Nine Inch Nails
Wave Goodbye Tour
30. Juni 2009
Berlin, Arena
Trent Reznor tritt ab. Die Nine Inch Nails wird es nicht mehr geben, vielleicht nie wieder, vielleicht nur ein paar Jahre nicht. Trent Reznor (44) will Mariqueen Maandig (27) heiraten, Sängerin der Band West Indian Girl und Babe of the Month im US-Playboy, Januar 2009. Ein nachvollziehbarer Wunsch.
Der Auftritt in Berlin war das letzte NIN-Konzert in Deutschland. Es wurde ultraheiß, in doppelter Bedeutung.
Wer im Sommer in die Arena geht, weiß, daß er sich nackt ausziehen kann und trotzdem schwitzen wird. Die Klimatechnik des sparsamen Hausherrn Falk Walter taugt bestenfalls für eine Dönerbude ohne Dönerspieß. Das Publikum dampfte, tropfte und suppte; es wrang sich den Schweiß aus T-Shirts und Haaren. Halbnackte Leiber klatschten aneinander. Von der Bühne flogen Wasserflaschen in das Publikum. Glückliche Mosher mit tomatenroten Köpfen kippten sich das Wasser dankbar ins Gesicht.
Die Arena brodelte und kochte, aufgeheizt vom heißen Wetter und der Band.
Schon der Bühnenaufbau wirkte spektakulär. Trent Reznors Lampenladen ist gigantisch. 252 Schweinwerfer über der Bühne, je 12 Spots an beiden Bühnenseiten, mannshohe Säulen, bestückt mit Spots und Strahlern, an der gesamten Bühnenrückwand. Insgesamt zählten wir 524 Lichtquellen. Dazu kommt eine unbekannte Zahl Leuchtröhren, die erst im Konzert sichtbar wurden. Vattenfall wird die Stromrechnung in Gold einrahmen und in der Galerie “Unsere Besten” aufhängen lassen.
Die Lichtshow war ein optisches Inferno. Großartig und mental kaum faßbar, die Sehnerven durchwalkend und exakt zu jedem Song getimt, durchflutete das choreographierte Licht tausende Pupillen. Hell gleißendes Stroboskopgeflacker, grellste Lichtblitze, farbige Lichtbänder und wandernde Lichtkegel zur gleichen Zeit oder im rasend schnellen Wechsel. Das Auge mühte sich, die Lichtorgie zu bändigen, doch trotzdem tanzten in den ultrakurzen Dunkelphasen blaue Sternchen auf der Netzhaut. Einen Epileptiker hätte man nach drei Minuten auf dem Rücken liegend und mit durchgebissener Zunge aus der Halle tragen müssen.
Wenn Sie zu Hause nachempfinden möchten, wie die Lichtshow wirkte, dann setzen Sie sich zwischen Ihre Boxen und legen NIN in Ihren Player. Stellen Sie vier Lampen in Augenhöhe auf, im dunklen Zimmer und nicht weiter als zwei Meter vom Kopf entfernt. Richten Sie die Lampen streng auf ihre Augen aus und schrauben Sie Glühbirnen ein; rot, gelb, grün und weiß, mindestens 150 Watt. Jetzt bitten Sie die Oma, Tante, Nichte und den Lebenspartner an die Lampenschalter. Sie starten NIN, und die Verwandtschaft knipst im Halbsekundentakt die Lampen an und aus. Sie schauen in das Licht, ohne zu blinzeln. Wenn die CD zu Ende ist, sind sie ein Jünger von Trent Reznor, und ihre Verwandtschaft ist es auch (möglicherweise).
Passend zum perfekten Licht kam der gestochen scharfe Ton, der die berüchtigte Arena in ein famoses Klanglabor verwandelte und selbst das Tambourine noch hören ließ, das Trent Reznor mitten im Lärmgewitter schüttelte. Die Instrumente waren bestens aufeinander abgestimmt, bis auf den Bass, der etwas wolkig blieb, doch das kann man verkraften. Trent Reznors Stimme ging nie unter, auch wenn er leise sang, und jenen unbekannten Mann am Mischpult, dem es gelang, ein Schlagzeug endlich mal als Schlagzeug abzumischen, als Instrument wuchtiger Urgewalt, des Tribalismus und der puren Kraft, den muß man extra loben.
NIN ist das Ein-Mann-Produkt von Trent Reznor. Er komponiert, arrangiert, textet und nimmt im Studio die meisten Instrumente selber auf. Im Konzert spielt er Gitarre und Keyboard, bedient die Elektronik und startet die vorprogrammierten Sequenzen, was manchmal wirkte wie Frank Plasbergs Zeigefingerakrobatik am Touchscreen-Display von Hart aber fair.
Einen Keyboarder gibt es jedenfalls nicht. Die bei NIN nicht unwichtigen elektronischen Effekte, Störgeräusche und Dissonanzen werden komplett aus der Datenbank gestartet. Das spart einen fünften Mann, zwängt aber manche Songs in ein improvisationsfreies Korsett. Die Elektronik läuft wie ein Metronom, unbeirrbar und ohne Fehler.
Trent Reznors aktuelle Tourband ist allererste Sahne. Robin Finck (g), Justin Meldal-Johnson (b) und Ilan Rubin (dr) spielen so präzise, druckvoll und auf den Punkt, daß man staunend vor der Bühne steht und manchmal glaubt, da liefe heimlich ein Playback. Doch die Band hat das nicht nötig. Sie ist kein Haufen namenloser Studiomugger.
Ilan Rubin war Mitglied bei den Lostprophets und (mit seinem Bruder Aaron Rubin) bei Denver Harbor; zur Zeit pflegt er seine eigenes Projekt The New Regime. Justin Meldal-Johnson arbeitet mit Beck und Macy Grey, war musikalischer Leiter für Gnarls Barkleys Live-Performance und spielte Bass für Tori Amos, Manowar, They Might Be Giants oder Pink. Bei NIN bedient er auch den Kontrabass in Something I Can Never Have, was manche Fans zum Schwenken von spontan entflammten Feuerzeugen animierte.
Robin Finck ist eine altgediente NIN-Rampensau. Er ging vor 15 Jahren schon mit NIN auf Tour, verkrachte sich mit Reznor und verirrte sich in einen Schweinekoben: Er wurde Slash-Ersatz bei Guns N’ Roses. Seit letztem Jahr ist er zurück bei Muttern und tourt mit NIN, hat sich die Schwanzrockmatte abrasiert und einen halben Iro stehenlassen. Finck ist der ideale Gniedler für die Schweinerockausflüge von NIN.
Schweinerock? Ja. Zwar nur gelegentlich, dann aber heftig.
Trent Reznor nannte seine Musik niemals Industrial. Warum sie trotzdem als Industrial gilt, nur gemildert durch den Zusatz Industrial-Rock, dürfte an den Einflüssen von Skinny Puppy, Test Dept. und Throbbing Gristle liegen, die NIN hörbar prägten.
AUCH prägten, denn NIN sind nicht die US-Version eines Industrial-Veteranen. Selbst dort, wo Industrial unüberhörbar ist wie in March Of The Pigs und Wish, sind NIN mehr mit Ministry verwandt, die auch nicht unbedingt als Verfechter der reinen Lehre gelten (zum Glück, und deshalb lieben wir Ministry mindestens so sehr wie NIN).
Das NIN-Kontrastprogramm zum hämmernden Stakkato der Maschinen bilden Songs wie Something I Can Never Have, The Day The World Went Away und And All That Could Have Been, die eher episch breite Lagerfeuerballaden mit Hang zur depressiven Selbstentleibung sind als harsche, harte Klopper. Oder die live mit viel Pedalgezerre an der Gitarre ausgewalzt werden können. Schweinerock eben.
Die Musik von NIN ist ein Amalgam. Massenkompatibel und erfolgreich, aber ohne Anbiederei. Wenn NIN stur einen Rhythmus hämmern wollen, dann machen sie es. Wenn sie ein 70er-Jahre-Gedächtnis-Solo aus der Gitarre schütteln wollen, dann machen sie es. Und wenn Trent Reznor am E-Piano eine rührend schöne und sehr leise Melodie spielen will, dann macht er das ebenfalls. Nichts und niemand schreibt ihnen etwas vor.
Daß das Publikum bis zum Ende tobte, versteht sich fast von selbst. An den Tresen langweilten sich die Bier- und Cola-Zapfer, denn kaum jemand verließ den Platz inmitten dieser Meute, bevor der letzte Song verklungen war. Und völlig baff sahen wir eine Erscheinung: Unsere Begleiterin, die meistens kühl und abgeklärt die Bands betrachtet, begann zu tanzen und zu schwingen, so sehr, daß sie am nächsten Tag der Muskelkater plagte. Das Leben ist tatsächlich eine Wundertüte.
Was soll man nun dem freiwillig frühverrenten Ausnahmekünstler Trent Reznor wünschen? Eine erfolgreiche Begattung vielleicht, und stabile Nerven nach der Geburt.
Und daß er auf die Bühne zurückkehren möge. Einer wie Trent Reznor ist nicht zum Hausmann geboren. Das wünschen wir ihm und uns.

Nine Inch Nails am 14. Mai 2009 in Albuquerque (USA):
Justin Meldal-Johnson, Trent Reznor, Robin Finck
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Somewhat Damaged
- Heresy
- 1,000,000
- March Of The Pigs
- Something I Can Never Have
- Metal (Gary Numan)
- I’m Afraid Of Americans (David Bowie)
- Head Down
- The Big Come Down
- Piggy
- Non-Entity
- The Downward Spiral
- Survivalism
- Physical (Adam and The Ants)
- Gave Up
- Burn
- Wish
- Home
- Down In It
- Hurt
- The Hand That Feeds
- Head Like A Hole
Foto (c) by alphawolf260
2 Kommentare ↓
Heißt er nun Raznor oder Reznor? Oder ist ihm das egal?
Reznor :)
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