Die Genugtuung, mit der in machen deutschen Medien auf die Affäre Kurras reagiert wird, ist so gewaltig, daß man dahinter eine tiefe Neurose vermuten könnte; einen unbewältigten Dutschke-Komplex derer, die 1968 als Studenten die Mao-Fahne hochhielten und heute in Großraumbüros die Direktiven aus der Chefetage in Leitartikel pressen müssen.
Noch vor einem Jahr verpuffte Götz Alys Versuch, die 68er zu verkappten Nazis zu erklären (“Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück”, Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2008) als trostlose Lachnummer. Jetzt ist die Gelegenheit günstig, die 68er von der anderen Seite her anzupinkeln: Alles Stasi, außer Mutti.
Ein paar amüsante Beispiele:
Harald Martenstein behauptet im Tagesspiegel:
“Karl-Heinz Kurras, der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hat, war Kommunist.”
Das schließt Martenstein aus Kurras’ Mitgliedschaft in der SED, die sich zum Zwecke besserer Tarnung Sozialistische — und nicht Kommunistische — Einheitspartei Deutschlands nannte. Wäre Martenstein nicht so klug wie eine dünne Scheibe Graubrot, würde ihm auffallen, daß nach seiner Logik Adolf Hitler Sozialist gewesen sein müßte.
Auch Harald Jähner, das pelzige Graubrot der Berliner Zeitung, jubelt sich das Höschen naß:
“Es war ein Linker, der den Linken erschoß.”
Bis vorige Woche war Kurras nur ein Westberliner Polizist im Ruhestand. Heute ist er ein Linker. Damit setzt Jähner den uniformierten Todesschützen Kurras mit tatsächlichen Linken wie Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke gleich.
Für Jähner ist das nur konsequent. Der stockkonservative, gedanklich vertrocknete Biedermann, der sich keine andere Welt als die kuschlige Mitte der Gesellschaft vorstellen kann, zündelt ganz bewußt an den Grundüberzeugungen des deutschen Spießers: Wo Linke sind, ist Mord nicht weit. Einsperren, das linke Gesindel, und den Schlüssel wegwerfen.
Noch einen Schritt weiter geht der Schlagzeilenerfinder der Berliner Zeitung. Über einen Kurras-Text des Politikwissenschaftlers und 68er Zeitzeugen Wolfgang Kraushaar setzt er:
“Ein inoffizieller Staatsakt der DDR? Der West-Berliner Student Benno Ohnesorg wurde von einem Stasi-Mitarbeiter erschossen.”
Die Erschießung Ohnesorgs als inoffiziellen Staatsakt der DDR zu suggerieren, wagte nicht einmal der Tagesspiegel. Auch Wolfgang Kraushaar dachte nicht im Entferntesten daran, ähnliches zu unterstellen. Hier ist die Passage seines Artikels, aus der die Überschrift entlehnt wurde:
“Wie stark das Interesse der SED an einer politischen Ausbeutung des Todes von Benno Ohnesorg war, verriet sich durch eine Geste, die damals bereits zu Spekulationen hätte Anlass bieten müssen. Man ließ den Trauerkonvoi mit dem Leichnam des Germanistikstudenten zur Beerdigung nach unkontrolliert von Berlin nach Hannover die DDR-Grenze passieren […] Das Ganze trug Züge eines inoffiziellen Staatsaktes der DDR. Wer diese Symbolik jedoch als eine wirkliche Unterstützung der Studentenbewegung verstanden hätte, der wäre einem Missverständnis aufgesessen.”
Kraushaar beschrieb den Trauerzug als inoffiziellen Staatsakt, nicht den Mord an Ohnesorg. So kann man mit Schlagzeilen Politik machen, gegen den Inhalt des Artikels.
9 Kommentare ↓
Diese Medienkampagne ist so lächerlich wie vorhersehbar.
Wohl wahr.
Das muß in der Überschrift übrigens “Kommunisten” heißen.
Aber Pisa ist halt überall. Auf dem ZDF-Theaterkanal läuft zB. eine erkennbar für Kinder und Jugendliche produzierte, mehrteilige Doku mit dem Titel “Die Theatermacher - Vom Praktikant zum Intendant”….
Stimmt, wird sofort geändert.
Und die Springerpresse denkt doch allen Ernstes, jetzt sei ihre Stunde gekommen. Späte Genugtuung oder so. Und das bei der Rolle, die sie selbst damals spielte…
Das ist nicht mehr zu überbieten. Akute Herzkasper-Gefahr!
Einige 68er-Aktivisten sind ja im Marsch durch die Institutionen bei Springer (und Holtzbrinck, Burda, Gruner + Jahr, Spiegel usw.) gelandet. Die sind als Schreibknechte geradezu ideal, denn ihre linke Vergangenheit macht sie ihr Leben lang angreifbar. Als Buße bis zum Tod müssen sie nun mit doppeltem Einsatz und besonderem Fleiß auf den gleichen 68er herumtrampeln, die sie selbst einmal waren. Ansonsten gehen das Redakteursgehalt und der warme Platz in der Bundespressekonferenz flöten.
… der Aly-Effekt
Ist ja irre, wie Sie Zeitung lesen. Ein paar Zeilen nach der Überschrift wird in meinem Text (übrigens voller Symphatie) sehr deutlich, wogegen es der antiautoritären Bewegung damals ging: Gegen die “Herrschenden” insgesamt, zu der die SED genauso gehörte wie der Berliner Senat. Die Kategorien links und rechts waren schon Ende der Sechziger Jahre ziemlich unterwandert durch neue Kategorien wie die des repressiven und autoritären Charakters beispielsweise. Sogenannte altlinke Stalinisten konnten recht gut in dieses Schema passen. Können Sie sich keinen linken Waffennarren vorstellen? Man muss kein pelziges Graubrot sein wie ich, um sich an solche zu erinnern. Phantastisch, was für ein heiles Weltbild Sie haben!
Selbstverständlich gibt es linke Waffennarren. Allerdings ist Kurras kein Linker, auch kein linker Stalinist, wie Sie mit Ihrer Überschrift suggerieren. In dieser Einschätzung der Person Kurras unterscheiden sich unsere Weltbilder tatsächlich.
Die Mitgliedschaft in der SED war für einen Teil der 2,3 Millionen Mitglieder schlicht ein Karriere-Turbo, ohne innere Bindung an die Partei und ohne linke Überzeugungen. Und die sozialistisch korrekten Phrasen, mit denen sich Kurras bei der Volkspolizei bewarb, sind die übliche DDR-Prosa für Funktionäre, hohles Gesülze ohne tieferen Sinn. Plakative Formeln wie “Die Arbeitskraft dem Friedenslager zur Verfügung stellen” konnten jeder Zehntklässler und jedes CDU-, NDPD- oder LDPD-Mitglied aus dem Ärmel schütteln. Das demonstriert bestenfalls eine geschmeidige Ausdrucksweise, angepaßt an die Erwartungen der Funktionäre. Mit einer linken politischen Haltung hat das nicht das Geringste zu tun.
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