Sunn 0)))
24. Mai 2009
Berlin, Kreiskulturhaus Prater
Am Ende gab es keine Stille.
Nach dem letzten Brüllen der Gitarren, nach dem Applaus des Publikums und all den Bravo-Rufen, nach dem Aufflackern der Saalbeleuchtung und dem Öffnen der Ausgangstüren sahen wir die Füße der Menschen um uns herum über hölzerne Platten scharren. Wir sahen sie, aber wir hörten ihre Schritte nicht.
Es dröhnte und summte mitten im Kopf. Über dem Nacken puckerte ein leichtes Hämmern. Die überstrapazierten Nerven, die sich bis weit über die Reizgrenze dehnen und strecken mußten, um während des akustischen Sturmangriffs nicht zu kollabieren, schienen immer noch zu pulsieren. Die Ohren rauschten, als strömten in ihnen gewaltige Bäche dampfenden Blutes, ohne Pause. Gedämpft, wie durch einen dichten Wattebausch, verfolgten wir die Mundbewegungen der Menschen um uns herum. Sie schienen leise zu murmeln.
Im Vorraum gingen wir zum Tresen, zeigten stumm auf den Zapfhahn und legten das Geld auf den Handteller, damit die Barfrau nehmen möge, was sie braucht. Sie lächelte und sagte etwas. Was sie sagte, wissen wir nicht.
Wir griffen das Bier und traten ins Freie. Eine Straßenbahn rollte mit eingeschaltetem Licht die Straße entlang. Wir starrten auf die Scheinwerfer und ließen sie vorüberfahren. So eine leise Straßenbahn hatten wir noch nie gehört.
Von Sunn 0))) heißt es, diese Band sei die lauteste von allen. Das ist vermutlich relativ, denn wir haben schon lautere erlebt. Aber Sunn 0))) ist die intensivste Band. Hier bluten nicht nur die Ohren; hier darf man kein schwaches Herz und keinen künstlichen Darmausgang besitzen.
Vor Jahren lasen wir auf einer Website (Sunn 0)))? Neurosis? Boris?): Das Hören unserer Musik kann zur spontanen Darmentleerung führen. Gemeint war das berüchtigte braune Rauschen; ein Ton, der so tief ist, daß er die Kontrolle über die Darmfunktion ausschaltet. Ganz so drastisch waren die Schilder nicht formuliert, die im Prater hingen, aber in ihrer Deutlichkeit nicht zu übersehen: Der Veranstalter bat dringend um den Gebrauch von Ohrstöpseln. Wer keine bei sich hatte, dem wurden aus großen Beuteln weiche Plastikpfropfen gereicht. Umsonst und gratis.
Das Publikum folgte größtenteils dem Rat (wir beim nächsten Mal auch). Manchem wurde es trotzdem zu heftig. Vor allem die Pressekartenschickeria verzog sich nach der ersten Hälfte. Andere Leute bohrten erst ihre Stöpsel in die Ohren und schoben dann die Zeigefinger nach, so tief, daß man dachte, ein Arzt müßte nach dem Konzert die Plastikmasse aus dem Innenohr kratzen.
Man kann es ihnen nachfühlen.
MAXIMUM VOLUME YIELDS MAXIMUM RESULTS: Diesen Satz lassen Sunn 0))) auf jede ihrer CDs drucken. Aber kein Liebhaber lauter Musik schraubt sich in seinem Wohnzimmer auch nur annähernd in solche Grenzbereiche menschlicher Hörerfahrung wie Sunn 0))) im Konzert. Die Wände würden nach außen klappen, und das Dach flöge weg, getragen auf einer tiefstfrequenten Schubwelle.
Kurzer historischer Abriß: Die Band existiert seit 1998. Stephen O’Malley und Greg Anderson kennen sich seit Jugendtagen, probierten es mit Burning Witch, trennten sich, fanden wieder zusammen und gründeten Sunn 0))), deren Namen sie in Anlehnung und Verehrung für Dylan Carlsons Band Earth wählten, die wir vor sechs Wochen an gleicher Stelle erleben durften.
Das Duo O’Mally und Anderson feierte im letzten Jahr das zehnjährige Sunn 0)))-Jubiläum. 1998 erschien auch ihr Debüt The Grimmrobe Demos, eine auf 500 Stück limitierte Plattenproduktion mit drei Stücken: Black Wedding (19:17), Defeating: Earths’ Gravity (14:59) und Dylan Carlson (21:30). An tiefer Verneigung vor Dylan Carlson hat es auch in den Songtiteln nicht gemangelt.
The Grimmrobe Demos wurde 2005 von Southern Lord Records auf CD wiederveröffentlicht und um den Bonustrack Grimm & Bear It (16:40) erweitert. Praktischerweise heißen die Gründer von Southern Lord Records Stephen O’Malley und Greg Anderson. O’Mally, der seit Jahren in Paris lebt, gestaltet außerdem fast alle Cover. Wer edle Verpackungen von Langspielplatten und CDs liebt, der wird das Label in sein Herz schließen.
Die Etablierung von Southern Lord Records ist keine Notlösung für die eigenen Plattenproduktionen. Das Label besitzt eine beeindruckende Discography, von respekteinflößenden Namen wie Electric Wizard, Earth und Boris bis zu den lustigen Esoterikern Wolves In The Throne Room. Und weil alle Welt von garstigen Filesharern spricht, die seriöse Plattenfirmen lustvoll in den Abgrund zerren, wurde auch Label-Co-Chef Greg Anderson zum Thema befragt:
“I think at this level, downloading music is not doing any harm. Maybe the majors are feeling a sting, but I think the underground may even be benefiting from downloads and digital sharing of recordings.”
Wo er recht hat, hat er recht. Außerdem fiel uns auf, daß wir noch nie einen Merchandisingstand gesehen haben, der so dicht umlagert und regelrecht geplündert wurde — gegen Geld, versteht sich — wie der von Sunn 0))). Wenn sich die Besserverdienenden zu den Freunden des guten Doom zählen, gibt es noch Hoffnung für Deutschland.
Zum Doppelfest “10 Jahre Sunn 0))) + Grimmrobe Demos” gingen O’Malley und Anderson auf große Fahrt: Mit vier Konzerten um die Welt. 2009 hingen sie ein paar Termine dran; erst in Japan, dann in Europa, mit dem Berliner Auftritt als einzigem Konzert in Deutschland.
Als Sunn 0))) 2006 im Großen Saal der Volksbühne spielten, ließ sich ihr Gastsänger Attila Csihar im Rollstuhl auf die Bühne schieben, um dem Publikum mit sinn- und geistlosem, in nervenzerrenden Zahnarztbohrerfrequenzen gekeiftem Gestammel die Ohren abzusägen, ganz langsam und schmerzhaft. Der größte Teil des Publikums dankte ihm mit vorzeitigem Verlassen des Saales.
Zur Grimmrobe-Tour bleibt Attila Csihar, wo der Pfeffer wächst. Eine wundervolle, für das Konzert segensreiche Entscheidung, die auch auf der Southern-Lord-Website angekündigt wurde:
“Stephen O’Malley and Greg Anderson ONLY. No guests, no vocals, no keyboards.”
Und so war es.
O’Malley und Anderson standen allein auf der Bühne, vor einer imposanten Wand aus Verstärkern und Lautsprechern. Umhüllt von teilweise blickdichten, farbig angestrahlten Schwaden aus der Nebelkanone, sah man nur verschwommene menschliche Schemen, versunken in roten Mönchsroben, die mit einer Hand den Gitarrenhals umfaßten, während die andere Hand über die Saiten strich. Wenn man überhaupt etwas sah.
Denn zum Gründungsethos von Sunn 0))) gehört, Musik spürbar zu machen. Bei körperlosen Schallwellen funktioniert das nur über die Resonanz tiefer Frequenzen, gekoppelt mit einer enormen Lautstärke. Die auf höchste Empfindlichkeit präparierten und extrem tief gestimmten Gitarren reagieren vermutlich auch auf einen Schmetterling, der sich auf einer Saite niederläßt. Der Donnerschlag, den die Landung seiner Beinchen auslöst, wird ihn allerdings um die Saite wickeln und anschließend rösten.
Um das Publikum zu animieren, sich ganz auf die Musik einzulassen, ziehen sich Sunn 0))) komplett in den Nebel zurück. Sie werden körperlos und spenden den Zuhörern ihre körperliche Musik. Mit einer Wucht, die nicht jeder verträgt.
Der Boden vibriert mit der Intensität einer Fußreflexzonenmassage, durch die Schuhe hindurch. Die Körperhaare richten sich auf. Jede Faser wird gewalkt und geknetet, innen wie außen. Wer unter einer zu flotten Verdauung leidet, sollte bei Sunn 0))) eine Windel tragen. Und welche Nachteile es hat, wenn sich die Kopfhaut kräuselt, möchten wir gar nicht wissen.
O’Malley und Anderson bewegen sich in Zeitlupe, denn ihre Musik ist gedehnte Zeit. Sie könnten das Wachsen eines Gebirges vertonen. Sie picken keine schnellen Akkorde. Sie singen nicht und bieten keine Gelegenheit zum Gröhlen eines Refrains. So etwas wie einen Refrain kennen sie gar nicht. Sie spielen überhaupt keine Songs in klassischer Struktur.
Sie kommen auf die Bühne, hängen sich die Gitarren um, versinken im Dunst und lassen die Finger über die Saiten gleiten. Nur gleiten, das genügt. Dreimal, viermal in der Minute. Still verharren ihre Körper, fast regungslos, und meditieren zum Klang der Musik.
In markerschütternder Lautstärke kommt sie über den paralysierten Zuhörer, der starr und mit offenem Mund zur nebligen Bühne starrt. Sie umrollt und umtost ihn, fährt von einem Ohr zum anderen, mitten durch den Kopf, eine Furie in Gestalt einer schreienden Schlange, die sich im Schneckentempo durch das Gehirn fräst und deren Schwanz dröhnend gegen die Schädeldecke schlägt, wie ein Klöppel gegen eine große Glocke.
Manchmal, wenn O’Malley und Anderson einen Akkord geschlagen haben, heben sie den Arm und strecken ihn gen Himmel. Sie halten den Arm sehr lange senkrecht, als wollten sie Gottes Zeigefinger berühren, und lassen dabei die Gitarrensaiten schwingen. Man schließt die Augen und sieht einen riesigen, ohrenbetäubend schnarrenden und brummenden Transformator vor sich. Hörbarer Strom.
Sie treten an die Verstärker und erzeugen wabernde, in Wellen schwingende Feedbacks, gewaltig und unfaßbar tief. Man glaubt, das krampfende Herz zu spüren, das sich in subsonischen Tentakeln windet.
Sie halten die Gitarre mit beiden Händen ganz sanft, fast zärtlich über dem Kopf. Sie drehen sie langsam, senken sie vor die Gesichter, heben sie hoch oder kippen sie schräg. Bei jeder Bewegung, und sei sie noch so winzig, ändert das hochempfindliche Instrument seinen Klang. Der Ton wird höher oder tiefer und pflanzt sich fort, ausgesandt von der Gitarre, die so sensibel reagiert, als sei sie ein Trautonium.
Sunn 0))) verschleppen den ohnehin nicht lebenslustigen Doom bis kurz vor den Stillstand und verstärken dessen hypnotische Wirkung durch eine extreme Reduzierung auf Bass und Lautstärke. Ihr Drone genannter Stil besteht hauptsächlich aus ultra-slow gespielten Arpeggien, die in ihrer Zerdehntheit bestenfalls von einem Dauerton unterboten werden könnten. Das kann den Hörer in eine meditative Grundstimmung leiten. Dazu braucht man sehr viel Zeit, ein bequemes Sofa und tolerante Nachbarn. Aber es funktioniert. Jim Jarmusch ist davon so begeistert, daß er für seinen neuen Film The Limits Of Control einen Soundtrack mit Sunn 0))) (und Earth und Boris) zusammenstellte.
Man sollte aber nicht so tun, als würden Sunn 0))) die Lösung aller mentalen oder psychischen Probleme bedeuten. Weder taugt ihre Musik zur spirituellen Heilung noch zur inneren Reinigung oder stillen Umkehr. Sie gibt keine Kraft, bewirkt keine Wunder und ist nicht kathartisch. Solche Zuschreibungen sind dummes, aufgepupstes Zeug. Sunn 0))) sind nur eine Band, die allerdings geschafft hat, was vielen nicht vergönnt ist: Ihre eigene, sehr tiefe Spur in die Straße der Rockmusik zu schlagen, jenseits des Mainstreams und der Trendjägerei.
Doch auch diese phänomenale Musik läßt sich nicht permanent reproduzieren, ohne in der Endlosschleife zu verhaken. Noch tiefer, noch lauter, noch langsamer: Das klappt nicht ewig. Auf ihrer neuen CD Monoliths & Dimensions haben sich Sunn 0))) für einen Schnitt entschieden; einen Schritt vor, zur zeitgenössischen Musik, und gleichzeitig einen Schritt zurück zu Earth. In der Summe ein außergewöhnlich gelungenes Werk, das aber live nicht präsentiert wurde.
Denn zehn Jahre Grimmrobe Demos war für Sunn 0))) ein Anlaß zur Rückschau. Sie interpretierten nicht exakt die Grimmrobe Demos, aber belebten deren Geist. Noch einmal zu den Wurzeln, bevor dieses Kapitel geschlossen wird. Falls Monoliths & Dimensions eine Richtungsentscheidung war, werden Sunn 0))) in den nächsten Jahren von Streichern, Bläsern und einem Kinderchor begleitet. Oder von einem Techniker mit Laptop für das Halbplayback.
Vielleicht zum letzten Mal spielten sie ihren Drone so pur wie 1998.
Es brachial und barbarisch. Es war höllisch gut.
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Auf der Bühne sah man meist bunten Nebel …
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… aus dem sich zwei Gestalten schälten …
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… oder ein paar Verstärker …
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… die wieder im bunten Nebel abtauchten.
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Wenn die Nebelbläser keine Kraft mehr hatten,
verflüchtigte sich der Vorhang, und für einen
Moment wurden Stephen O’Malley, Greg Anderson
und ihre Verstärkertürme sichtbar.
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Nach dem Konzert spazierten wir vor dem Prater,
um die Ohren in der lauen Frühsommernacht zu kühlen.
Plötzlich sahen wir zwei langhaarige Männer
in durchgeschwitzten Klamotten:
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Stephen O’Malley plauderte mit einer Frau, während
Greg Anderson auf unsere Bitte für unsere Kamera posierte.
Dieses Foto ist tatsächlich exklusiv für Messitsch by Burns.
Thank you, Greg.
Die kryptische Setlist, diesmal erst recht ohne Gewähr:
- Drone
- Theme
- Theme 2
- Drone
- Jubilex (R)
- A Drone
- Earth
- Feedback
- Epic Riff (L)
- Isengard
- D Drone
- Drone
- Bwytch
- Mustaine
- Bwytch
- Etc.
Fotos (c) by Ch. Brinkmann
5 Kommentare ↓
Verglichen damit sind Bohren und der Club of Gore wahrscheinlich Speedmetal. Gabba gabba hey!
Grüße aus Leipzig
Yep, kann man sagen :)
Und ich dachte immer, dabei geht es um Musik, dabei ist es Kunst:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,druck-626909,00.html
Denn der SPIEGEL kann nicht irren … (11. Gebot des dt. Journalismus oder so)
Ach, der Wigger …
Der hat schon mal eine Pink-Floyd-Box rezensiert, ohne sie gehört oder gesehen zu haben:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,533129,00.html
http://www.messitschbyburns.de/archives/58
Andernfalls hätte er nicht solchen Stuß geschrieben. Es sei denn, er ist blind und taub.
Harry Rowohlt erzählte mal in einer Lesung, daß er als kleiner Junge seinem Vater immer vorlesen mußte, weil der halb blind geworden war (oder sowas) - und dann setzte er noch einen drauf: “Die meisten Verleger können ja nicht lesen, aber mein Vater hatte wenigstens ein Attest!”
Welches Attest hat Jan Wigger?
Ist aber schon interessant, wie man von rhythmisch kaum strukturierten Getöse auf Harry Rowohlt kommen kann…
Mein Kommentar: