Nadja
“When I See The Sun Always Shines On TV”
(p) 2009, The End Records

Das von uns ausgiebig gelobte kanadische Duo Nadja bespielt eine CD mit Cover-Songs. Das machen viele, aber bei Nadja ist die Songauswahl besonders knifflig. Was, zum Teufel, soll eine der weltbesten Drone-Doom-Bands covern? Neurosis, Isis, Sunn O)))?
Schauen wir auf die Titelliste:
- My Bloody Valentine: Only Shallow
- Codeine: Pea
- Swans: No Cure For The Lonely
- Slayer: Dead Skin Mask
- A-ha: The Sun Always Shines On TV
- Elliott Smith: Needle In The Hay
- Kids In The Hall: Long Dark Twenties
- The Cure: Faith
Edel, oder? Oder? Hören wir Widerspruch, ungläubiges Staunen, Gelächter gar?
Lächeln Sie ruhig. Wir konnten es auch nicht glauben: Nadja covern A-ha.
Wieso, weshalb, warum? Aidan Baker gibt die Antwort:
“‘Consider this album an exploration of the roots of Nadja,’ says founder Aidan Baker (guitars, vocals, drum programming). ‘Everyone compares us to My Bloody Valentine, so we had to cover them; Codeine and Swans were both bands exploring the heaviness of metal without actually being metal; The Cure have that lovely, bittersweet gloominess; Elliott Smith’s ‘Needle in the Hay’ is simultaneously so simple and so devastating; no one believed us when we said we covered a song from The Kids in the Hall movie, a staple of our live set, so we had to get that one to tape; how could we resist the opportunity to cover A-ha’s heaviest (but oh so catchy) tune? And Slayer is just Slayer.’”
Wir waren immer noch skeptisch. A-ha’s heaviest (but oh so catchy) tune?
Vor ein paar Tagen spielten Nadja in Berlin. Wir fragten Leah Buckareff, warum sie und Aidan Baker ausgerechnet A-ha covern, eine Band, die in Deutschland als Inbegriff des glattgewichsten Europops gilt. Ihre Antwort war so simpel, daß wir uns fast für die Frage schämten. Leah Buckareff kicherte fröhlich, schob ihre Brille auf die Nase und sagte: “I like the music“.
Wer hätte das gedacht.
Sie spielen quasi die Küchenlieder des Hauses Nadja. Musik, die in irgendeiner Form ihr Leben begleitet, beeinflußt oder einfach nur lebenswerter gemacht hat. Auch die von uns heiß und innig geliebten Codeine zählen dazu, mit einer ihrer wundervollsten Kompositionen.
Daß auch eine toughe Bassistin, die auf der Bühne so lange einen Geigenbogen über ihre Saiten streicht, mit dem Rücken zum Publikum und hochkonzentriert, bis ein Drone-Gewitter über ihrem Kopf schwebt, furchterregend und irremachend wie Saurons Auge — daß diese toughe Bassistin ein Privatleben jenseits von Drone und Doom besitzt und unter der Dusche gutgelaunt The Sun Always Shines On TV trällert, hätten wir beinahe vergessen.
Unter Nadjas Händen lösen sich die Lieder auf und werden ein langsamer, gleichmäßiger Fluß. Manchmal gleiten sie ineinander, stauen sich, brechen donnernd aus, suchen einen anderen Weg und fließen träge weiter. Zeit? Ach Gott, was ist schon Zeit.
Song für Song erfreut man sich an Nadjas höchster Kunst des Musizierens, denn hier gibt es nichts zu tadeln. Nadja dekonstruieren nicht, sie entschleunigen nur. Man erkennt die Originale und lauscht entzückt dem unaufhörlichen Fiebern und Wabern, den zischenden Drones, die das Flußbett bilden, durch das sich alles wälzt und windet.
Die Gitarre von Aidan Baker ist wuchtig und böse, und sie kann sehr laut werden. Ein Metalbrett, das A-ha zum dröhnenden Heavysound veredelt. Ein Drone-Metalbrett, kein Griffbrettwichserbrett.
Dagegen steht Aidan Bakers bedrückend leiser, zurückhaltender, fast schüchterner Singsang, vorgetragen mit weicher, manchmal schneidender Stimme. Sie greift nach unseren Händen und zieht uns in eine Tiefe, aus der wir nie mehr aufsteigen möchten. Echos wispern und flüstern, ganz leise und verstohlen, wie Kobolde, die uns verwirren und auf die falsche Spur führen möchten. Sich überlagernde Gitarrenspuren, übersteuerte Feedbacks und schleifende Geräusche sägen sanft an unserem Körper. Schwere Riffs und schleppende Drums verdicken die Luft, bis wir ganz still und klein werden, uns nicht mehr rühren wollen und nur noch schauen, kleinen Kindern gleich, die den Weihnachtsmann im Pferdeschlitten sehen und sich scheuen, ihn mit einem Wimpernschlag zu erschrecken.
Wäre man ein Spurenleser im kaum noch überschaubaren Nadja-Œuvre, hätte man vielleicht ahnen können, daß die Zeit für diese CD reif sein würde. Long Dark Twenties ist schon 2008 als 7″ erschienen (2009 wiederveröffentlicht auf der CD Numbness, die verstreute Aufnahmen vereint), No Cure For The Lonely 2008 auf der Live-CD Trembled. Das Swans-Cover gehört ohnehin seit längerem zum Live-Repertoire. Nachtigall, wir hörten dich nicht trapsen.
Im Booklet blättert man durch Bilder im Kinderbuchstil:

Nadjas Freund Mathew Smith zeichnete sie, für jeden Song ein Bild. Sie illustrieren, daß die Musik nicht ohne Grund bei einem Label mit dem symbolischen Namen The End Records erscheint. Trotz A-ha.
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