.com/results?search_type=&search_query=fawlty&aq=f
live erleben möchte,
dem empfehle ich einen Besuch im Honigmond (Vorschicht: HONIGMOND ist als Marke beim Deutschen Patent- und Markenamt von uns geschützt.). Ich hatte das “Vergnügen” vor kurzem beruflich…
http://www.youtube.com/watch?v=yTk26zIQ_gk
Don’t mention the war! :)
An
Messitschbyburns - Herrn Jürgen Winkler, Berlin
Lieber Jürgen,
danke für deine Unterstützung, die Anliegen unserer Bürgerinitiativen weiter bekannt zu machen. Den Artikel finde ich hervorragend geschrieben, mein Kompliment und Anerkennung für die viele Arbeit– was meine Person anbetrifft, irrst Du aber leider.
An sich lege ich nämlich grundsätzlich keinen Wert auf die Nennung meines „Doktor-Ttitels“ – jeder der mich kennt, weiß das. Jedoch, bei Auseinandersetzungen mit einzelnen Behörden ist es manchmal hilfreich. Da ich nur ein kleines Rad innerhalb der jeweiligen Bürgerinitiativen bin, bin ich dennoch froh, diese mit meiner Zeit und meinen finanziellen Mitteln unterstützen zu dürfen. Auch gebe ich manchmal meinen Namen dafür her, weil dies presserechtlich nun einmal so vorgeschrieben ist, wie Du sicher weißt. Und für einen „normalen“ Angestellten / Arbeitnehmer ist dies schwierig, weil man manchmal von anonymen Leuten mit „Dreck“ beworfen, d.h., beleidigt und unverunglimpft wird.
Ich jedenfalls finde es gut, dass es noch Bürger gibt, die den Mut aufbringen, sich gegen Filz, Korruption, Willkürakte und sonstige „Anwohner-Verarschung“ durch Behörden / Politiker zur Wehr zu setzen.
Richtig ist aber auch, dass Öffentlichkeitsarbeit (und Klagen) jeder Bürgerinitiative nun einmal Geld kosten und finanziert werden müssen. Wenn man darüber hinaus auch noch regelmäßig karitative Einrichtungen finanziell unterstützt und in seinem Kiez hilfsbedürftigen Menschen bei Behördenarbeit etc. hilft, finde ich das nicht unbedingt verwerflich, keine ganz so schlechte Einstellung.
Ist unsere Forderung nach einem „stadtverträglichen“ Ausbau der Invalidenstraße denn so verwegen? Wenn Frau Junge-Reyer (SPD) den Individualverkehr von derzeit 13.500 PKW täglich auf rund 38.000 fast verdreifachen und durch eine 19 Meter schmale Häuserschlucht pressen will – obwohl schon heute die Umweltgrenzwerte überschritten sind, dann hat Sie mit den Gesetzen / Gerichten ein Problem (vorausgesetzt jemand klagt). Und auch Radfahrer sollten (im Uni-Viertel) ein Recht auf eine eigene Spur haben – finden wir.
Wenn ein einflussreicher, ehrgeiziger Krankenhauschef (zugleich stellv. Landesvorsitzender der CDU) sich (ohne Rechtssicherheit) im dicht besiedelten Wohngebiet vier Hubschrauberlandeplätze baut, weil - wie er sagt -für ihn auch „wirtschaftliche Belange wichtig“ seien, wie „Kundschaft aus dem arabischen Raum, die gerne mit dem Helikopter anreise…“, wenn dieser sagt, er habe die Stationierung eines alten, großen Transporthubschraubers (der vorher an einem Flughafen stationiert war) unter vier Augen mit dem Reg. Bürgermeister abgestimmt – obwohl es mit Charité und HELIOS medizinisch überlegene und aus Lärmschutzsicht eindeutig besser gelegene Standorte gibt (die auch gerne den Hubschrauber bei sich hätten) -findest Du diesen Filz etwa in Ordnung?
Das Bild das Du von mir zeichnest ist leider vollkommen daneben, so dass man sich fragen muß – wer bezahlt Dich eigentlich dafür? So einen Unfug schreibt doch keiner freiwillig.
Trotzdem - Danke für Deine Unterstützung in Sachen Bürgerinitiativen – die bräuchten tatsächlich noch viel mehr Publizität.
Mit freundlichen Grüßen
Carl Loyal
PS
Einige Deiner Aussagen sind inhaltlich einfach falsch. Und auch der auf dem Foto bin ich nicht. Wußtest Du eigentlich, dass ich z.B. auch „Mediaspree versenken“ unterstütze – das passt nun gar nicht in Dein Bild…
Welches Foto?
Auf dem einzigen Foto im Artikel fliegt ein Hubschrauber. Da steht auch nicht drunter: “Hier fliegt Dr. Carl Loyal”.
Und was Mediaspree betrifft: Die Organisatoren werden es überleben.
Der Autor dieser Arikels - Herr Jürgen Winkler - ist doch selbst die Inkarnation eines Berufsempörers - er empört sich berufsmäßig über andere. Wer im Glashaus sitz…
… soll nicht mit Steinen werfen. “So sieht dat aus!” (Zitat Kurt Krampmeier)
http://www.fsr.de/wiki/doku.php?id=figuren:kurt_krampmeier
@Manuel
Unwissender, der Mann heißt John Cleese, wohnt der im HM und kann man bei ihm jederzeit klingeln?
Die Invalidenstrasse, liegt keinesfalls in einem “Uni-Viertel”, war schon immer eine extrem stark befahrene und für Viele als Wohngegend daher völlig unrelevante Hauptstraße. Nachdem die Wende vor 20 Jahren stattfand, wird es Zeit, dass die Stadtteile endlich auch verkehrstechnisch verbunden werden. Den Ausbauplänen für die Invalidenstraße ist absolut zuzustimmen. Sinnfreie Landidyllphantasien im Zentrum einer Groß- und Hauptstadt sind weltfremd und daher vor dem überragenden Gesamtinteresse der Bevölkerung am einzig logischen Ausbau unrelevant.
Eine maximale Funktionsfähigkeit des international bekannten Unfallkrankenhauses Marzahn muss freilich gewährleistet sein, hinreichende Hubschrauberlandeplätze und auch Erreichbarkeit via Krankenwagen sind daher eine Mindestvoraussetzung, wem es nicht passt, der muss umziehen, denn auch hier überwiegt weit das Gesamtinteresse der Gesamtbevölkerung vor ein paar bloßen einzelnen Befindlichkeiten.
Mein Kommentar: