Unter Äkschperden (2)

Geschrieben von messitschbyburns am 12. Mai 2009 | Killerspiele


Frau Prof. Dr. Angela Kolb ist Justizministerin des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Außerdem ist sie Mitglied der SPD und damit Wahlkämpferin für die Europa- und die Bundestagswahl.

Vermutlich passiert in Sachsen-Anhalt nicht allzu viel, was die Wähler aufzurütteln und in die Wahlkabine zu locken vermag. Wie wäre es, sinnierte Frau Prof. Dr. Angela Kolb eines Tages, mit einem brandheißen, topaktuellen und sträflich vernachlässigten Wahlkampfthema?

Wie wäre es mit — Killerspielen?

Ah, eine gute Idee! dachte Frau Prof. Dr. Angela Kolb. Darauf ist vor mir noch keiner gekommen! Sie pfiff nach ihrem Praktikanten, hieß ihn sich bücken, knallte ein Blatt Papier auf seinen Rücken, spitzte einen Bleistift und machte sich Notizen:

  1. USK anpinkeln!!!
  2. Hersteller anpinkeln!!!!
  3. Weiter bei 1!!!!!

Jeden einzelnen Punkt rammte sie mit dem Bleistift durchs Papier. Der Praktikant stöhnte leise. Dann durfte er sich entfernen, seinen Buckel kühlen und eine Pressemeldung formulieren:

“Die [Hersteller] sollen Fragebögen ausfüllen, in denen sie Auskunft über den Inhalt des Spiels geben, seine Handlung, seine Aufgaben und über gewalttätige Szenen. Dann könnten die Tester gezielter suchen und die Gutachter besser entscheiden. Bislang stellen Hersteller in Deutschland nur das Spiel zur Verfügung und zahlen eine Gebühr.”

Was der Praktikant nicht wußte: Es ist gang und gäbe, daß Hersteller ihren Spielen eine Inhaltsbeschreibung und einen Walkthrough beilegen — der gleiche Walkthrough übrigens, der später als Komplettlösung in Spielezeitschriften veröffentlicht wird –, damit die Tester wissen, was sie testen und auf welchem Weg sie durch das Spiel kommen. Frau Prof. Dr. Angela Kolb fordert also die Lösung eines Problems, das in der Praxis kaum existiert. Sehr mutig von der Ministerin.

“Die Zulassung sei für die Hersteller ‘eine Art Persilschein. Das Spiel wird offensiv beworben, und das wecke das Interesse von Kindern und Jugendlichen’.”

Was der Praktikant ebenfalls nicht wußte: Die USK-Zulassung ist eine gesetzlich vorgeschriebene, zeit- und kostenintensive Prozedur und kein Persilschein, um den sich die Hersteller reißen. Mit der Altersfreigabe kann kaum geworben werden. Wenn Frau Prof. Dr. Angela Kolb meint, Werbung für Spiele sei generell zu verbieten, sollte sie es aussprechen. Sie wird sehr schnell merken: Die Spiele verkaufen sich trotzdem.

“Sie nannte es erschreckend, dass einer Umfrage zufolge zehn Prozent der Zehnjährigen ‘Grand Theft Auto IV‘ als ihr Lieblingsspiel bezeichneten. Von der USK ist das Spiel ab 18 Jahren freigegeben.”

Donnerlittchen. Kinder spielen mit nicht altersgerechten Dingen. Das ist aber ganz neu, das hat es früher nicht gegeben. Wenn sich noch herausstellt, daß zehn Prozent der Zehnjährigen regelmäßig in Papas Playboy schauen oder sich vom großen Bruder Erwachsenen-DVDs ausleihen lassen, bricht in Sachsen-Anhalt eine Welt zusammen.

Nebenbei: Grand Theft Auto IV ist so perfekt, daß man die Akropolis abreißen und an ihrer Stelle einen Tempel für die Entwickler dieses Spiels errichten müßte. Das grandiose GTA sollten Zehnjährige schon deshalb spielen, damit sie sich später nicht von schlechten Spielen einlullen lassen, sondern wissen, was der Maßstab für Computerspiele ist.

“Die Prüfer hätten nämlich gar nicht die Möglichkeit, umfassender zu prüfen […] ‘Bedenkt man, dass ein geübter Spieler 70 bis 100 Stunden an einem Computerspiel sitzt, so kann man sich vorstellen, dass den Testern gar nicht genügend Zeit für ein Spiel bleibt.’”

Vorstellen kann sich Frau Prof. Dr. Angela Kolb vieles nicht. Zum Beispiel, daß ein Tester seinen Job riskiert, wenn er ein Spiel für Kinder freigibt, das mit einer putzigen Geburtstagsparty bei Familie Bär beginnt und mit einem spektakulären Bärenmassaker endet — was ihm entgangen war, weil er das Spiel nicht durchgespielt oder den Walkthrough verlegt hatte.

Denn im Gegensatz zu Fachjournalisten, die aus zeitlichen Gründen tatsächlich nicht jedes Spiel komplett spielen können, gehört es für die Tester der USK zum Job, jedes Spiel bis zur letzten Verzweigung zu spielen. Das ist nicht immer ein Vergnügen.

“Nach der einmal erteilten Zulassung sei es nicht mehr möglich, juristisch gegen später bekanntgewordene Fakten vorzugehen und das Spiel vom Markt zu nehmen.”

Das ist wahr, nur: Die Indizierung von Computerspielen wurde erst vor kurzem abgeschafft — von den zuständigen Ministern der Bundesländer.

Und so schnurpste dummes Zeug ungefiltert aus dem Kleinhirn der Justizministerin in die Ticker der Presseagenturen und von dort in alle Welt, damit ein jeder sehen kann, das in Sachsen-Anhalt noch der geistesfernste Mensch ministrabel ist.

angela_kolb_s.jpg

Frau Prof. Dr. Angela Kolb promovierte 1989
an der Martin-Luther-Universität Halle über
“Die rechtliche Gestaltung der Finanzkontrolle
in universellen und in sozialistischen
internationalen Organisationen”. Heute ist
sie Expertin für Computerspiele.

3 Kommentare ↓

#1 Quax am 12.05.09 um 00:51

Indizierungen wurden nicht abgeschafft.
“http://www.schnittberichte.com/news.php?ID=1353″
Funktioniert GTA4 mittlerweile auf PC ordentlich oder spielen Sie Konsole?

#2 Patrick am 12.05.09 um 03:24

Das grandiose GTA sollten Zehnjährige schon deshalb spielen, damit sie sich später nicht von schlechten Spielen einlullen lassen, sondern wissen, was der Maßstab für Computerspiele ist.

…vorausgesetzt, sie bekommen GTA IV zum Laufen…

#3 admin am 12.05.09 um 09:39

@ Quax: Das stimmt, aber das gilt nur für Spiele, die keine USK-Einstufung besitzen oder die während der USK-Prüfung indiziert werden.

Wenn die USK einmal eine Altersfreigabe erteilt hat, kann ein Spiel nicht mehr indiziert werden. Das wurde mit der Novelle des Jugendschutzgesetzes am 1.4.2003 beschlossen.

GTA4 läuft besser als Konsolenspiel.

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