Mel Brooks drehte 1968 den Film “The Producers”. Später schrieb er das Musical “The Producers”, das 2001 in New York uraufgeführt wurde. 2005 drehte er den Film “The Producers”, basierend auf seinem Musical “The Producers”.
Verwirrend? Es geht noch weiter. 2008 lief in Wien eine deutsche Musicalfassung von “The Producers”. Die gastiert seit 17. Mai in Berlin, diesmal unter dem Titel “The Producers — Frühling für Hitler”.
Hitler nicht als Spielzeug der Kunst, auch nicht als Kreativster von allen, sondern als überdrehte Tunte mit Y.M.C.A.-Gefolge. Jüdischer Humor als Kontrapunkt zu Meeses Idiotie.
Das muß man gesehen haben. Gleichgültig, ob Sie noch nie ein Musical besuchten oder ob Sie ein glühender Verehrer dieses Genres sind: Gehen Sie hin.
Die Handlung des Musicals ist sehr simpel: Die Produzenten Max Bialystock und Leo Bloom wollen von älteren, aber sexuell sehr phantasiebegabten Damen zwei Millionen Dollar einsammeln, um sie als Investitionen mit Renditegarantie in ein Broadway-Musical zu stecken. Der ältere Bialystock ist der Charmeur und Damenstecher, und die beglückten Damen investieren reichlich. Sie wissen nicht, daß sie mit ihrem Geld das schlechteste Musical aller Zeiten finanzieren sollen, so schlecht, daß es garantiert nach der Premiere abgesetzt wird, damit sich die beiden Hallodries mitsamt dem Geld nach Brasilien absetzen können.
Das grottenschlechte Musical im Musical heißt “Frühling für Hitler” und wurde von Franz Liebkind geschrieben, einem 1945 nach New York geflohenen bayerischen Nazi, der immer noch in heißer Verehrung für seinen Führer brennt (“Sei nicht blöd, du kleiner Bazi, komm zu uns und werde Nazi”).
Es kommt anders als gedacht. Liebkinds “Frühling für Hitler” wird ein sensationeller Erfolg (“Selbst das Publikum ist nett, alles Juden im Parkett”), und die Produzenten wandern wegen Investitionsbetrugs ins Gefängnis. Natürlich nicht auf Dauer. Wir sind im Musical, da ist das Happy End garantiert.
“Frühling für Hitler” ist im Grunde eine rasend schnell inszenierte Screwball-Comedy. Die Szenenwechsel dauern kaum länger als ein paar Sekunden. Die Künstler halten ein unglaubliches Tempo durch, allen voran die Hauptdarsteller Cornelius Obonya und Andreas Bieber in ihren schweißtreibenden Rollen als Bialystock & Bloom.
Was das Musical so sehenswert macht, ist die radikale Dreistigkeit, mit der Mel Brooks und sein Drehbuch-Partner Thomas Meehan alles durch den Kakao ziehen, was ein deutscher Gag-Autor vielleicht einzeln, aber niemals zusammen anfassen würde: betrügerische Juden, freizügige Blondinen, schwuchtelige Tucken, sexbesessene Seniorinnen, hitlergrüßende Tauben, steppende SS-Männer und ein SA-Ballett in knappen braunen Hot Pants, das sich in einer lasziven Hakenkreuzformation dreht.
Und Hitler als Schwuchtel. Mel Brooks verrät uns seinen vollständigen Namen: Adolf Elisabeth Hitler.
Wir haben “Frühling für Hitler” am 17. Mai gesehen und sind dabei zufällig in die Premiere geraten, ohne es zu ahnen (das Musical wurde schon zwei Tage vorher aufgeführt, allerdings nur als Preview). Der Admiralspalast platzte aus allen Nähten. Um uns herum wichtige Leute, bekannt aus Funk und Fernsehen, darunter angenehme wie Andreas Dresen und Dani Levy und schauderhafte wie Henlyk M. Blödel.
Prominente reagieren gern reserviert, wenn die Arbeit anderer zu beschauen ist. Hier ließen sie alle Zurückhaltung fahren. Immer wieder Szenenapplaus, Bravorufe und hemmungsloses Gelächter; zum Schluß stehende Ovationen. Man verneigte sich vor dem Ensemble. Eine wirklich glänzende Premiere.
Falls Sie unschlüssig sind, ob sich Ihr Geld für das Ticket lohnt, weil Sie weder Film noch Musical kennen, dann leihen Sie sich zuerst die DVD aus. Anschließend werden Sie Karten reservieren, da sind wir sicher. Bis zum 19. Juli haben Sie noch Zeit.
Wenn Sie das Musical auf der Bühne sehen, denken Sie daran: Cornelius Obonya, der als Max Bialystock Schwerstarbeit leistet, ist weder Sänger noch Tänzer. Er kann nicht mal Noten lesen. Alles, was Sie staunenden Auges verfolgen, hat er sich selbst beigebracht. Applaudieren Sie bitte doppelt so laut, wenn er sich nach seinem letzten Lied vor Ihnen verbeugt.

Ein SS-Mann und eine tanzende Maid vor dem Reichsadler.

Der Reichsadler öffnet sich. Hitler fährt empor.

Hitler berauscht sich an Hitler und singt “Heil mir selbst”.

Die schwedische “Sekretärin Schrägstrich Empfangsdame” Ulla Inga tor Hansen Benson Yansen Tallen Hallen Svaden Swanson, kurz: Ulla.

Cornelius Obonya (Max Bialystock), Herbert Steinböck (Franz Liebkind), Andreas Bieber (Leo Bloom), Bettina Mönch (Ulla)
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