Levi Strauss & Co.!

Geschrieben von messitschbyburns am 02. August 2009 | Immer wieder sonntags


Dunkle Wolken hängen über euren Hosenschlitzen. 50 Prozent weniger Ertrag und zwölf Prozent weniger Umsatz im ersten Bilanzquartal 2009, verglichen mit dem gleichen Quartal des Vorjahres.

Das tut uns aber leid.

Jetzt sucht ihr hektisch nach neuen Ködern für die Zielgruppe zwischen 18 und 34. Schwülstiger US-Patriotismus soll es richten. Go forth! heißt der neue Slogan. Zwei klebrige Werbefilme gibt es schon (hier und hier).

Ist euch eigentlich nie in den Sinn gekommen, daß die Flucht der Kunden vor Levi’s auch mit euren Flagship Stores zusammenhängen könnte?

In Berlin wurde 2008 mit großen Getöse der Flagship Store am Ku’damm wiedereröffnet. Alles toll, alles supi.

Für die als äußerst bibliophil bekannte Hosenkundschaft habt ihr eine Jeansbibliothek bereitgestellt. Wer zeitgenössische Kunst liebt — und welcher Hosenkäufer würde das verneinen –, darf auch Werke des britischen Designers Danny Sangra betrachten.

Die Hosen hängen jetzt an Ketten von der Decke. Man kann sie anfassen, mehr nicht. Die gewünschte Hose muß man sich beim Personal huldvoll verdienen.

Zur Anprobe verzieht man sich hinter einen Fetzen Segeltuch, der so geschnitten ist, daß man garantiert ein Stück des potentiellen Käufers sieht — auf jeden Fall die Socken.

Im gesamten Verkaufsraum dröhnt Musik. Dröhnt, nicht läuft. Man verständigt sich nach der Methode Mund an Ohr.

Wirklich klasse ist aber euer Personal. Überstylte Girlies, overdressed, gebräunt und bauchfrei, damit der Babyspeck bei jedem Schritt frei wabern kann. Wo, zur Hölle, habt ihr die gecastet? Sind das die durchgefallenen Catwalklatscher von Heidi Klum? Ein paar Gays sind auch dabei, aber die fallen nicht weiter auf.

Euer Personal besitzt das perfekte Geschick, Kunden zu übersehen. Noch perfekter beherscht es die Kunst, sich schreiend zu unterhalten. Wer es trotzdem wagt, eine Frage zu stellen, wird in zwei Schritten abgefertigt. Schritt eins: Das Girlie mustert ihn, als sei er ein Idiot. Schritt zwei: Das Girlie ruft zum anderen Girlie: “Der hier will ‘ne Hose, kommst du mal?” und verschwindet in einem “Nur für Personal“-Kabuff. Der Kunde verwandelt sich in Luft, denn das zweite Girlie muß ganz dringend mit dem Lover telefonieren.

Bleibt der Kunde hartnäckig und zeigt eine aggressive Kaufneigung, kann ihm ein Verkaufsgespräch gelingen:

  • “Ich möchte eine 751, schwarz.”
  • “Schwarz ha’m wa nich.”
  • “Wann gibt’s die wieder?”
  • “Schwarz is aus.”
  • “Aus?”
  • “751 schwarz kommt nich mehr.”
  • “Im Flagship Store?”
  • “Gibt’s nich mehr, 751 schwarz wird nich mehr produziert.”
  • “Und eine andere Hose, schwarz, ähnlicher Schnitt?”
  • “Da hängt ‘n Schild, kannste lesen, was es gibt.”

Selbstverständlich wird die schwarzgefärbte 751 noch produziert. In einem stinknormalen Kaufhaus, das auch Levi’s führte, lachte sich die Verkäuferin über die Auskunft des Flagship-Fachpersonals scheckig.

Sagt selbst, verehrte Geschäftsführung der Firma Levi Strauss & Co.: Aus welchem Grund sollten wir unser Geld in einen eurer Läden tragen und uns im Post-Techno-Getöse von überschminkten Heide-Klum-Lookalikes mit dem IQ eines offenen Hosenstalls dämlich kommen lassen?

Go fort!
Messitsch by Burns

5 Kommentare ↓

#1 g.haase am 02.08.09 um 11:27

Max Goldt - der perfekte Hosen-Kauf-Satz: “Ich möchte eine Hose, deren Beine genauso lang sind wie meine und die oben zugeht.”

GvH

#2 Andreas am 02.08.09 um 12:44

Hilfe!

Das liest sich ja wie ‘Exquisit’ auf Ecstasy!
Ist das wirklich so schlimm?

#3 admin am 02.08.09 um 13:45

@ Andreas: Am Kurfürstendamm schon. Andere Flagship Stores kenne ich nicht (und will ich auch nicht mehr kennenlernen).

#4 admin am 02.08.09 um 13:47

@ Haase: Max Goldt ist Gott :)

#5 g.haase am 02.08.09 um 21:17

@ admin Jürgen:

Soweit würde ich jetzt nicht gehen, aber ich finde schon, daß er zu Recht zur Rechten Wiglaf Drostes sitzt …

GvH

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