1. Mai 2009: Kleine Blütenlese mit Herrn Maroldt

Geschrieben von messitschbyburns am 07. Mai 2009 | INSM, Maroldt, Schumann


Obwohl die Berliner Krawallblätter vor dem 1. Mai tagelang pumpten, um bis zum Feiertag ordentlich Benzin zu verschütten, das zur Party nur noch angezündet werden mußte, entlud sich nur ein mäßiger Krawall. Die Enttäuschung, daß Kreuzberg nicht komplett in Flammen stand, war besonders im Tagesspiegel groß.

Lorenz Maroldt, der als Chefredakteur unmittelbar für die verbalen Entgleisungen seiner Scharfmacher verantwortlich ist, beschwor in einem Kommentar am 2. Mai noch einmal den ganz großen Knall:

“Alle Zeichen [standen] auf Sturm. Eine auch für den 1. Mai in Berlin ungewöhnliche Zusammenballung von potentiell gefährlichen Demonstrationen und Veranstaltungen, dazu die politische Aufladung durch das Geraune über mögliche soziale Unruhen wegen der Folgen der Wirtschaftskrise, die Nadelstiche der Autonomen in den Wochen zuvor - da musste das Schlimmste befürchtet werden.”

Man spürt noch einen Tag später den Nachklang der Maroldt’schen Erregung, es beinahe geschafft zu haben: “politische Aufladung”, “potentiell gefährlich”, “das Schlimmste”, “Sturm” — ach, hätte es doch richtig gekracht!

In seiner pathetischen Auflistung unterschlug Maroldt allerdings die entscheidenden Einpeitscher: Sich selbst und seine Schreibknechte, allesamt Holtzbrincks Befehlsempfänger.

Doch die Leser sind nicht so blöd, zu vergessen, wie enthemmt Maroldts Frontberichterstatter die Stimmung aufputschen durften: Am 1. Mai wurde auf der Website des Tagesspiegels ein Live-Ticker (!) installiert, mit dem sich der geneigte Krawalltourist im WLAN-Café auf dem Laufenden halten konnte, wo gerade der Punk abgeht, wo es sich lohnt, zu randalieren, oder wo die Polizei die Übermacht hat.

Der Tagesspiegel als Leitstelle für Randalierer.

Die Leserkommentare auf Maroldts hilfloses “Die anderen sind schuld”-Gestammel fielen entsprechend bissig aus. Und Maroldt reagierte, wie er immer reagiert: Als beleidigte Leberwurst.

“[…] den boten verantwortlich zu machen für die nachricht, ist auch nicht wirklich originell, sondern ziemlich antiquiert.”

Er meint, im Nachhinein behaupten zu müssen, der Tagesspiegel hätte nur seiner Informationspflicht genügt. Er will die Leser immer noch für dumm verkaufen. Denn auch seine nächsten Kommentare kultivieren einen ungezügelten Linken-Haß.

Nach dem plötzlichen Fraktionswechsel der Abgeordneten Canan Bayram von der SPD zu den Grünen feiert Maroldt wie Rumpelstilzchen das scheinbar bevorstehende Ende von Rot-Rot — und setzt dann sein Gewaltmärchen über die Linke und den 1. Mai unverdrossen fort:

“[…] war es doch ein Bezirksverordneter der Linken, der die Krawalldemo vom 1. Mai angemeldet und später mit den Worten verteidigt hatte, dass Steine geworfen werden, zeige, dass die Leute dazu eben Lust hätten. Aber statt eines Ausschlussverfahrens droht dem jungen Mann nun ein pädagogisches Gespräch mit seiner Bezirksvorsitzenden.”

Halten wir uns nicht mit Maroldts Selbstentblößung auf, einen Parteiausschluß ins Spiel zu bringen, wenn ein Mitglied nicht nach der Pfeife des Vorsitzenden tanzt. Diese totalitäre Liebäugelei ist typisch für Maroldt, wie auch für den Korpsgeist bei Holtzbrinck, einem Verlag, der Abweichler von der extremen rechten Generallinie nur als Hofnarren duldet, die man gelegentlich publizieren läßt, weil sie zur Leserbindung unerläßlich sind.1

Achten wir nur auf die Formulierung “der die Krawalldemo vom 1. Mai angemeldet hat”. Wie kann man eine Krawalldemo anmelden? Trägt man in ein Formular “Krawall” unter “Besonderes” ein? Und warum erlaubt die Polizei eine als Krawall angemeldete Demo?

Maroldts Behauptung ist größtmöglicher Blödsinn, was sonst. Der Bezirksverordnete meldete eine Demo an, die zur Schlägerei ausartete. Das konnte er zum Zeitpunkt der Anmeldung nicht wissen, und geplant hat er es auch nicht.

Aber Maroldt braucht dringend Material, um die — auch durch seine Zeitung — aufgeheizte Mai-Stimmung in Richtung Die Linke zu kanalisieren. Da macht es sich bestens, einen leicht naiven Trottel, der sich die Anmeldung der Demo überhelfen ließ, zum linken Gewaltpolitiker zu stempeln — und mit ihm seine gesamte Partei.

Doch wieder knallt Maroldt mit seinem Vulgärpopulismus aufs Gesicht. Die Morgenpost veröffentlichte am 6. Mai diese Meldung:

“Unter den Randalierern am 1. Mai in Berlin war auch ein Bundespolizist. Wie Morgenpost Online erfuhr, warf der 24-Jährige in Kreuzberg Steine auf Einsatzkräfte. Ein Kollege nahm ihn fest.”

Ein Provokateur wurde enttarnt. Nicht zum ersten Mal. Früher warfen Demonstranten die mitlaufenden U-Boote der Staatsmacht kurzerhand aus der Demo. Jetzt wurde einer von seinesgleichen verhaftet (und schon wieder freigelassen).

Maroldt muß hoffen, daß nur dieser eine steinewerfende Polizist öffentlich wird und keine komplette Einheit. Es wäre doch zu bitter, wenn die antilinke Haßfackel, die der Tagesspiegel vor dem 1. Mai entfachte, nicht noch ein Weilchen glimmen könnte.

  1. Einer von ihnen ist Harald Schumann, der beim Tagesspiegel den Platz des guten Linken einzunehmen hat. Schumann darf alle Wochen ein Traktat veröffentlichen, das die linke Seele der Leser mit Allgemeinplätzen wie “Mindestlohn” und “Managerhaftung” streicheln soll. Vor und nach Schumanns linken Placebos sorgt Holtzbrinck allerdings für die geballte Gegenargumentation der eigenen INSM-Horden, die Schumann zahlen- und zeilenmäßig haushoch überlegen sind. Nach seinem peinlichen Kniefall vor Pferde-Aust und dem Absturz vom Spiegel zum Tagesspiegel ist Schumann damit ganz unten angekommen, als linkes Narrenkäppchen im Verlag der Chauvinisten und Großhetzer. []

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