Faith No More
The Second Coming Tour
16. Juni 2009
Berlin, Freilichtbühne Wuhlheide
Sensationell.
Als wäre die Zeit stehengeblieben. Als gäbe es keine verholzten Stimmbänder, keine Verschleißerscheinungen, keine gelangweilte Routine bei Musikern in der Mitte ihres Lebens.
Die Rückkehr von Faith No More in der grandiosen Besetzung Mike Patton (voc), Billy Gould (b), Roddy Bottum (keyb), Jon Hudson (g) und Mike Bordin (dr) kam völlig überraschend. Zwar sind ihre CDs The Real Thing (1989), Angel Dust (1992), King for a Day … Fool for a Lifetime (1995) und Album of the Year (1997) längst in den Kanon der Rockgeschichte eingegangen. Aber wenn Musiker keinen Bock mehr haben, helfen weder Geld noch guter Wille.
Im April 1998 löste sich die Band auf. Streit, Stress und divergierende Interessen, wie üblich. Danach kein Lebenszeichen von Faith No More. Mike Patton blieb hyperaktiv, die anderen vergruben sich in Klein- und Kleinstprojekte. Elf Jahre lang.
Jetzt sind sie durchschnittlich 45 Jahre alt. Sie spielen wie junge Götter.
In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts — ja, so lange ist das her, liebe Leser — traten Faith No More (und andere Bands) den Crossover-Hype los, wurden reich und berühmt und pfiffen fortan auf Crossover. Vor allem die US-Fans reagierten irritiert und legten ihr Taschengeld woanders an, z.B. bei den Red Hot Chili Peppers, die bis heute stumpf crossovern.
Bei Faith No More rutschten die Verkäufe zwischen 1989 und 1997 von 4 Millionen auf 1,5 Millionen CDs. Doch in Europa blieb man ihnen treu. Durch welchen Kontinent führt also die Reunion Tour? Durch Europa, mit einem Abstecher nach Israel und Chile. Die US-Fans müssen warten.
Sie verpassen einen Glücksmoment der Rockgeschichte.
Schon der Auftritt ist so lässig, wie ihn nur Haudegen hinbekommen, die in jeden Winkel der Welt geschaut und alle Höhen und Tiefen durchlebt haben; die wissen, was sie können und wie gut sie sind.
Die Herren betreten nacheinander die Bühne: Keyboard, Bass, Gitarre, Schlagzeug. Großer Applaus und große Show für jeden Einzelnen, vor einem schweren, samtig roten, in Wellen fallenden Theatervorhang, der den Hintergrund der Bühne vollständig bedeckt, rechts und links flankiert von schmalen roten Bannern, die versetzt hängen, nach vorn zum Bühnenrand.
Die Band spielt sich warm, es läuft der erste Song, und dann kommt ER: Mike Patton. Das heißt, er springt nicht einfach auf die Bühne und ruft “Hello Berlin” — er erscheint.
Mike Patton ist noch immer schlank und jungenhaft, mit straff zurückgekämmtem schwarzem Haar, akkurat gestutzten Koteletten, schmalem Oberlippenbärtchen und kurzgeschorenem Flaum am Kinn. Er laboriert an einer Sehnenzerrung — und nutzt seine leichte Behinderung, um einen Auftritt á la Hollywood zu zelebrieren:
Gestützt auf einen Krückstock, humpelt er zum Mikrofon, altersgram nach vorn gebeugt und mit den Armen zitternd. Als würde er sich parodieren, den alten Sack, den Überlebenden, den halben Dinosaurier der Rockgeschichte.
Und nicht nur sich. Vier Gentlemen der Haarspray-Ära stehen hier in einer Reihe, vier Anzugträger in pastellgetönten Sakkos mit weiten, gleich gefärbten Hosen und blütenweißen Hemden. Wie diese schauderhaften Farben damals hießen, hat man längst verdrängt. Unsere Begleiterin, stil- und geschmacksversiert wie immer, erklärte trocken: babyrosa (Roddy Bottum), babygrün (Billy Gould), babygelb (Mike Patton), babyblau (Jon Hudson). Je nach Beleuchtung konnten sich die Farben ändern; bei Mike Patton beispielsweise, der als einziger ein Hemd im gleichen Farbton trug, von babygelb zu babyzitrus oder babyschweinchenrot. Das Arbeitsdress von Mike Bordin erkannten wir allein: Ein schwarzes Unterhemd zu schwarzen Shorts.
Von Anfang an war Dampf im Kessel. Nicht abgelenkt von bunten Bildern oder Filmen, ohne Feuer, Rauch und Animation, flog dem Publikum ein Druck um die Ohren, der das Herz aufgehen und die Sonne scheinen ließ. Fünf Männeken nur, in klassischer Besetzung, zeigten, wo die Harke hängt. Wie Anfänger, Dilettanten, dumme Jungen ließen sie den Nachwuchs aussehen, der aus der Crossover-Suppe kroch oder sich mit Nu Metal zum Idioten macht. Fünf Musiker nur mit ihren Instrumenten, dazu ein paar Verstärker, Boxen und ein wenig Licht.
Und ein Mann der Extraklasse.
Mike Patton ist ein Bündel purer Kraft, vollgepumpt bis an den Haaransatz mit Energie und weiß der Teufel was, ein mühsam sich im Zaume haltender Derwisch, der um die Bühne japst und auf ihr hetzt im Kreis, ein wundes Tier, das seinen Schatten jagen will und niemals müde wird, zu laufen, rennen, tanzen und zu springen, das mit dem Stock die Luft durchsticht und dem Publikum mal schmeichelt und mal droht, mal mit ihm flirtet, es umgarnt und auch bezirzt und dabei immer eine feine Eleganz bewahrt. Er singt nicht nur, er schreit und kreischt, er gröhlt und wimmert, er flüstert, haucht und klagt und seufzt, er grunzt und schnurrt und lacht und meckert. Er rappt so schnell, daß einem schwindlig wird. Er schmettert eine Arie und quakt durchs Megaphon.
Ihn einen Sänger nennen wäre schamlos untertrieben. Mike Patton ist ein Akrobat der Stimme, ein Sangeskünstler und ein Klangjongleur. Sein Kehlkopf muß aus Gummi sein, die Stimmbänder aus Kautschuk oder Eisen. Mit 41 Jahren klingt er nicht müde und erschöpft. Spielend formt er Töne und Geräusche, die kein Mensch vor ihm zu singen sich im Stande sah.
Seine Arbeitswut sucht ihresgleichen. Er treibt sein Label Ipecac voran, mit Bohren & Der Club of Gore, Dan the Automator, Dälek, Dub Trio, eX-Girl, Farmers Market, Isis, Kaada, Maldoror, Melvins, Mouse on Mars, QUI, Ruins, Trevor Dunn, Unsane, The Young Gods, ZU, Phantomsmasher und vielen anderen.
Als Künstler kennt man ihn von Mr. Bungle, Fantômas und Tomahawk. Er arbeitete mit The Dillinger Escape Plan, The X-Ecutioners und John Zorn, mit Isis, Björk und Sepultura, mit Foetus, Serj Tankian und vielen anderen.
Er komponierte Filmmusiken (Crank: High Voltage) oder spielte sie in völlig neuen Interpretationen ein (Fantômas: The Director’s Cut und Ennio Morricone) Er war Gastmusiker für die Serie Great Jewish Music und nahm zwei unsingbare Platten mit experimentellen Avantgarde-Noise-Vocals auf (Adult Themes for Voice, Pranzo Oltranzista).1
Womit beginnt ein Arbeitswütiger wie Patton eine Reunion Tour? Mit dem 1978er Disco-Schmachtfetzen Reunited des schwarzen, seit 1965 existierenden Soul-Duos Peaches & Herb, deren wechselnde Sängerinnen der Einfachheit halber alle Peaches genannt wurden.
Nach Reunited ging es Schlag auf Schlag, quer durch die Platten seiner Band. Das ausgelassene, jubelnde Publikum war nicht mehr zu bremsen. Glückstrunken pogte es und warf mit Bierbechern nach Patton, zuerst mit leeren, später auch mit vollen. Lässig fing Patton einen leeren Becher auf und ließ die anderen von einem Roadie sammeln, der öfter mal die Bühne säubern mußten.
Mike Patton war gut drauf, er sprach oft mit dem Publikum, auf Deutsch und Englisch, und machte seine Witze. Höhnisches Gelächter, als er fragte, ob man die Simple Minds (die am gleichen Tag in Berlin auftraten) hören wolle oder Simply Red oder Simply Shit. Er sang mehrsprachig und zitierte Künstler, die nicht unbedingt mit Faith No More verbunden werden (Lady Gaga, Vangelis). Er dankte auch auf Italienisch, das er fließend spricht, seit er eine Italienerin geheiratet und ein Haus in Bologna gekauft hat. Inzwischen ist er geschieden, aber die Sprache bleibt.
Das Publikum gab ihm die gute Laune tausendfach zurück. Als Patton Midlife Crises sang und plötzlich, mit einer weit ausladenden Armbewegung nach vorn gebeugt — als wäre er der König der Welt am Bug der Titanic — seine Band stoppte und die Musiker regunglos verharrten, sangen 8.000 Menschen einfach weiter: “You’re perfect, yes, its true/But without me you’re only you. Your menstruating heart/It aint bleeding enough for two.” Mitten in Deutschland, wo englische Texte normalerweise nur dann mitgesungen werden, wenn sie nicht länger als I love you sind.
Natürlich schmolzen die Herzen beim untypischsten Song und gleichzeitig größten Hit von Faith No More, dem Commodores-Cover Easy. Ein Mädchen hielt es nicht mehr aus und warf die Brieftasche auf die Bühne, damit Mike Patton ihren Name und auch die Adresse kennen möge. Mike Patton bückte sich nach dem Geschenk, sah sich den Inhalt genüßlich an und kommentiert das Ausweisfoto: “Ooh, it’s a Baby!“. Die Chipkarte der Tekknikker Krankekass verwechselte er mit einer EC-Karte, weshalb er fälschlich schlußfolgerte: “Rich bitch!” Dann fand er einen Autoschlüssel, lud das Girl zum Ficken ein und sofort wieder aus und warf Börse und Schlüssel in die Menge zurück. Und wenn sie nicht gestorben ist, sucht Rich Baby Bitch heute noch auf der Wiese vor der Bühne nach ihrem Kram.
Mike Patton dominierte das Geschehen, doch die Band war keineswegs schlechter drauf als er. Billy Gould tigerte mit Patton über die Bühne und donnerte dabei mit der flachen Hand auf die Saiten, um seinen harten, brachialen Bass zu spielen, der typisch ist für Faith No More. Gitarrist Jon Hudson, der — neben Patton — nicht zur Urbesetzung gehört, stand diskret an seinem Platz und spielte tadellos, ebenso wie Schlagzeuger Mike Bordin und der nicht überbeschäftigte Keyboarder Roddy Bottum.
Über das Hitprogramm von Faith No More muß man sich nicht streiten. Ihre Setlist ist von vorn bis hinten allererste Sahne. Doch als die erste Zugabe lief, als Billy Gould rhythmisch auf seinen Bass drosch, als wir unseren Ohren nicht trauten und unser Glück nicht fassen konnten und hofften, es wäre keine Schimäre und kein Hörfehler, und als wir wußten, es ist real, was wir hören, sehen und fühlen … da umarmten wir einander und hüpften über die Wiese wie junge Rehe und lachten und weinten und wußten vor lauter Freude nicht, wo uns der Kopf stand.
Denn Faith No More spielten We Care A Lot. Man konnte mit allem rechnen, mit Epic, Easy, Be Aggressive, Midlife Crisis, aber nicht mit We Care A Lot; auf den vorherigen Konzerten war es, soweit wir wissen, nicht zu hören. Doch in der Freilichtbühne Wuhlheide wurde es gespielt: “We care a lot about disasters, fires, floods and killer bees. We care a lot about the NASA shuttle falling in the sea …”
Was für ein Feiertag!
Wer Faith No More überhaupt nicht kennt, kann sich auf zwei Wegen herantasten. In den Computerspielen Tony Hawk Underground 2 und GTA: San Andreas gibt es ihre Songs als Soundtrack, und pünktlich zur Tour ist ein Doppelalbum mit einem wunderbar selbsterklärenden Titel erschienen: The Very Best Definitive Ultimate Greatest Hits Collection. Alle Songs sind remastert, im Gegensatz zu denen der originalen CDs.
Auf dem Heimweg hörten wir den glücklichen Stoßseufzer eines Fans im Mike-Patton-Alter: “Das ich das noch erleben durfte …”
Wir seufzen mit und falten brav die Hände zum Gebet: “Lieber Gott, dein Name sei Mike Patton, und Faith No More sei deine Band. Amen.”

Jon Hudson und Mike Patton
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Reunited (Peaches & Herb)
- The Real Thing
- From Out Of Nowhere
- Land Of Sunshine
- Caffeine
- Evidence (Spanisch + Portugiesisch gesungen)
- Poker Face Intro (Lady Gaga) & Chinese Arithmetic
- Surprise! You’re Dead!
- Easy (Commodores)
- Cuckoo For Caca
- Ashes To Ashes
- Midlife Crisis
- Introduce Yourself
- The Gentle Art Of Making Enemies
- I Started A Joke (Bee Gees)
- King For A Day
- Be Aggressive
- Epic
- Mark Bowen
- Chariots of Fire Intro (Vangelis) & Stripsearch
- We Care A Lot
- Pristina
Foto (c) by Lukasz
- Privat ist Mike Patton ein äußerst freundlicher, zuvorkommender und umgänglicher Mensch. Wir hatten vor vielen Jahre das Vergnügen einer Mailkonversation. Für ein Computerspiel wünschten wir ganz dringend einen Soundtrack mit den Melvins, deren Musik Patton so sehr verehrt, daß er die Melvins auf seinem Label auffing und vor dem Absturz rettete, unter Inkaufnahme kommerzieller Verluste.
Patton antwortete in Lichtgeschwindigkeit (und damit Trillionen Lichtjahre schneller als unsere deutschen Ansprechpartner), schrieb “No problem” und fragte nach dem Script. Wir trieben zwei gebürtige Amerikaner auf, die den Text parallel übersetzen sollten, damit wir sicher waren, uns nicht mit hingerotztem Kauderwelch zum Deppen zu machen. Wir mailten die Übersetzung zu Ipecac, und so schnell, als säße Mike Patton in unserer Telefondose, ploppte die Antwort ins Postfach: Liest sich prima, wird den Melvins gefallen. Was könnt ihr bieten?
An diesem Punkt begann ein zäher Kleinkrieg mit unserem deutschen Publisher, dem der Name Melvins nichts sagte, der aber einen Soundtrack ohnehin nur dann für angemessen hielt, wenn er nichts kostete, GEMA-frei war und von ihm als CD zum Spiel uneingeschränkt veröffentlicht werden durfte, ohne Lizenzbeteiligungen für die Künstler. Melvins ade.
Wir schickten Mike Patton eine zerknirschte Mail. Er antwortete tröstend und aufmunternd und hängte eine Liste mit Vorschlägen an, welche Bands aus seinem Stall noch für Computerspiele in Frage kommen könnten. Dann verlor sich unser Kontakt. [↩]
8 Kommentare ↓
[…] beginnt der sehr lesenswerte Konzertbericht von Jürgen Winkler. Es geht um Faith No More, die für einige wenige Konzerte in Deutschland sind […]
Lieber Herr Winkler,
dass ist mit Abstand der beste Konzertbericht, den ich seit Jahren gelesen habe. Gott, ich wünschte ich wäre dabei gewesen.
Grüße aus Düsseldorf,
René.
[…] beginnt der fantastische Konzertbericht von Jürgen Winkler über vielleicht das Konzert des Jahres, wenn man Faith No More Fan ist. Ich […]
@ René: Danke :)
Das Konzert in FF/M scheint hingegen (zumindest für den durstigen Teil des Publikums) nicht so der Bringer gewesen zu sein:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1808663_Faith-No-More-Maerzveilchenfalter-im-Monsterpelz.html
GvH
Dreißig Meter bis zum Bier, Mikroausfall und Soundbrei :) Ansonsten scheint’s dem Autor aber gefallen zu haben.
Warum er sich so unglaublich freut, daß FNM in Frankfurt am Main und nicht in Offenbach spielten, ist mir allerdings nicht klar. Vielleicht mögen sich Frankfurter und Offenbacher nicht besonders.
Auf der 1990er Tour haben sie “We Care A Lot” gespielt, hab ich selbst gesehen.
@FoolDC: “Auf den vorherigen Konzerten …” bezog sich auf die aktuelle Second Coming Tour. Das war ungeschickt ausgedrückt, sorry.
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