Wenn sich zwei Ostexperten streiten, lachen 16 Millionen Dritte.
Experte Nr. 1 ist — Tätä! — unser Held Tiefensee. Zum wahrscheinlich 100. Mal räumte ihm Frühstücksschnittchen Gerold Büchner Platz in der Berliner Zeitung frei. Der Anlaß für Tiefensees Gespräch mit sich selbst war eine Kehrtwende seiner DDR-Beschau.
Nach seinen dunkelschwarzen Verdikten
“Es war doch alles kaputt — jedes Haus, jede Straße, jedes Krankenhaus, jede Schule.”
“Es gab keine Freiheit des Wortes, der Reise, der Wahl und des Wohnsitzes.”
muß ihm ein Wahlkampfmanager geflüstert haben, daß die SPD im Osten tief im Keller hockt und dort raus möchte, der Minister also seine Ansprache an die lieben Mitbürger in Ostzonesien mit Honig umhüllen möge.
Und so zieht unser Held Tiefensee plötzlich eine Laudatio auf den guten Ossi vom Leder, daß Egon Krenz grün schimmern dürfte vor Neid:
“Die Ostdeutschen sind selbstbewusst, aber auch kritisch […] Wir wissen, was wir geschafft haben, was wir Historisches geleistet haben. Wir haben in den letzten 20 Jahren ein Höchstmaß an Bereitschaft zu Veränderungen bewiesen. Wir sind stolz darauf, und wir erwarten Respekt dafür.”
Schlafen Sie schon, lieber Leser? Halten Sie sich aufrecht, der Singsang geht weiter:
“Die DDR war eine Diktatur ohne demokratische Grundrechte mit Schüssen an der Mauer und andererseits ein Land mit geglückten Biografien und erfolgreichen Menschen […] Wir wollen, dass das Leben in der DDR angemessen gewürdigt wird […] In der Diktatur haben die Ostdeutschen vielfältige Wege gefunden, für ihr Gemeinwesen und für ihre Mitmenschen einzustehen […] Der Osten läuft nicht mit hechelnder Zunge dem Westen hinterher.”
Noch einen Moment, gleich ist er am Ende:
“Der Osten schafft im Bereich neuer Technologien viel mehr Arbeitsplätze als der Westen. Da haben wir schon die Nase vorn. Ich bin gespannt, wo die ersten Serien-Elektroautos gefertigt werden […] Ein schwerer Weg liegt noch vor uns, aber wir Ostdeutschen können auch das schaffen.”
So viel Liebe und Güte für seine Ostdeutschen, und das in einem einzigen Interview. Man möchte sein Herz auswringen vor Freude.
Weniger erfreut reagierte Expertin Nr. 2 auf Tiefensees Wandlung. Kanzlerin Merkel, die zwar keine gebürtige, aber doch sozialisierte Ostdeutsche ist, wurde fuchsteufelswild:
“Mit Blick auf Äußerungen des Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), warnte Merkel davor, die DDR-Vergangenheit zu beschönigen. ‘Die Wahrheit darf nicht verklärt werden’, sagte sie. Tiefensee hatte gesagt, die DDR sei trotz allem ein Land mit geglückten Biografien und erfolgreichen Menschen gewesen. Dies sei zwar richtig, ändere aber nichts daran, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, unterstrich die Kanzlerin.”
Vielleicht klingelt demnächst bei Gerold Büchner das Telefon, um das Frühstücksschnittchen zum Termin bei Tiefensee zu bitten, damit der Ostbeauftrage im Eigeninterview die bösen Wörter “geglückt” und “erfolgreich” im Kontext dessen, daß doch alles kaputt war, dunkelschwarz einfärben kann. Sich mit dem Wind zu drehen, ist für Tiefensee ein Kinderspiel.
Immerhin ist es amüsant ist, zuzusehen, wie sich zwei Angehörige der DDR-Nomenklatura 20 Jahre später um die Deutung von Worthülsen über die DDR zanken.
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