Peter Fox
12. Juni 2009
Berlin, Freilichtbühne Wuhlheide
Der haushohe Sieg von Peter Fox im Februar 2009 beim Bundesvision Song Contest ist immer noch in Ordnung. Auch im Rückblick bleibt das professionelle Entertainment beeindruckend, mit dem Peter Fox die angetretenen Jammergestalten, die ihm niemals eine echte Konkurrenz sein konnten, nach Hause schickte.
Fox’ Reaktion vor der Siegerehrung war allerdings verwirrend. Er mochte nicht zu Stefan Raab auf die Bühne gehen. Er trabte durch die Backstage-Gänge der Metropolis-Halle, wie ein zickiger Gaul, dem das Stück Zucker nicht groß genug war, das man ihm versprochen hatte. Er wollte eine Runde gebeten und gebettelt werden, blieb aber immer in Sichtweite der Kameras, die ihn verfolgten.
Ein leichter Größenwahn deutete sich an. In der Wuhlheide wurde Fox’ Größenwahn richtig gewaltig.
Daß Konzerte nicht zur angekündigten Uhrzeit beginnen, ist eine Musiker-Marotte, die man seit Jahrzehnten hinnehmen muß. Die Zuschauer werden zu Geiseln, die nicht nach Hause gehen, obwohl sie gehen könnten, weil sie ihre Geiselhaft bezahlten (zuzüglich Vorverkaufsgebühren, als Bestrafung dafür, daß man den Künstlern Monate vor ihrem Auftritt einen Kredit gewährt).
Wir haben schon Konzerte erlebt, die pünktlich (Die Ärzte) oder zu früh begannen (Mono), aber das sind Ausnahmen. Der späte Anfang gehört aus unerfindlichen Gründen zum guten Ton. Auch bei Peter Fox.
Einlaß 17:00 Uhr, Beginn 19:00 Uhr — geschenkt. Gegen 21:00 Uhr schickte Fox einen Jüngling auf die Bühne, der das Publikum recht lieb vom Peter grüßen ließ. Der Auftritt begänne erst 21:30 Uhr, wegen der fehlenden Dunkelheit.
Tatsächlich erschien Peter Fox Punkt 21:30 Uhr. Wer die Wuhlheide kennt, weiß, daß Fox’ Auftritt damit zum 90-minütigen Kurzprogramm zusammenschnurrte. Aus Lärmschutzgründen ist in der Freilichtbühne um 23:00 Uhr Feierabend (eigentlich um 22:00 Uhr; merkwürdig, daß Fox überhaupt so spät auftreten durfte).1
Aus Fox’ Sicht mögen die Gründe nachvollziehbar sein. Er ließ den Auftritt filmen. Vermutlich für eine DVD, doch Genaues weiß man nicht. Normalerweise werden die Besucher am Eingang informiert, wann, wo und wofür sie gefilmt werden. Wer sich nicht filmen lassen möchte, kann immer noch umkehren oder sich die Kapuze über die Stirn ziehen. Peter Fox informierte keinen. Mit Persönlichkeitsrechten hält er sich nicht auf.
Das wäre vielleicht noch wegzustecken, wenn sich Fox für seine Allüren nicht einen der längsten Tage des Jahres ausgesucht hätte. Eine Filmproduktion kurz vor der Sommersonnenwende zu planen und dann auf die Dunkelheit zu warten, ist so absurd, daß man Peter Fox an die Hand nehmen und ihm sagen möchte: Laß gut sein, Junge, such dir einen anderen Job.
Um das Mißvergnügen abzurunden, erwischte Fox eine eisige Juninacht. Wer sich nach 17:00 Uhr einen Platz vor der Bühne sicherte, stand vier Stunden zitternd in der Kälte. Die Bierleichen, die durch die Freilichtbühne torkelten, dürften ein Resultat der mammutösen Verspätung gewesen sein. Man mußte sich zwangsläufig warm saufen.
Fox blieb vom organisatorischen Desaster unbeeindruckt. Sein mauliger Kommentar: “Ich weiß, es ist eine Familienveranstaltung, aber ihr seid einfach zu früh.”
Was man dann auf der Bühne sah, wirkte wie eine unfreiwillige Illustration der Nachtkühle. Peter Fox wird als besessener Arbeiter beschrieben, der immer einen Tick besser, genauer, gründlicher sein möchte als die anderen. Das ist ihm gelungen. Er hat seine Show bis zur Roboterhaftigkeit perfektioniert.
Die Lichtshow: Perfekt. Die Projektionen: Perfekt. Das Outfit: Perfekt. Die Choreographien: Perfekt. Der Sound: Perfekt — aber Opfer der Verhältnisse.
Die Musik zerstob in heftigen Windböen. Sie wehte einfach davon, weit weg, von den Membranen des ausgeklügelten Tonsystems in die Wälder der Wuhlheide. Die unberechenbare Natur besiegte den Klassenbesten.
Dabei hat er sich wirklich Mühe gegeben. 17 Musiker (ohne Streicher, deren Part vom Sequenzer kam) standen auf der Bühne, darunter fünf Trommler von Cold Steel, einer Marching Band aus North Carolina, die ihre Kunst des synchronen Trommelns — pardon für die Wiederholung, aber man kann es nicht anders nennen — perfektionierten.
Sie trommeln mit leuchtenden Sticks, wirbeln sie über ihren Köpfen, werfen sie hoch und fangen sie fehlerfrei wieder auf, halten sie gekreuzt oder rechtwinklig vor ihre Gesichter, stehen in einer exakten Linie nebeneinander oder marschieren im tadellosen Gleichschritt. Wirklich alles perfekt.
In den USA werden Cold Steel als beste Drumline gefeiert. Das mag sein, doch die Tradition der Marching Bands ist in Deutschland unbekannt. Auf einer deutschen Bühne wirken Cold Steel wie Maschinenwesen, wie trommelnde Synchronschwimmer in grauen Anzügen.
Nicht weniger präzise turnte Fox’ Co-Sänger über die Bühne, mit einer Affenmaske auf dem Kopf. Er folgte jeder Bewegung seines Chefs; nicht etwa zeitverzögert, sondern in Echtzeit. Die Exaktheit, mit der Peter Fox vom Affenmann auf die Zehntelsekunde genau gedoubelt wurde, hatte mitunter gespenstische Züge. Ein singender Schatten mit Affenkopf.
Den Leuten gefiel es. Die Stimmung in der ausverkauften Freilichtbühne war ausgezeichnet. Das Publikum, das sich bis zum verspäteten Beginn wütend die Lunge aus dem Leib pfiff, verzieh Peter Fox schlagartig und feierte jeden Song seiner CD Stadtaffe. Noch viel mehr feierten sie aber die eingestreuten Titel von Seeed.
Sollten sich Fox’ Kollegen in das Konzert geschlichen haben, um zu schauen, was der fremdelnde Boss zustandebringt, können sie beruhigt sein. An Seeed kommt Peter Fox nicht heran, weder heute noch morgen noch überhaupt. Das Publikum war zwar bester Laune, aber meilenweit von der orgiastischen Dauerparty der letzten Seeed-Konzerte entfernt.
Es gab einen Moment, an dem ein Funken Magie aufblitzte. Zur ersten Zugabe schnappten sich 13 Musiker und Backgroundsänger Trommeln, stellten sich an den Bühnenrand und spielten drauflos. Vermutlich war auch diese Performance bis ins Detail geprobt, aber dann mit anarchistischem Vergnügen.
Vielleicht resultiert die überproduzierte Glätte des Konzerts aus dem Stilwechsel von Seeed zu Fox. Denn Peter Fox spielt lupenreinen Mainstream. Der Reggae ist weitgehend elemeniert, der Hip Hop domestiziert. Die Songs laufen im Formatradio und ziehen ein Publikum an, das sich bei Seeed nicht mal für Freibier ins Konzert bewegt hätte: Sechzehnjährige solariumgebräunte Vorstadtbräute, Erdbeerbowle schlürfende Hausfrauenkränzchen und jede Menge Kinder an der Hand besorgter Mütter. Ein Querschnitt aus der Zielgruppe von Heidi Klum, mit einem Star, der sich selbst zum Model stilisiert; geschmackvoll gekleidet, großes grünes Schnuffeltuch in der Hand und eine schicke Sonnenbrille auf der Nase, trotz Dunkelheit.
Puff Daddy trägt seine Sonnenbrille auch in Dunkeln. Außerdem vergewaltigte er 1998 Kashmir von Led Zeppelin zu Come With Me, was Peter Fox so beeindruckte, daß er eigene Interpretationen schuf: Kashmir als deutsche Hip-Hop-Version (nur live) und als geliehenes Motiv der legendären Geigen auf Stadtaffe: einmal leicht beschleunigt (Alles Neu), einmal entspannt und lässig (Fieber). Jetzt noch ein paar rechtschaffene Schnulzen im Stil von Ich Steine, du Steine, und Peter Fox hat die Einladung als Mitglied der nächsten DSDS-Jury sicher.
Daß sich Peter Fox für dieses Publikum, das sich Ende Juni in der Wuhlheide zur Oldiesnacht wiedersehen wird, um Showaddywaddys Gaga-Zeile Rama Lam Ding Dong Rama Lam Ding Ding Dong zu beklatschen, als talentiertester, versiertester und — ja, ein letztes Mal muß dieses Wort geschrieben werden — perfektester deutscher Textdichter verschleudert, ist die eigentliche Tragik seiner Entwicklung.
Zwar muß er nicht mehr überlegen, wovon er die Miete zahlen kann. Aber alles hat seinen Preis. Sollten Seeed wirklich wieder ins Studio gehen und sich von Peter Fox zum Kommerzpop drängen lassen, dann wäre es besser, das Mausoleum für Seeed zu errichten und in den Schlußstein zu meißeln: R.I.P.

Bühnenprojektion zu “Haus am See”. Vorn rechts
steht Backgroundsängerin Vanessa Mason,
mit der Peter Fox das Duett “Zucker” singt.

Peter Fox mit seinem affenmaskierten Co-Sänger,
dahinter die Präzisionstrommler von Cold Steel.

Peter Fox und Miss Platnum

Die Kameramänner mußten Affenmasken tragen.
Keine schlechte Idee bei der Kälte.
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Lok auf 2 Beinen
- Der letzte Tag
- Stadtaffe
- Haus am See
- Kopf verloren
- Das zweite Gesicht
- Timbaland-Huldigung
- Fieber
- Zucker (mit Vanessa Mason)
- Schwinger (Seeed)
- Ich Steine, du Steine
- Kashmir (Led Zeppelin)
- Schüttel deinen Speck
- Großhirn (Seeed)
- Alles neu (Short Version)
- Schwarz zu Blau
- [13 Trommler trommeln]
- [Miss Platnum: She Moved In]
- [Miss Platnum: Marry Me]
- Aufstehn (Seeed)
- Alles neu
- Dickes B (Seeed)
Fotos (c) by freshprinceofberlin (Haus am See) und Matthias Muehlbradt
- Am 13. Juni gab Peter Fox das zweite Konzert in der Wuhlheide und spielte nur noch 75 Minuten, dafür mit zwei Vorbands statt einer. [↩]
2 Kommentare ↓
Und hier lernen wir das Wort “Palästinenserfeudel”:
http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/ein-alphatier-als-star-des-abends/?type=98
GvH
Palästinenserputzlappen also. Na gut, wenn er meint … :)
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