Cem Özdemir, der Menschenfreund

Geschrieben von messitschbyburns am 11. Juni 2009 | Berlin, Grüne


Morgen schließt der Druckraum in der Dresdner Straße 15 (Kottbusser Tor). Seit 2004 durften hier Heroinabhängige Drogen und Ersatzstoffe konsumieren — unter medizinischer Kontrolle. Eine aggressiv rasselnde Anwohnerinitiative sorgte schon vor Monaten für die Kündigung des Mietvertrags.

Jetzt ist sie am Ziel: Kein Junkie mehr vor der eigenen Haustür.

Die Junkies werden durch den Rauswurf nicht clean. Sie spritzen weiter, jetzt ohne Aufsicht und Hilfe, und wandern zum Hermannplatz, Moritzplatz und Rosenthaler Platz. Dort warten die nächsten Anwohner mit Flugblättern, Mahnwachen und Rechtsanwälten.

Die Kreuzberger Bezirksverwaltung hat ausnahmensweise nicht versagt. Gegen die fristgerechte Kündigung durch den Hausbesitzer war sie machtlos. Ein neuer Druckraum wurde gesucht und beinahe gefunden: Im Erdgeschoss des Hauses Kottbusser Straße 8.

Dort wohnt Cem Özdemir, der Menschenfreund.

Der Druckraum in der Dresdner Straße öffnet nur vier Stunden am Tag. Anfang März 2009 forderte Özdemir den Senat auf, die Drogenabhängigen in Berlin rund um die Uhr zu betreuen.

Aber nicht in seinem Haus.

Seit Bezirksbürgermeister Schulz (Grüne) den Druckraum im leerstehenden Erdgeschoß der Kottbusser Straße 8 einrichten will, hat er seinen Parteivorsitzender Özdemir als mächtigen Gegner. In dessen Haus wohnen alt und grau gewordene Hausbesetzer. Sie haben die Wohnungen längst gekauft. Die Revolution findet nicht mal mehr im Saale statt. Das revolutionäre Plenum debattiert nur noch über die Frage, ob die Küchenwand gestrichen oder geschlämmt werden soll.

“Wenn Sie so wollen, dann haben wir uns in Kreuzberg einen kleinen Mikrokosmos dessen, was ich aus Bad Urach kannte, in meinem Haus eingerichtet.” Das sagt ein mit sich zufriedener Cem Özdemir. Bad Urach ist seine Heimat, im tiefsten Schwaben, am Ende der Welt.

Schwaben sind in Berlin nicht gelitten. Warum das so ist, können sie nicht verstehen. Sie sollten Özdemirs triefend selbstgefälligen Satz lesen und zehn Sekunden nachdenken. Wer seine provinzielle Spießigkeit nach Berlin verpflanzt und erwartet, daß das Leben hier so blockwartmäßig und öde fortgesetzt wird wie daheim, mit Kehrwoche, Mittagsruhe und Kinderwagenverbot im Hausflur, der eckt sehr schnell an. Manchmal beleuchten brennende Autos den Weg zurück nach Schwaben.

Im Druckraum am Kottbusser Tor ist die Zahl der Junkies seit 2004 kontinuierlich gestiegen. Nicht, weil der Drogenkonsum zugenommen hätte. Sie wurden aus anderen Stadtbezirken vertrieben. Jetzt ziehen sie weiter.

Die aufgeschreckte Eigentümer GbR vermietete das Erdgeschoß an einen Fahrradhändler. Kein alternativer Speichenbastler, sondern einer, der zehn Euro Miete pro Quadratmeter zahlt, mehr als ortsüblich. Das Geld verdient er mit aufgemotzten Edelrädern, SUVs mit Pedalantrieb, die im Alltag keiner braucht. Statussymbole grüner Besserverdienender.

Für Özdemir, den Menschenfreund, ist das Problem gelöst. Zumindest in seinem Haus. Für das große Ganze wird sein Büro routinemäßig die nächste Pressemitteilung vorbereiten: Cem Özdemir fordert den Senat auf, die Drogenabhängigen in Berlin rund um die Uhr zu betreuen.

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Der Mikrokosmos im Original: Bad Urach, Heimat von Cem Özdemir

Foto (c) by Ssch

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