Mit Gott und Henkel

Geschrieben von messitschbyburns am 18. Mai 2009 | Pro Reli, Rogalla


Beim Aufräumen fiel uns ein älteres Interview mit dem Berliner CDU-Chef Frank Henkel in die Hände, das noch aus der Pro-Reli-Zeit stammt, als die CDU ihre Parteispitze auf eine Endlostour durch die Redaktionen schickte, um bei den Lesern für christliche Stimmung zu sorgen.

Obwohl bereits am 23. April 2009 erschienen, wollen wir Ihnen dieses kleine Kabinettstück dummdreister Lügerei nicht vorenthalten.

Henkel wird gefragt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Seine Antwort ist klar, aber die Begründung klingt etwas überraschend:

“Ich habe auch die anderen Erfahrungen nicht vergessen: Ich habe in der ersten und zweiten Klasse Religionsunterricht gehabt. Der fand nicht in der Schule, sondern in der Gemeinde statt. Die Jungs auf dem Bolzplatz riefen mir hinterher: Na, gehste wieder zu deinem Gott, beten?! Das war für mich eine schlimme Erfahrung der Ausgrenzung.”

Aus dem Schabernack kleiner Jungen leitet CDU-Chef Henkel eine Religionsfeindlichkeit der gesamten DDR ab. Sie sehen, liebe Leser: Henkel ist nicht der klügste Christdemokrat Berlins.

Zufällig lasen wir in einem anderen Artikel eine ähnlich tragische Geschichte kindlicher Neckereien:

“Als kleiner Junge wurde er wegen seiner piepsigen Stimme gemobbt und sogar von Mitschülern deswegen geschlagen.”

Der Piepser war nicht Henkel, sondern Daniel Schuhmacher. Statt sich von Hänseleien unter Kindern in eine schlimme Erfahrung der Ausgrenzung zu steigern, gewann Schuhmacher die aktuelle DSDS-Staffel. Das spricht für den Charakter von Schuhmacher und gegen die moralische Reife des CDU-Chefs.

Zurück zu Henkel. Der hatte noch einen anderen Lattenknaller auf Lager:

“Die SED wollte möglichst früh die Kinder aus der Verantwortung der Eltern nehmen. Außerdem brauchte die DDR die Frauen als Arbeitskräfte […] Das war natürlich auch damit verbunden, daß eine Frau ihr Kleinkind morgens um fünf in die Krippe bringen mußte.”

Erschien die Frau 5:10 Uhr, wurde das Kind zwangsadoptiert. Wer nach 5:20 Uhr an der Tür klingelte, wurde erschossen. Erst die Frau, dann das Kind. So war das, so und nicht anders.

4 Kommentare ↓

#1 Andreas am 18.05.09 um 10:31

Nun, “mußte” kann in dem Zusammenhang natürlich noch ganz andere Zwänge ausdrücken. Zum Beispiel den Zwang, Geld verdienen zu müssen, um anständig leben zu dürfen. Und wenn es der “Job” dann erzwingt, um 6 Uhr auf der Matte zu stehen, dann MUSS man zwangsläufig sein Kind in die Obhut anderer geben - zB. die eines öffentlichen Kindergartens. Von mir aus um 5 Uhr morgens.

Das kann man aber so nicht formulieren, da sonst selbst einem mäßig begabten Leser auffiele, daß genau diese Zwänge in der BRD ebenfalls existieren, ja sogar schärfer sind, da es oft genug schlicht an Kindergartenplätzen fehlt, die in der DDR sogar betrieblich organisert waren.

Zudem wird den “Arbeitnehmern” heute eine sehr viel höhere örtliche und zeitliche “Flexibilität” abverlangt als dennmals den “Werktätigen” in der Arbeiter-und-Bauern-Hölle. Und das schlägt auch direkt auf die Kinder durch, die noch länger ohne ihre Eltern auskommen müssen - oder aber in ihrer Schulzeit selbst Wege von mehreren Stunden täglich zu absolvieren haben, da mehrere kleine Schulen auf dem platten Land ja ineffizienter sind, als ein Gymnasium alle 150km.

Ach, es gäbe sovieles, worüber man sich zu Recht aufregen könnte….

#2 admin am 18.05.09 um 11:37

Henkel hat übrigens eine neue Strategie gegen SPD und Linke: Er bezeichnet beide Parteien als Spalter Berlins.

Das ist eine noch größere Lüge, denn die CDU hat mit den Volksbegehren um Tempelhof und Pro Reli gezielt die Wähler gespalten und West- gegen Ostberlin ausgespielt, um das Potential der CDU-Wähler in Westberlin auszuschöpfen. Dafür verzichtet die CDU zunehmend auf Ostberlin als Reservoir für Wähler und Funktionäre. Die lukrativsten CDU-Listenplätze für die nächsten Wahlen gingen fast ausschließlich an Westberliner Kiezgrößen. Bis vor kurzem wurde wenigstens noch ein paar Alibi-Ossis auf vorderen Plätze geduldet.

Die 5-Uhr-Story über die DDR-Kinderkrippen gehört in diesen Spalterkontext. Die CDU muß vermeiden, daß Forderungen der SPD und Linken nach Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung populär werden. Obwohl die Berliner CDU nicht grundsätzlich gegen Kinderbetreuung opponiert, muß sie das Wahlkampfthema der Konkurrenz zerstören. Und bei ihrer Westberliner Klientel ist es am einfachsten, erstens die Klischees über DDR-Kinderbetreuung zu zementieren und zweitens eine Verknüpfung zu den Forderungen der Konkurrenz herzustellen: “Wollt ihr eure Kinder morgens um fünf Uhr abgeben? Dann wählt SPD!”

Da macht es sich noch besser, daß Henkel selbst Ostberliner ist. Er reiste als 17jähriger mit seiner Familie nach Westberlin aus. Den Wilmersdorfern und Charlottenburgern kann er sich als Augenzeuge präsentieren, der der kommunistischen Hölle entronnen ist und dafür sorgen möchte, daß Westberlin von dieser Hölle verschont bleibt.

#3 Andreas am 18.05.09 um 11:54

Das folgt doch dem üblichen Schema. Wer regionale Identitäten betont, und die über 40 Jahre getrennte Sozialisation in DDR und BRD ist eine der prägensten regionalen Identitäten in diesem Lande, der ist ein Spalter.

Wer dagegen “die” westdeutsche Identität (die es ja eignetlich auch nicht gibt) als selbstverständliche Identität für alle propagiert, ist ein Einiger. Und Ossis haben sich nunmal zu assimilieren. Henkel und tausende andere “Wossis” haben das ja erfolgreich vorexerziert.

#4 g. haase am 18.05.09 um 15:16

Der einfachste Hinweis auf die wahren Spalter ist das Zitieren des Adenauer-Spruches: “Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb!”

Hilfreich ist auch der Hinweis auf die zeitliche Reihenfolge der Gründung von BRD und DDR.

Grüße aus Leipzig

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