Naturbegeisterte Berliner Eltern!

Geschrieben von messitschbyburns am 05. Juli 2009 | Berlin, Immer wieder sonntags


1927 schrieb Kurt Tucholsky im Gedicht Das Ideal:

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.

Erkennt ihr euch wieder? Nein? Ach, kommt schon. Ihr wißt doch, was wir meinen.

Einer Zeitungsnotiz entnehmen wir, daß ihr eure Goldkinder in ganz besonders schnieken Kindergärten unterbringt. Deren Namen klingen so hell wie der Schuß eines Jägers ins Gesäß von Bambi: Stadt&Waldkinder e.V Integrierter Waldkindergarten im Prenzlauer Berg und Wald&Wiesen e.V. Elterninitiativ-Kindergarten in Berlin/Prenzlauer Berg.

Die Schreibweisen haben wir unverändert übernommen. Ihr wißt ja: Jeder macht sich lächerlich, so gut er kann. Und Ihr seid darin MeisterInnen.

Weil ihr zwar in der Großstadt wohnen, den Wald aber gleich hinter der Dachterasse haben möchtet, bieten eure Kindergärten einen Extra-Service der Öko-Klasse an. Die Kinder werden jeden Morgen in einen Wald am Stadtrand von Berlin gefahren, spielen dort drei Stunden und fahren wieder nach Berlin zurück. So steht es im Tagesablauf des Wald&Wiesen e.V. Elterninitiativ-Kindergarten in Berlin/Prenzlauer Berg:

  • 08.00 Uhr Öffnung des Kindergartens
  • 08.30 Uhr Abfahrt des Busses Richtung Wald
  • 09.00 Uhr Ankunft im Wald, Morgenkreis, Wanderung zum ausgewählten Platz und erstes Spielen
  • 10.30 Uhr Frühstücksimbiss
  • 11.00 Uhr Spielen und situative Angebote
  • 12.00 Uhr Wandern zum Bus
  • 12.30 Uhr Abfahrt des Busses Richtung Kindergarten
  • 13.00 Uhr Ankunft im Kindergarten, Ausziehen, Waschen, Hinsetzen
  • 13.30 Uhr Mittagessen (in zwei Gruppen: Schlafkinder und Nichtschläfer)
  • 14.00 Uhr Mittagsruhe (Schlafen oder stille Beschäftigung der Nichtschläfer)
  • 14.30 Uhr Freispiel und Angebote (malen, frickeln, sägen, schnippeln, singen, kochen, springen)
  • 16.00 Uhr Obstpause
  • 16.00 Uhr bis 17.00 Uhr Abholzeit… tschüss bis morgen!

Für Schichtarbeiter ist euer Bioreservat nicht gedacht. Macht aber nix. Kinder von Schichtarbeitern spielen eh auf dem Hof oder laufen in den Friedrichshain, zehn Minuten Gehweg von euren Waldelterninitiativkinderärten entfernt. Im Friedrichshain gibt es ganz viele Bäume und ganz große Wiesen, einen plätschernden Bach, den restaurierten Märchenbrunnen, leckeres Eis und mindestens zwei Spielplätze. Davon haben wir uns gestern abend bei einem Spaziergang überzeugt: Alles noch da.

Womöglich fürchtet ihr, daß die Gräser und Bäume im Friedrichshain vom Großstadtdunst vergiftet und die Wiesen von der Kacke eurer Hunde verseucht sind. Ein bißchen Panik gehört ja seit 1990 zur gesamtdeutschen Kindererziehung dazu. Wenn früher ein Krabbelkind einen Kieselstein verschluckte, wurde der Stein Stunden später in die Windel entsorgt, und gut war’s. Heute sind der Notarzt, der Rechtsanwalt, der Psychologe und eine Klage durch alle Instanzen Standard.

Deshalb können wir euch verstehen. Ein echter, gesunder Wald muß es sein, so echt wie der teilweise künstlich angelegte Bucher Forst am Stadtrand von Berlin. Dort begrüßen eure Kinder im Morgenkreis den Wald (“Hallo Wald, wie geht es dir?”) und lernen spielerisch die Grundlagen für ihre spätere Gruppentherapie beim Psychologen, als Vorstufe zur Paar-, Sexual- und Einzeltherapie. Bei Bedarf wird ihnen im Wald ein ovo-lactofreies Menü serviert, ansonsten gibt es Nahrungsmittel aus biologisch-dynamischem Anbau und Fleisch aus artgerechter Haltung.

Dafür kurvt ihr eure Kinder zweimal täglich mit dem Bus durch Berlin, 30 Minuten hin, 30 Minuten zurück. Macht fünf Stunden Fahrzeit pro Woche, 20 pro Monat und 240 pro Jahr. Damit eure Herzblätter in einem echten deutschen Wald mit Modderpampe spielen dürfen, schleudert ihr also jedes Jahr 240 Stunden lang Dieselruß in die Berliner Luft.

Genau so haben wir uns Leute wie euch vorgestellt.

War euch eigentlich bekannt, daß im Bucher Forst die Berliner Rieselfelder lagen? Ihr wißt doch, was Rieselfelder sind? Dann könnt ihr euch sicher vorstellen, was eure Kleinen alles entdecken werden, wenn sie mit beiden Händen tief in der Modderpampe wühlen.

Tucholskys Gedicht endet mit den Worten:

Etwas ist immer.
Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten

Im Friedrichshain gab’s keine Rieselfelder.
Messitsch by Burns

1 Kommentar ↓

#1 Quax am 05.07.09 um 05:51

Endlich mal jemand, der Modderpampe kennt und schreibt.
Ansonsten, trotz etlichen Buchstaben auf den Punkt gebracht.

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