Nur der guten Ordnung halber, denn überraschend ist es nicht: Marianne Birthler wußte schon am 4. Mai 2009, daß ihr Mitarbeiter Helmut Müller-Enberg einen Artikel über die Akte Kurras publizieren wollte.
Wenn die Akte am 4. Mai publikationsreif war, muß sie wesentlich früher entdeckt worden sein. Die Geschichte vom Zufallsfund kurz vor der Wahl des Bundespräsidenten ist damit erledigt.
Und dann platzte noch ein Bömbchen.
Die Behörde mußte vorgestern gestehen, daß die Akte Kurras seit 2003 bekannt ist. Sie wurde erfaßt, bearbeitet und wieder weggelegt. Angeblich hätten die Sachbearbeiter die Brisanz der Namen Ohnesorg und Kurras nicht bemerkt.
Das ist pikant. Die Behörde ist nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz verpflichtet, dem Innenministerium unaufgefordert mitzuteilen, wenn “sich aus den Unterlagen Anhaltspunkte ergeben für eine Straftat im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes” oder über eine Spionagetätigkeit. Beides trifft auf Kurras zu.
Und hier wird es für Birthler brenzlig. Denn die von ihrer Behörde verbreitete Schutzbehauptung, im Jahr 2003 hätten möglicherweise Ostler, die man 1990 gnädig aus dem DDR-Staatsdienst übernahm, die Akten sortiert und in ihrer Unkenntnis — dumm, wie der Ostler nun mal ist — mit den Namen Kurras und Ohnesorg nichts anfangen können, zieht nicht.
In der Akte hat die Stasi den Todesschuß ihres Spitzels Kurras dokumentiert. Sein Name wie auch der von Ohnesorg spielen dabei keine Rolle, nur der Vorgang ist entscheidend: Ein IM erschießt einen Menschen.
Eine solche Akte dürfte im Ministerium für Wahrheit seltener gefunden werden als Birthlers Handbuch Wie lüge ich, ohne rot zu werden. Die Stasi war ein Drecksverein, der bis in die 80er Jahre ohne Skrupel morden ließ — aber nicht täglich. Der Aktenbestand über tötende IMs dürfte übersichtlich sein. Da muß Kurras aufgefallen sein wie ein Goldklumpen im Kohlenkeller.
Denn Kurras hat nicht nur den üblichen Schnüffelkram erledigt, den man als Behörden-Sachbearbeiter in der täglichen Routine der Aktensichtung an sich vorbeirauschen läßt. Ein Todesschuß besitzt eine andere politische und juristische Dimension. Die soll keiner erkannt haben?
Wir sind auf neue Enthüllungen gespannt.
Nachtrag:
Der Deutungskampf hat schon begonnen. Der Tagesspiegel schreibt:
“Üblich ist, dass ein Mitarbeiter neu erschlossene Bände manuell durchstempelt. Diese Leute sind keine Wissenschaftler, sondern einfache Sachbearbeiter. Etliche Angestellte hat die Behörde 1990 auch aus dem DDR-Staatsapparat übernommen. Höchstwahrscheinlich hat der Name Karl-Heinz Kurras dem Archivmitarbeiter einfach nichts gesagt. Doch auch bei nur flüchtigem Blick hätte er eigentlich stutzig werden müssen: In den 17 Bänden nämlich finden sich auch Zeitungsberichte über die Todesschüsse auf Ohnesorg – teilweise mit riesigen Überschriften. Die kann man kaum übersehen. “
Die Berliner Zeitung bestreitet die Sichtung der Akte:
“Die Verquickung unglücklicher Umstände bewahrte Kurras auch davor (= vor seiner Enttarnung als IM). Die 17 Bände, also etwa 6.000 Seiten umfassende IM-Akte ‘Otto Bohl’, Klarname Karl-Heinz Kurras, lag schon bei einem Sachbearbeiter der Birthler-Behörde auf dem Schreibtisch und ging dann — ungeöffnet — ins Archiv zurück.”
Schaun wir mal, wer recht behält.
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