Nadja
“Touched”
(p) 2007, Alien8Recordings

Majestätisch. Kein anderes Wort beschreibt diese Musik besser. Majestätisch schreitet Gott über den Erdklumpen, den er zur Welt formte. Nicht langsam, sondern bedächtig. Gott hat Zeit. Ohne Hast hebt er den schweren Fuß. Setzt ihn vor den anderen. Läßt den Boden beben und schwingen. Senkt eine Hand und legt ein Gebirge nieder. Die Erde zittert und stöhnt. Gott schreitet weiter. Einen Fuß vor den anderen. Majestätisch, ohne Hast.
Nadja sind Aidan Baker und Leah Buckareff. Ein Duo — mehr nicht. Baker, der Multiinstrumentalist, Künstler, Sänger, Dichter, Maler; Buckareff, die Bassistin und zweite Sängerin. Auf dem offiziellen Pressefoto drapierte man die beiden zu vergeistigten Langzeitstudenten:

Doch der Eindruck täuscht. Nadjas zweites Album Touched (nach dem vorzüglichen Truth Becomes Death aus dem Jahr 2005) enthält nur fünf Songs; drei davon zwischen 13 und 18 Minuten lang. Doch diese fünf Songs verschmelzen zu einer feierlichen Messe des Dark Ambient. Einem Hochamt der göttlichen Zwillinge Doom und Drone. Gravitätisch. Königlich. Erdschwer. Eine Kathedrale, gefüllt bis zum letzten Winkel hoch oben unter der Decke mit gewaltigen, düsteren, träge wabernden Wellen heiliger Musik.
Nadja türmen Berg auf Berg, ohne Hast. Baumstarke Gitarrenarme schlängeln sich gemächlich aus den Boxen. Nebeldichte Keybordflächen schuddern in Zeitlupe über den Boden. Sie kriechen auf den Hörer zu, züngeln an seinen Füßen, umfangen seine Beine. Liebkosen ihn mit erhabenener Ruhe. Gleiten höher und höher, binden seinen Körper, drücken ihn ganz ruhig in die Polster. Umkreisen zärtlich seinen Kopf, schlingen ihn fest, wandern durch das Zimmer.
Eine Stimme dringt durch Bäume und Nebel. Sie singt klar und deutlich und ist doch so weit weg, wie es nur ein Gott sein kann. Die Stimme verhallt in den neblichten Landschaften des Keyboards, die sich in das Zimmer ergießen; ohne Pause, ohne Hast. Getragen von düster schwellenden Gitarren, wie dumpfe, archaische Hörner, die den Auserwählten preisen.
Die Stimme kehrt zurück, jetzt tief und zornig. Sie brüllt aus weiter Ferne, verborgen hinter den dichten Nebelwänden der göttlichen Keyboards. Sie brüllt und brüllt; ein junger, verwundeter Held im Todeskampf. Unerbittlich hüllen ihn die Nebel ein. Die Gitarren stoßen zeitlupenlangsam Riff auf Riff in sein Herz. Er brüllt sich die Seele aus dem Leib und ist doch so weit weg. Er versinkt im gewitterschwarzen Wolkenmeer. Er hatte nicht die Spur einer Chance.
Triumphierend hebt das Keyboard zu langgezogenen, siegestrunkenen Fanfarenklängen an. Die Gitarren krauchen stoisch in zähen Wellen durch den Raum. Der Held ist nicht mehr. Die Fanfaren verklingen. Stille. Ungerührt spielt die Gitarre ganz leise ihre Melodie. Majestätisch, ohne Hast.
Nadja haben sich mit ihrem dritten Album in die allererste Reihe gespielt. Hier müssen sie sich mit den ganz Großen messen. Wenn überhaupt, ist Touched ohnehin nur mit Alben von Earth und Sunn 0))) zu vergleichen. Aber nur mit Abstrichen. Denn Touched ist ihre eigene Majestät.
Nadja
“Radiance Of Shadows”
(p) 2008 Alien8Recordings

Noch schwerer. Noch schleppender. Aber nicht besser als Touched.
Nur noch drei Songs, jeder zwischen 23 und 29 Minuten lang. Gesamtspielzeit: 79:29 Minuten. Es hätte ein Fest werden können. Es wurde ein typischer Plotkin.
James Plotkin war schon der technische Mastermind auf Touched. Hielt er aber dort noch die Waage zwischen monumentalem Doom und eskapistischen Soundspielereien, ließ er jetzt seiner Vorliebe für hochfrequente Elektronikflächen freien Lauf. Das ist seine Welt, und solange er auf einen starken Gegenpart trifft — wie Stephen O’Malley in ihrer gemeinsamen Band Khanate –, ist alles in Butter.
Wenn nicht, entwickeln sich die Stücke unter Plotkins Hand zu hirnmatternden Geräuschorgien. Ein Fingernagel, der über eine Schultafel kratzt, klingt lieblich gegen Plotkins experimentellen Overkill. Abstrakte Lärmreflektionen an der Grenze des Erträglichen sind ja ganz nett — aber ausgerechnet mit Nadja?
Warten wir’s ab, ob Radiance Of Shadows ein Ausrutscher bleibt, oder ob Nadja in Richtung Khlyst und Lotus Eaters driften. Messitsch by Burns zündet derweil eine schwarze Kerze an und murmelt ein Stoßgebet, daß das vierte Album wieder an Truth Becomes Death und Touched anknüpft. Gerne mit Plotkin am Mischpult. Aber ohne minutenlangen experimental noise.
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