Geht es Ihrer Firma schlecht? Können Sie die Miete nicht mehr zahlen? Dann machen Sie’s wie Prof. Klaus Schroeder: Arrangieren Sie ein Interview, um aggressiv zu werben — für sich selbst.
Der Großinquisitor des Forschungsverbunds SED-Staat hing sich blitzschnell an die Kurras-Stasi-Affäre und bettelte am 25. Juni ganz offen um Aufträge:
“Der Bundestag, Parteien, Behörden müssen Historiker beauftragen, Forschungsaufträge vergeben, um dieses Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte zu erhellen, um offenzulegen, wie SED und Stasi die Politik in Westdeutschland beeinflussten, welche Versuche erfolgreich waren, welche nicht.”
Zack! Schon am 27. Juni ging sein Wunsch in Erfüllung:
“Forscher der Freien Universität (FU) sollen den Einfluss der DDR-Staatssicherheit auf die Polizei im früheren West-Berlin analysieren. Polizeipräsident Dieter Glietsch beabsichtige, den Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Prof. Klaus Schroeder, einen Forschungsauftrag zu erteilen, teilte die Polizei am Freitag mit.”
Wieder eine Existenz vor der U-Bahn-Bettelei gerettet. Denn Schroeder müßte aufs Arbeitsamt, wenn ihn niemand mehr füttern würde. Kaum ein SED-Verbündler ist nämlich DDR-Experte.
Vor seinem persönlichen Schicksalsjahr 1992, als der Forschungsverbund SED-Staat gegründet wurde, beschäftigte sich Schroeder “ausschließlich mit Fragen der Umwelt und Folgen der Technik”1. Sein Verbund-Kollege Jochen Staadt war ebenfalls kein DDR-Forscher, dafür bekennender Maoist. Schroeders Ex-Kollege Bernd Rabehl arbeitete mal für den SDS und ist heute für rechtsradikale Organisationen aktiv. Wenigstens Professor Wilke forschte seit 1984 über die Westarbeit der SED, wurde aber inzwischen pensioniert.
Dafür haben es die “Meister der politischen Demagogie“, die “Autoren von Halbwahrheiten und Verzerrungen und Wissenschaftler ohne Glaubwürdigkeit und Seriosität” (Geschichtsprofessor Jürgen Kocka2 über den SED-Verbund) weit gebracht.
Auch SPON fragt gern bei Schroeder an:
“‘Nicht einmal die Hälfte der ostdeutschen Jugendlichen bezeichnet die DDR als Diktatur, eine Mehrheit hält die Stasi für einen normalen Geheimdienst’, zu diesem Ergebnis kam Schroeder 2008 in einer Schülerstudie: ‘Diese jungen Leute können und wollen die Schattenseiten der DDR gar nicht kennen.’”
Schlimme Sache. Aber nur für den, der Schroeders Erzählungen glaubt und — wie SPON-Redakteurin Julia Bonstein — das vergleichende Gutachten des Hamburger Wissenschaftlers Bodo von Borries ignoriert, das der Senat von Berlin zum Download anbietet (hier als pdf). In diesem Gutachten wird Schroeders Kinderlandbefragung nicht nur kritisch überprüft, sondern regelrecht zertrümmert.
Als hätte Wippermann Bonsteins Artikel mit der leicht bekloppten Überschrift “Heimweh nach der Diktatur” geahnt, schreibt er über Schroeders Schülerumfrage:3
“Obwohl höchst umstritten, werden die Ergebnisse von interessierten Politikern immer wieder zitiert und als Argument verwendet, um eine intensivere Behandlung der Geschichte der DDR zu fordern. Dem ist grundsätzlich zuzstimmen. Die Frage ist nur, welches Bild der DDR letztendlich vermittelt werden soll. Wenn fortgefahren wird, das bisherige dämonisierte zu vermitteln, wird nicht viel oder allenfalls Abwehrreaktionen erreicht werden.”
Wie am 29. Juni 2009 auf Spiegel Online.
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