Im Moment scheint es en vogue zu sein, sich über schlampig recherchierende Blogs und Onlinemagazine zu erregen. Vielleicht braucht mancher einen Feind, um den eigenen Kreislauf zu stabilisieren, wir wissen es nicht. Wir haben mal drei Selbsterreger recherchiert (hihi), stellvertretend für das Establishment des Ancien Régime:
NDR-Intendant Lutz Marmor über Twitter:
“Recherche ist das Fundament journalistischer Berichterstattung, zugleich das Unterscheidungsmerkmal von Journalismus und Geplapper - oder auch Getwitter.”
Autor Wolf Schneider über das Internet:
“Im Großen und Ganzen wird im Internet doch sehr viel mehr Schrott produziert als Sie irgendeiner Zeitung jemals entnehmen können.”
Bundeskulturbeauftragter Bernd Neumann über Zeitungen:
“In Zeitungen finde ich, anders als im Internet, nicht nur das, was ich suche.”
Nehmen wir Bundesneumann beim Wort. Lesen wir in einer ellenlangen Laudatio der Berliner Zeitung auf ein neues *räusper* Buch der Ihnen, liebe Leser, wohlbekannten *räusper* Autorin Ines Geipel, um nicht nur das zu finden, was wir suchen (dieser Satz ergibt keinen Sinn, aber unser Bundesneumann ist mit der deutschen Sprache nicht vertraut; ein Bauerntölpel wäre hundertmal schlauer und tausendmal sympathischer als dieses ultrarechte Dumpfhirn, mit dem wir uns demnächst ausführlicher befassen werden).
Geipel hackschreibt über DDR-Autorinnen, die in der DDR keine Bücher veröffentlichen konnten. Ein schweres Schicksal, denn außer dem Beruf des Schriftstellers war jeder andere Beruf verboten, besonders für Autorinnen. Daß die unveröffentlichten Bücher nicht nur aus welt-, tages-, oder kulturpolitischen Gründen ungedruckt blieben, sondern auch, weil sie geschriebene Grütze waren, ist undenkbar. Der Dissidentenbonus wäre angekratzt.
Die Laudatorin Cornelia Geißler schwallt und labert über vier Spalten, die sich ziehen und ziehen und ziehen … und die drastisch geschönt sind, zugunsten von Geipel, einer Gelegenheitsautorin der BLZ.
So stellt Cornelia Geißler Ines Geipel vor:
“Ihr erstes Buch, 1996 erschienen, war eine Edition von Texten Inge Müllers. Drei Jahre später widmete sie sich mit ‘Die Welt ist eine Schachtel’ vier in den frühen Jahren der DDR verhinderten Autorinnen: Susanne Kerckhoff, Eveline Kuffel, Jutta Petzold und Hannelore Becker. 2001 nahm sie die Arbeit für das von ihr und Joachim Walther gegründete Archiv ‘Unterdrückte Literatur in der DDR’ auf, in deren Rahmen sie auch die ‘Verschwiegene Bibliothek’ herausgab.”
Vielleicht denken Sie: Huch, da fehlt doch was? Tatsächlich, da fehlt was. Geipels Skandalbuch “Für heute reicht’s. Amok in Erfurt” wird von Geißler dezent verschwiegen.
Dabei muß sich Geißler enorm winden, um Geipels bekannte Borderlinemethoden irgendwie zu übertünchen:
“Wie und wo Ines Geipel recherchiert hat, lässt sich nicht immer überblicken. Sie muss über lange Zeit akribisch Puzzleteilchen um Puzzleteilchen zusammengetragen haben, um diese Porträts zu schreiben, die in sich geschlossen sind und zuweilen von großer sprachlicher Kraft.”
Natürlich läßt sich Geipels Recherche nicht überblicken. Nach dem Eklat mit ihren gelogenen, aus den Fingern gesogenen, frei erfunden Passagen im Erfurt-Buch ist sie ein gebranntes Kind. Wenn sie ihre Recherchespuren vernebelt, kann man sie nicht zurückverfolgen und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen.
Ob Geipel überhaupt recherchierte oder wieder mal in der Nase bohrte und sich Mumpitz ausdachte, weiß man nicht. Nur eines ist sicher: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.
Aber gelogen, verschwiegen und vertuscht wird zum Glück nur im Internet.
2 Kommentare ↓
Umso erstaunlicher ist es da, dass momentan alle “Qualitätsmedien” ihre Infos über die Situation im Iran ausschließlich über Twitter und iranische Blogs beziehen. Dein (ich darf doch, Genosse? *g*) Kollege Berger vom Spiegelfechter hat das hervorragend recherchiert (!) und präsentiert uns eine ganze Parade von Zeitungsenten rund um dieses Thema.
Du darfst :) Der Spiegelfechter ist vorbildlich, der steht nicht ohne Grund in unserer sehr kurzen Blogroll.
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