Tosca
No-Hassle-Tour
6. Juni 2009
Berlin, Heilig-Kreuz-Kirche
Wenn Sie sich mal richtig ausschlafen möchten, liebe Leser, dann besuchen Sie ein Konzert der beiden Sandmännchen Richard Dorfmeister und Rupert Huber. Falls Sie einen Auftritt in Ihrer Nähe suchen, müssen Sie nach dem Namen eines Parfüms Ausschau halten, das für Frauen ab 85 angeboten wird: Tosca. Denn die beiden Gutenachtmützen treten nicht unter ihren eigenen Namen auf. Vielleicht, weil sie sich für ihr aurales Sedativum schämen.
Sie hätten allen Grund dafür.
Tosca bedudeln seit 1994 die Fahrstühle und Warenhäuser, wurden aber erst durch ein anderes Duo weltweit bekannt: Kruder & Dorfmeister. Deren Remixe DJ-Kicks (1996) und vor allem The K&D Sessions (1998) waren das absolute Must Have der Party People und Early Adopter. K&D designten ihren weichen, schlurfenden Lounge-Sound paßgenau zu Afterhour-Cocktails, Limonenbier und langen Linien Kokain.
Für Dorfmeisters Projekt Tosca war das von Vorteil. Sein Name prägte sich ein. Sicher trieb den einen oder anderen auch die Erinnerung an selige Zeiten in die Heilig-Kreuz-Kirche, als die CDs von K&D dezent die weiß getünchten Lofts beschallten, in denen bonbonfarbene iMac G3 schnurrten (damals konnte man sich das noch leisten) und die Familie ehrfürchtig raunte, wenn man sagte, man studiere Webdesign.
Das zum Teil sehr angegraute Publikum in der Heilig-Kreuz-Kirche hatte jedenfalls die besten Tage hinter und den Rentenschock noch vor sich. Im Zustand der Prae-Midlife-Crisis saß man auf harten, ungepolsterten Stühlen und nuckelte am Glas Rotwein, das man sich an der Kirchen-Bar geleistet hatte. FDP- und Grünen-Wähler in einer Multi-Funktions-Kirche vereint.
Die Kirche wurde in den 90er Jahren zum Saal für klerikale und profane Veranstaltungen umgebaut. Mit rustikalen metallenen Laufbrücken, die als Viereck über den Köpfen der Zuschauer hängen und an denen Scheinwerfer und Lautsprecher montiert werden, wirkt das Haus wie die Mehrzweckhalle eines westdeutschen Landschulheims. Oder wie eine U-Bahn-Station in Spandau.
Die aktuelle Tour von Tosca führt nur durch Kirchen, weil “ihre Musik und die in das Live-Geschehen synästhetisch integrierten Visuals von Fritz Fitzke in den atmosphärischen Räumen einer Kirche am Besten wirken können”. Das behauptet der Pressetext. Was haben wir gelacht.
Denn die Visuals von Projektionskünstler Fitzke sind derart simpel und primitiv, daß man einen 3D-Führerschein einführen möchte, um Amateure und Dilettanten wie ihn vom Publikum fernzuhalten. Ein 3D-Clown minderer Begabung, der mächtig auf die Kacke haut:
“Intention meiner Arbeit ist es, die Vermutung zu bestärken, daß gezielte Kommunikation und Synchronisation zwischen den verschiedenen Sinneskanälen betreffenden Medien, eine erstaunliche Intensität freisetzen kann.”
Fehlerfrei schreiben kann er auch nicht.
Fitzkes großmäulig angekündigte Projektionskunst erschöpft sich in Linien, Flächen und Figuren, die er kaleidoskopartig doppelt oder symmetrisch spiegelt, bevorzugt entlang einer imaginären senkrechten Linie, die die Projektionswand in zwei Hälften teilt. Oder er läßt Köpfe morphen, von Menschen, die mit großen Augen traurig in die Kamera blicken und sich dabei bedeutungsschwer durchs Haar streichen. In Zeitlupe, wegen der emotionalen Wirkung auf den Betrachter. Beim letzten Song montierte er aus lustigen Buchstabenfolgen No Hassle. Oder No Hassel. Unglaublich originell.
Manchmal kriechen drahtige Würmer über die Leinwand, wie auf einem Bildschirmschoner aus der Zeit, als der 486er der meistverkaufte Computer war. Also aus jener Zeit, in der Tosca gegründet wurde.
Sie kennen diese Projektionen, liebe Leser. Wenn Sie nachts nicht schlafen können und keine CD von Tosca zur Hand haben, zappen Sie vielleicht durch das Fernsehprogramm. Dann werden Sie auf eine Wiederholung des Beatclubs stoßen. Dort sehen Sie exakt die gleichen sensationellen Effekte, die Projektionskünstler Fitzke in der Heilig-Kreuz-Kirche präsentierte.
Der Beatclub wurde 1972 eingestellt. Tosca spielten 2009. Very old fashioned, indeed.
Weil Fitzkes Primitivismus nicht Strafe genug war, hängte er die Projektionswand viel zu tief. Der untere Teil seiner Bemühungen verschwand hinter den Köpfen der Zuschauer. Aber vielleicht war das gut so. Was man sah, war ausreichend lächerlich.
Dorfmeister und Huber hockten derweil an ihrem Instrumentarium vor der Projektionswand und spulten Song für Song ab. Ihre größte Leistung bestand darin, die Songs ineinander zu mischen. Daß kaum ein Song zum anderen paßte, daß die Auswahl willkürlich schien, daß weder Konzept noch Idee zu erahnen waren und die harmonische Perfektion der K&D Sessions Lichtjahre entfernt ist, machte den Abend endgültig zur Qual. Die Songfolge jeder Kuschelrock-CD ist sorgfältiger aufeinander abgestimmt als dieser Teller bunter Knete.
Tosca produzierten pure Langeweile. Keine Magie, keine Spur von Atmosphäre. Eiskalt rollten die Downbeats aus den Boxen. Dazu ein paar steinalte Quadro-Effekte mit lachenden Frauen, wispernden Stimmen und murmelnden Menschen aus Lautsprechern, die hinter dem Publikum hingen — das hat u.a. Roger Waters 2006 in der Wuhlheide eindrucksvoller gekonnt. Und vor ihm -zig andere, bis in die Urzeit der 70er Jahre.
Das Publikum wurde zusehends unruhiger. Je länger die Pseudoshow dauerte, desto mehr begann es zu tuscheln, auf den Stühlen hin und her zu rutschen, durch die Kirche zu wandern oder einfach tief Luft zu holen. Ein Seufzer, verbunden mit dem Blick auf die Uhr: Noch 30 Minuten, noch 20, noch 10 …
Nach 90 Minuten endlich die Erlösung. Kurzer, spärlicher Applaus — und raus.
Vor der Kirche dann das überraschendes Geständnis unserer Begleiterin. Obwohl ausgeruht und fit wie Turnschuh, ist sie während des Konzerts mehrmals eingeschlafen.
Mit Tosca kam die Müdigkeit. Ehrlich: Das haben wir noch nie erlebt.

Ein munterer Eindruck von einem Tosca-Konzert
mit aufwendiger 3D-Projektion im Hintergrund.
Foto (c) by Wolfgang H. Wögerer, Wien
4 Kommentare ↓
Also ehrlich:
WORAUF willste ‘raus? GEHEN konnta jede[r], jederzeit. Es Gab auch welche die’s genossen.
Sicher, aber es gab auch welche, die sich langweilten, so wie wir. Um uns herum war das Getuschel und Gemurmel nicht zu überhören, vor allem während der letzten Stücke.
Tosca auf CD schreit ja nicht unbedingt nach einer Live-Performance. Wenn Dorfmeister und Huber trotzdem auf Tour gehen, kann es eben passieren, daß sie sich entblättern wie im Märchen: Der König ist ja nackt! Vor allem, wenn sie auch noch einen kleinkalibrigen 3D-Frickler einkaufen wie Fritz Fitzke.
Naja, wenn man Deggno langsam spielt, merkt auch der Letzte, daß das Zeug gräßlich langweilig ist. Mit Tempo und Lautstärke kann man das durchaus übertünchen, aber wenn es dann mal darum geht, Substanz zu zeigen … tja.
GvH
Die Idee, die relativ dürre Substanz der Musik mit 3D-Projektionen aufzuhübschen, war ja nicht schlecht. Allerdings haben wir 3D-Spielereien wie die von Fritz Fitzke schon Ende der 90er Jahre mit 3D Studio Max gemacht. Das kam mir alles so bekannt vor, daß ich zuerst dachte, er hätte Material von unserem damaligen 3D-Grafiker lizenziert :)
Mein Kommentar: