Noch schöner parken in Prenzlauer Berg

Geschrieben von messitschbyburns am 04. Juli 2009 | Berlin


Nun ist’s vollbracht. Wieder hat Jens-Holger Kirchner (Grüne), unser Stadtrat für Öffentliche Ordnung, sein Geschwätz von gestern radikal entsorgt.

Gestern, das war der 18. März 2009:

“In den Wohnvierteln Falkplatz, Grüne Stadt, Ernst-Thälmann-Park und Bötzowviertel ist die Parksituation der Studie zufolge nicht so dramatisch. Dort wird es vorerst keine Parkzonen geben.”

Doch seit Juni 2009 bäckt der Stadtrat ganz große Brötchen:

“Die BVV entschied sich jetzt für die größere Variante mit der Greifswalder Straße als Ostgrenze und nahm noch das Areal am Ernst-Thälmann-Platz hinzu.”

Wie schon geahnt, bleibt das Prominentenviertel Bötzowstraße von der Parkzone verschont. Die Begründung liest sich ganz entzückend:

“[Im Bötzowviertel] bleibt das Parken kostenfrei, weil laut Studie fast nur Anwohner ihre Autos abstellen. Experte Heinrichs geht davon aus, dass das auch so bleibt, weil die Greifswalder Straße als Trennlinie mit wenig Übergängen wirke.”

Wir erlauben uns einen Spaß und tauschen ein paar Worte aus:

“[Im Thälmannpark] bleibt das Parken kostenfrei, weil laut Studie fast nur Anwohner ihre Autos abstellen. Experte Heinrichs geht davon aus, dass das auch so bleibt, weil die Greifswalder Straße, Danziger Straße, Prenzlauer Allee und die S-Bahn-Trasse als Trennlinien mit wenig Übergängen wirken.”

Das entspräche sogar der Realität:

parkzone_prenzlauer_berg.jpg

Der Thälmannpark ist ein kleines Neubaugebiet. Ein Kulturhaus, ein Planetarium, kaum Gewerbe, wenig Kneipen, kein Durchgangsverkehr. Eine reine Wohngegend, ohne Touristen und hippe junge Szenegänger. Hier parkt nur, wer hier wohnt.

Ein Rätsel, warum im beschaulichen Wohngebiet der Parknotstand entdeckt, im zugeparkten Bötzowviertel dagegen der Parknotstand achselzuckend hingenommen wird.

Etwas fiel uns auf: Im Thälmannpark wohnen nur wenig Grünen-Wähler.

Ergebnisse der Europawahl 2009 (in Prozent):

Thälmannpark (Wahlkreis 03801):

  • CDU: 12,1
  • Grüne: 15,9
  • SPD: 20,4
  • Linke: 34,6
  • FDP: 3,3

Bötzowviertel (Wahlkreise 03916-03919):

  • CDU: 9,1
  • Grüne: 50,0
  • SPD: 11,2
  • Linke: 13,8
  • FDP: 6,7

Man könnte denken: Am Kollwitzplatz, wo ähnlich viele Grünen-Wähler wohnen wie im Bötzowviertel, ließ sich selbst vom Grünen-Stadtrat die Parkzone nicht vermeiden. Das wäre dann doch zu auffällig gewesen. Das Bötzowviertel dagegen liegt etwas abseits, da guckt keiner so genau hin.

Das ist natürlich reine Spekulation. Wir wollen Stadtrat Kirchner keine Klientelpolitik zugunsten seiner bestverdienenden Wähler und Sympathisanten unterschieben. Man macht sich nur seine Gedanken.

P.S.: Wir haben immer noch kein Auto, und wir bekämpfen keine Parkzonen. Wir sind nur stille Bewunderer unseres Stadtrats und seiner Parkzonenpolitik.

Grafik (c) by Tagesspiegel

6 Kommentare ↓

#1 muss sein am 10.09.10 um 14:03

Ich hatte mich ja schon im vorfeld dem gedanken hingegeben, dass das ganze Vorhaben, was “Parkraumbewirtschafftung” genannt wird, nichts anderes ist, als eine weitere Möglichkeit Geld zu machen. Das Beispiel Thälmann Viertel vs. Bötzowviertel zeigt es wirklich gut. Man könnte auch andere, eigentlich alle Viertel aufzählen, denn Parkplätze gibt es tagsüber hier im Prenzlauer Berg genug, nur Abends, wenn die Anwohner nach Hause kommen, gegen 19 oder 20 Uhr ist die Hölle los. Nur fragt sich keiner, wer denn Abends dort einfach so parkt!? Es sind meist die ansäßigen Anwohner, die bequemen Leute, die die Parkplätze verstopfen würden, sind ja meist alle schon fort, da die Läden meist zu dieser Abendzeit geschlossen sind. Und Leute, die in die Restaurants gehen und mit dem Auto anreisen, die werden das auch weiterhin machen.

Im Endeffekt werden vielleicht 2 % der Parkplätze öfter freier…aber von den angeblichen 15% oder 25% kann hier absolut keine Rede sein.

Ich musste heute widerwillen solch “dämlichen” Aufkleber beantragen, weil ich ja nicht irgendwo “außerhalb Berlins”parken will. Allein die Bearbeiterin meinte nach meiner Frage “Was passiert, wenn es keine Änderung der Parksituation gibt?” - Nichts, es ist so oder so nur reine Geldsache gewesen….

Ich glaube das muss keiner kommentieren…

In den Allerwertesten, müßte man die Leute treten…einfach frech.

Ende

#2 admin am 10.09.10 um 19:43

Nett ist auch die Situation für getrennt lebende Paare, die in verschiedenen Parkzonen wohnen. Eine Plakette erhält nur der, der in der Parkzone wohnt und ein Auto besitzt. Der Partner, der außerhalb der Zone lebt, darf sein Auto ab 1.10. nur noch gegen Gebühr parken. Eine Plakette erhält er nicht.

Ebenfalls interessant wird es für Nutzer von Mietwagen. Parkt man den Mietwagen in der Parkzone, um ihn zu beladen, werden Parkgebühren fällig. Wer also auf ein eigenes Auto verzichtet und an Wochenende gelegentlich einen Mietwagen nutzt, wird über die Parkzone bestraft, denn die Gebühren für eine Wochenend-Plakette sind exorbitant hoch.

#3 Bötzowviertelbewohnerin am 21.10.10 um 13:26

Ich verstehe die argumentation mit den Grünen-Wählern nicht. Ich wohne im Bötzowviertel, habe 3 kleine Kinder, ein Auto voller Einkäufe und wäre so gerne parkraumbewirtschaftet! Schon vor der Einführung der Vignetten in Prenzlauer Berg war es irre schwer, einen Parkplatz vor der Tür (oder wenigstens in Kinder-laufbarer Entfernung) zu bekommen. Seit dem 1. Oktober 2010 aber ist es echt eine Katasptrophe. Alles was in den Winskiez muss und dort keine Plakette hat (also zum beispiel auch das Paar mit den 2 Wohnsitzen) parkt jetzt bei uns. Man kann die Greifwalder nämlich sehr wohl überqueren! Es stapelt sich jetzt sogar in den Parkverbots-Zonen, so verzweifelt sind wir alle. Nach 19.00 Uhr geht gar nichts mehr. Da würde die doch liebend gerne eine Vignette zahlen, wenn ich daraufhin dann meine Karre irgendwo loswerden kann?!? Und all die anderen Grünen-Wähler sicherlich auch.

#4 admin am 21.10.10 um 19:08

Das Bötzowviertel aus der Parkzone herauszunehmen, nachdem die nicht genehme Expertenmeinung durch eine genehme Expertenmeinung ausgetauscht wurde, ist das Verdienst von Stadtrat Kirchner. Und der wird nicht vergessen, welche Klientel ihn wiederwählen soll.

Es ist die gleiche Klientel, die sich gegen die Wiederbepflanzung der Hufelandstraße wehren wollte, weil der Schatten der Bäume angeblich den Wert ihrer Eigentumswohnungen mindern würde. Wortführer war ein Mitarbeiter der Berliner Grünen-Fraktion: http://www.messitschbyburns.de/archives/84

Dass diese Klientel auch nur einen Cent für eine Parkvignette ausgeben würde, glaube ich nicht. Ausnahmen gibt es natürlich immer :)

#5 Haushaltslochstopfer am 21.10.10 um 23:52

Es ist doch toll, dass es noch genauso denkende Menschen gibt, die einem aus der Seele sprechen und gut Recherchieren.

Gerade die Parkzone im Ernst-Thälmann-Park (Lilli Hennoch Str.) verfehlt den Zweck vollständig. Statt den Pendlern die Möglichkeit zu geben von hier aus mit der S-Bahn weiterzufahren, wird man hier bis 24:00 Uhr abkassiert. Was soll man in dieser Straße bis 24:00 Uhr machen, außer wohnen?
Nach Einbruch der Dunkelheit sind beide Parkplätze dermaßen schlecht beleuchtet, dass man eine Taschenlampe benötigt um dort zum Auto zu gelangen. Dafür zahlen die Anwohner jetzt Verwaltungsgebühr und die Mütter die Ihre Kinder zum Schwimmunterricht bringen am Parkautomat. Nur leider geht es, trotz aller fadenscheinigen Beteuerungen der PRO Parkraumbewirtschaftungsfreunde nicht um den Bürger, sondern um des Bürgers Portemonnaie. Nur so ehrlich sagt es keiner, der wiedergewählt werden will.

In einigen Parkzonen herrscht in der Zeit wo die Pendler dort standen jetzt gähnende Leere, wie zum Beispiel am Teutoburger Platz. Ich finde das nicht richtig. Gerade jetzt wo ich mir für 73,- Euro eine Monatskarte gekauft habe und täglich in vollen Zügen meine Fahrt zu Arbeit genieße. Werden viele Parkplätze nicht mehr genutzt. Das finde ich undankbar. Wer wollte denn die Parkraumbewirtschaftung? Es heißt doch immer die Anwohner. Das der Bezirk damit sein Haushaltsloch stopft ist doch eher nebensächlich. Also tut uns Pendlern ein gefallen und parkt, parkt, parkt.

Einen hab ich noch:

Der Stadtrat für öffentliche Ordnung Jens-Holger Kirchner (Grüne) machte noch einen Vergleich mit New York was dort ein Parkschein kostet, als er am 1. Tag der Einführung der Parkraubewirtschaftung einem aufgebrachten Bürger, der seinem verständlichen Unmut über diese Art von „Geldeinnahme“ kundtat, antwortete.

#6 admin am 22.10.10 um 09:15

@Haushaltslochstopfer: Der Vergleich mit New York ist typisch für die Verteidigungsstrategie von Politikern, die wissen, dass sie keine rationalen Argumente mehr haben. Dann muss anderes Elend herangezogen werden, um den eigenen Bürgern einzuhämmern, wie prima es ihnen geht.

Auf höhere Ebene vergleicht man in der Hartz-IV-Diskussion gern die deutschen Arbeitslosen mit den Slumbewohnern von Bangladesch, wenn wieder mal die Hartz-IV-Sätze kritisiert werden. Das ist genau so verlogen wie Kirchners New-York-Vergleich. Die Aufgabe eines Politikers kann ja nicht darin bestehen, sich permanent an schlechten Beispielen zu orientieren. Nach unten ist immer Platz, aber in einer Gesellschaft sollte es eigentlich nach oben gehen.

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