Sunn 0)))
“Monoliths & Dimensions”
(p) 2009, Southern Lord Records
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Vor dieser CD haben wir uns gefürchtet. Wir wollten sie nicht hören. Zu groß war die Angst vor der Enttäuschung. Was sollte nach dem erdkernschweren Vorgänger Black One (2005) noch kommen? Ein schwarzes Loch, direkt vom Player in die nächste Galaxie?
Was für ein Glück, daß Sunn O))) ihr neues Werk im Prater zum Sparpreis von 10 Euro verkauften. Man denkt: Wenn’s ein Ärgernis ist, dann wenigstens kein teures, und greift zu.
Und staunt zu Hause Bauklötzer. Seit wir das Juwelcase aus der transparenten Hülle zogen, hören wir Monoliths & Dimensions täglich, immer wieder, so oft und laut es geht.
Wir sind verblüfft, erstaunt, begeistert, fasziniert — ach was, die Skala der Gefühle reicht nicht aus, um die Verzückung zu beschreiben, die uns ergreift, sobald das erste Riff sich aus den Boxen windet. Diesen Sprung nach vorn hätten wir Sunn 0))) niemals zugetraut.
Denn die Frage hieß: Wie geht es weiter? Mit jeder neuen Produktion drückten die Schallsturm-Visionäre Stephen O’Malley und Greg Anderson ihre Gitarren eine Runde tiefer. Und langsamer. Und tiefer. Und langsamer. Und tiefer. Und langsamer …
So berauschend das Prinzip der Kopplung ultratiefer Frequenzen und maximaler Lautstärke ist, so klar kann man vorhersehen, daß sich der Spaß am Ende selber fressen wird. Die Varianten sind nun mal beschränkt. Entweder, man sucht den tiefsten Klang, den ein Mensch zu hören gerade noch imstande ist, ohne Folgeschäden zu befürchten — oder man geht völlig neue Wege.
Sunn 0))) wählten einen neuen Weg.
Vier Lieder in gewohnter Länge, zusammen eine knappe Stunde. Gleich der erste Song Aghartha dröhnt und donnert ohne Vorankündigung, als würde er Black One fortführen. Wer seinen Volume-Regler bis zum Anschlag aufdreht, auf Play drückt und sich mutig vor die Boxen stellt, dem wird das Hirn spontan entschädelt.
Stephen O’Malley (g), Greg Anderson (b, g) und als Gast Oren Ambarchi (g) gebären schattenschwarze Ungeheuer aus ihren Instrumenten, monströse Todesengel, die brüllend durch die Lüfte wabern, sich um Kopf und Brustkorb klammern und genüßlich an der Lebenssuppe saugen, bis der Körper bleich und leer zu Boden sinkt.
Die Urgewalt von Sunn O))), die gnadenlose Härte der Gitarren, die Kraft der Schöpfung und Zerstörung bestimmt den Anfang der CD. Man fühlt sich heimisch und vertraut.
Doch hört man, fern im Hintergrund, noch andere Geräusche. Ein leises Fiepen nur oder ein feines Flöten, man weiß nicht recht, woraus der Klang sich speist, bis man im Booklet liest: Conch Shells. Muscheln sind es, auf denen jemand bläst. Noch später folgen andere Instrumente: Geige, Bratsche, Waldhorn und Klavier, auch Klarinette und ein Englischhorn.
Unmerklich fast verebbt das schwarze Dröhnen der Gitarren. Die Streicher nehmen Tempo auf, sie spielen scheinbar wild und atonal, sie klöppeln heftig auf den straff gespannten Saiten, als wollten sie das Knarren alter Türen imitieren.
Nach fünf Minuten setzt Attila Csihars grollend tiefe Stimme ein. Er singt hier nicht, er rezitiert. Ein düsterer Text von einer fremden Welt, mit Csihars hartem ungarischen Akzent im Tonfall eines Sensenmannes vorgetragen, der unbeirrt erzählt, was er erzählen muß und schließlich, nach dem Verstummen aller Instrumente, als Fährmann auf die Toteninsel übersetzt, fanfarengleich umweht von einem alphornähnlichen Dungchen, das tief und würdevoll und äußerst majestätisch hallt.
Dann ist es beinah still. Attila Csihar knurrt die letzten Worte, begleitet nur vom Wasserplätschern und von lauten, ausgehauchten Seufzern, dem letzten Stöhnen der in alle Ewigkeit verdammten Seelen.
Das ist verblüffend für den Sunn O)))-gewohnten Hörer, doch nicht weniger verblüffend geht es weiter. Der nächste Song Big Church beginnt mit einem Wiener Frauenchor, Sopran gemischt mit Alt, so fein wie zarte, hohe Kinderstimmchen, begleitet von den erdschwer sägenden Gitarren und von Attila Csihar, dem puritanisch strengen Prediger, der eine letzte Ölung spendet — bis ein Glöckchen läutet und das Lied für wenige Sekunden unterbricht.
Dann krachen wieder herzmassierend tiefe Bassfrequenzen, der Chor schwingt sich hinauf, er jubiliert, scheint losgelöst von aller Seelenpein, und drunten hebt ein buddhistisch klingendes Gemurmel an, dem Kehlgesang einsamer Mönche gleich, die sich in Exerzitien tief versenken.
Hunting & Gathering (Cydonia), der dritte Song, folgt als klanggewordene Elektrizität, als rhythmisch durchgestampfter Sunn O)))-Zerstörer — mit hymnisch-pastoralem Bläsersatz und einem herrlich bösen, fast russisch-orthodoxen Männerchor.
Das Instrumental Alice schließt sich daran an und beendet die CD mit einer extralangen Ehrerbietung für Dylan Carlson, dem Chef von Earth und Freund von Sunn O))). Schleppend massive, meditative, in sich ruhende Akkorde von O’Malley, Anderson und Ambarchi werden in ihrer albtraumhaften Wirkung verstärkt durch kurz anschwellende Posaunenstöße, spitz gestrichene Geigen und ein düster klagendes Waldhorn, dazu Oboe, Klarinetten, Flöte, Englischhorn und eine sanft gezupfte Harfe.
Am Ende bleibt nur die Posaune, die ganz allein improvisiert, bis sie verschwindet wie ein schlimmer Nebeltag.
Was, zur Hölle, ist mit Sunn O))) passiert?
Um zu erklären, welch kreativer Donnerschlag die Band geküßt hat, muß man das Geflecht ein wenig lüften, in dem sich Stephen O’Malley und Greg Anderson bewegen.
Die zwei sind keine Lärmrabauken, die um des Kraches willen auf der Bühne stehen. Seit Jahren spielen sie, getrennt oder gemeinsam, in Zweit- und Drittbands, in Projekten und als Gäste: Æthenor, Amenity, Ascend, Brotherhood, Burial Chamber Trio, Burning Witch, Engine Kid, False Liberty, Fungal Hex, Galleons Lap, Ginnungagap, Goatsnake, Grave Temple, Khanate, KTL, Lotus Eaters, Pentemple, Sarin, Statement, Teeth Of Lions Rule the Divine, Thorr’s Hammer, Z’EV.
Aus wechselseitigen Inspirationen wie diesen sogen O’Malley und Anderson schon immer Honig, um ihn ins eigene Werk zu mischen. Kaum eine CD von Sunn O))) ist ohne Mitarbeit von Freunden und Kollegen denkbar.
Monoliths & Dimensions setzt diesen Weg nun fort. Dylan Carlson spielt Gitarre und wird als Ideengeber für den Frauenchor in Big Church genannt. Steve Moore (Earth, Wayne Horvitz, Bill Frisell) und Julian Priester (Sun Ra, John Coltrane, Herbie Hancock) sind dabei, und Joe Preston (Melvins, Earth, Thrones, High On Fire) singt im russisch-orthodoxen Männerchor.
Entscheidend unterstützt wird Sunn O))) von Randall Dunn, Mell Dettmer und Eyvind Kang. Keyboarder Randall Dunn war Produzent der Earth-CD Hibernaculum und Teil des Großensembles auf Altar, der Kooperation von Sunn O))) und Boris. Mell Dettmer wird seit Jahren für Mastering und Produktion gebucht, von Asva, Soma, Kinski, Kayo Dot und Burning Witch — und ebenfalls von Earth und Eyvind Kang.
Dettmer und Dunn kennen sich im Sunn O)))-Universum bestens aus. Auf Monoliths & Dimensions sind sie für Produktion, Abmischung und Mastering zuständig. Ihnen verdanken wir, daß die CD so exzellent klingt, wie sie klingt: sonderbar entrückt und doch gewaltig.
Eyvind Kang arrangierte Chöre, Bläser und Streicher in Big Church und Alice. Kang ist selber Komponist und Geiger, er spielt in beiden Stücken auch die Violine. In seiner Arbeit (u.a. mit John Zorn, Marc Ribot und Bill Frisell) orientiert er sich an der Minimal Music von Terry Riley und Tony Conrad.
Kangs Einfluß dürfte es gewesen sein, dem wir die Einzigartikeit dieser CD verdanken. Kang greift nach Minimal Music, Neuer Musik und Doom und bündelt sie mit einer Leichtigkeit, als würde die Idee, daraus ein neues Stück Musik zu formen, schon lange durch die Lüfte flattern und hätte nur den letzten Anstoß noch gebraucht, um eingefangen und im Studio umgesetzt zu werden.
Das stimmt natürlich nicht; um so erfreulicher klingt das Ergebnis. Sunn O))) stoßen Tore auf zu Welten, von denen niemand ahnte, daß sie existieren. Neue Musik und Doom harmonisch zu vereinen ist sicherlich das letzte, was uns jemals in den Sinn gekommen wäre. Sunn O))) haben es geschafft. Wie dieses vielköpfige Opus auf der Bühne funktionieren soll, sofern es irgendwann zu Aufführung gelangt, wird uns trotzdem ein Rätsel bleiben.
Doch werden wir uns damit nicht den Kopf zerbrechen. Wir haben die CD, die beste, die wir in diesem Halbjahr hören durften. Mehr kann man im Moment nun wirklich nicht verlangen.
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