Brigitte Fehrle begnügt sich nicht mehr mit einem ahistorischen Aussetzer. Drei Monate vor der Bundestagswahl läßt sie die Sau raus:
“Das letzte waghalsige Wendemanöver vollzog die PDS, als sie sich auf eine Art Zwangsvereinigung mit der SPD-Abspaltung WASG im Westen einließ.”
Die PDS benannte sich am 17. Juli 2005 in Die Linkspartei um. Die Partei Die Linke wurde am 16. Juni 2007 aus Linkspartei und WASG gegründet. Zu diesem Zeitpunkt führte die Linkspartei das Kürzel PDS nur noch im Logo Die Linke.PDS.
Der stellvertretenden Chefredakteurin ist das schnuppe. Fakten sind Ballast. Fehrle will demagogisieren, Stimmung machen, die Leser gegen Lafontaine peitschen. Weil die Wiederholung die Mutter aller Demagogen ist, schäumt Fehrle mehrmals im gleichen Artikel:
“eine Art Zwangsvereinigung”
“Zwangsvereinigung? Sicher.”
“die Zwangsvereinigung von PDS und WASG”
Innerhalb von 20 Tagen drückt Fehrle zwei Kommentare in die Zeitung, um die Partei Die Linke in die Nähe der SED zu rücken. Denn im politischen Journalismus der Bundesrepublik steht der Begriff Zwangsvereinigung für die Gründung der SED aus KPD und SPD, für nichts anderes.
Fehrles Haß auf die Linke und Lafontaine kennt schon lange keine Grenzen mehr. Der SPD laufen die Wähler davon? Daran ist Lafontaine schuld. Die Wähler bleiben vielleicht für immer weg? Auch daran ist Lafontaine schuld:
“Nichts deutet darauf hin, dass sie für die Sozialdemokraten rückholbar sind. Viel spricht im Gegenteil dafür, dass sie als Wähler verloren sind. Unwiederbringlich. Für die Linke und für die SPD. Dann hätte Lafontaines politisches Abenteurertum zwei Parteien ruiniert. Und ein Stück Demokratie.”
Lafontaine ist ein Antidemokrat? Lafontaine ruiniert die SPD? War es nicht die SPD, die mit der Erfindung der Agenda 2010 die WASG-Gründung provozierte? Und ist es nicht die SPD, die eine Bündelung des Potentials beider Parteien in Form einer Regierungskoalition bis heute ablehnt?
Vor allem rechte ex-tazler wie Fehrle berauschen sich seit 1990 an einer konservativen, straff antikommunistischen Beschreibung deutscher Geschichte. Wäre Fehrle ein irres Fossil, könnte man darüber lachen.
Aber das Profil der Berliner Zeitung kippt. In Zukunft wird Fehrle ihren Posten als stellvertretende Chefredakteurin teilen müssen. Ein zweiter stellvertretender Chefredakteur wird gesucht. Gleichzeitig hat man die Stelle des Ressortleiters Nachrichten/Tagesthema ausgeschrieben. Wie wir hörten, soll die bisherige Ressortleiterin zur zweiten Co-Chefredakteurin ernannt werden.
Ihr Name ist Jutta Kramm. Die Dozentin an der Evangelischen Journalistenschule unterstützt von der Leyens Zensurgesetz, ist konservativ und — selbstverständlich — eine ex-tazlerin.
Sollte sich ihr Aufstieg in die Chefetage nicht stoppen lassen, werden eine naive Gesetzesgläubige und eine neurotische Antikommunistin als engste Mitarbeiterinnen des Chefredakteurs Uwe Vorkötter die Blattlinie prägen.
Da darf man auf die nächsten IVW-Zahlen gespannt sein. Im letzten Quartal ging’s wieder bergab.
5 Kommentare ↓
Zum Glück lese ich solche Zeitungen gar nicht erst. Das schohnt die Nerven.
In diesem Sinne: Respekt vor soviel Masochismus!
(Ich weis, ich weis: Aufklärung tut Not und einer muss sich ja opfern.)
Mal sehen, ob die Leserabwanderung bis Ende des Jahres auch unter dem neuen Chef Dr. Vorkötter anhält. Dann könnte es passieren, daß M. DuMont Schauberg einzelne Redaktionen von FR und BLZ zusammenlegt und die BLZ nur noch als Regionalblatt führt, um Geld zu sparen.
Daß am Leserschwund auch solche Figuren wie Fehrle schuld sind, wird dabei leider ausgeblendet.
Wahrscheinlich kommt es drauf an, welche Leser ein Blatt haben will. Vielleicht ist die seit einiger Zeit beobachtete Rechts-Orientierung ja gewollt. Pech nur, daß es dort, wo die hinwollen, schon eine Reihe Zeitungen gibt.
Hätte man sich auch vorher überlegen können …
Egal. Die LVZ ist auch so ein dümpelndes Blatt, das von einer echten Zeitung weit entfernt ist. Wie sprach Wiglaf Droste so treffend: “Noch als toter Fisch würde ich mich weigern, darin eingewickelt zu werden.”
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Die Leser wandern dahin, wo sie Inhalte finden , die ihnen (aus welchen Gründen auch immer) zusagen.
Grüße aus Leipzig
Die Anti-Links-Front nimmt in Berlin seit der versuchten Tempelhof-Begehung hysterische Züge an. Im Tagesspiegel schrieb ein Autor: “Gesicht zeigen - gegen links!”
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/auf-den-punkt/action-weeks;art15890,2829787
Immerhin hat er damit 121 Kommentare provoziert, also satten Traffic und damit ein zufriedenes Lächeln bei den Werbekunden.
Ganz offensichtlich haben die Politiker (und die ihnen folgende Journaille) einige Jahre gebraucht, um zu merken, daß Berlin prinzipiell etwas linker ist als das verschnarchte Bonn, und jetzt versuchen sie, das alles konservativ zu kriegen. Es bleibt spannend.
Mein Kommentar: