Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe kämpft verbissen für den Wechsel von der Zweiklassen- zur Mehrklassen-Medizin. Weil sich die Ärzte verzockt haben und nach der letzten, von ihren eigenen Standesvertretern verhandelten Reform im Osten plötzlich erheblich mehr, im Westen aber nur wenig mehr verdienen, will Hoppe — als Lobbyist der west- und südwestdeutschen Ärzte — die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen radikal zusammenstreichen und eine Prioritätenliste einführen.
Dort steht dann: Grippe: kann warten, Blinddarmdurchbruch: erledigt sich von selbst, Hüftprothese: nur bis 49 und gegen Barzahlung.
Wer sich trotzdem erfrecht, behandelt werden zu wollen, muß die EC-Karte mitbringen oder eine Zusatzversicherung abschließen. Mit letzterer kann der Arzt am Bodensee noch mehr Geld direkt beim Patienten kassieren, zu 100 Prozent und ohne Abgabe eines Teils an die Solidargemeinschaft. Dem Arzt in Meck-Pom bleibt nach wie vor die Abrechnung mit der Krankenkasse. Vermögende Patienten kennt er nur aus Arztserien im Fernsehen.
Den Kranken, der prekär leben muß, erkennt man dann nicht nur, wie schon heute, am Gebiß. Der alte Kalauer “Lieber arm dran als Arm ab” würde eine völlig neue Bedeutung erhalten. Der arme Schlucker, der für 4 Euro Stundenlohn an der Kreissäge malocht und übermüdet in die Zacken greift, behält seinen kaputten Arm, bis ihn der Wundbrand abgenagt oder eine Schwesternschülerin als lebendes Objekt zum Erlernen der Handhabung der Knochensäge abgetrennt hat.
Hoppe muß seinen Abschied von der Grundversorgung irgendwie begründen. Ihm fiel dieser Satz ein:
“Ich kann nicht behaupten, dass die Menschen früher sterben, man kann aber auch nicht das Gegenteil beweisen - und das muss uns doch nachdenklich stimmen.”
Wenn Sie diesen Satz verstanden haben, gratulieren wir Ihnen herzlich. Wir müssen passen. Auch nach längerer Überlegung wissen wir nicht, was Hoppe nachdenklich stimmen muß.
Daß die Mehrklassenmedizin eingeführt wird, mit oder ohne sinnvoller Begründung, darauf können Sie wetten. Nicht mehr vor der Wahl, aber 2010. Ursula von der Leyen soll sich sehr für einen Wechsel ins Gesundheitsministerium interessieren. Im Erfinden von Listen hat sie Übung.
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