In der Soundfalle

Geschrieben von messitschbyburns am 08. Juli 2009 | Neurosis


Neurosis
6. Juli 2009
Berlin, Astra

An der Band hat’s nicht gelegen. Neurosis spielten sich den Arsch ab und klangen trotzdem flau und stumpf. Schuld ist der verfluchte Ort, an dem sie spielten.

Im April zogen die Betreiber des Kreuzberger Lido, einem ehemaligen Flohkino der Nachkriegszeit, das seit 2006 wieder als Konzertsaal genutzt wird, auch auf die Friedrichshainer Seite der Spree. Dort liegt seit 1995 das gewaltige Gelände des Reichsbahnausbesserungswerks “Franz Stenzer” brach. Die Lido-Crew mietete sich im Kulturhaus der Eisenbahner ein, renovierte innen, sparte außen und öffnete das Haus als Astra.

Das Kulturhaus war sicher für die jährlichen Aktivistenehrungen und den Brigadeschwof groß genug. Jetzt sollen angeblich 1.500 Menschen hineinpassen. Wenn man den Platz hinter den zahlreichen Säulen einbezieht, die die Decke stützen und die Sicht auf die Bühne versperren, mag das wohl stimmen.

Der Saal ist nicht sehr hoch, vielleicht vier Meter, und wirkt so funktional wie ein großer Schuhkarton. Die Bühne wurde nur geringfügig angehoben. Genug für ein Grußwort an den Generalsekretär vor Genossen, die an Tischen sitzen; zu wenig für den freien Blick des stehenden Publikums auf eine Band.

Die Saalwände hat man zur Renovierung mit dunklen Holzleisten aus dem Haus des Rundfunks der DDR getäfelt, das wohl geplündert werden darf. Über den zahlreichen Tresen im großen, weitgehend ungenutzten Foyer hängen Lampen im Stil der 50er Jahre. Dort wird ein Bier ausgeschenkt, das aus gutem Grund in Berlin verpönt ist. Es heißt ebenfalls Astra und schmeckt wie in Flaschen gefülltes, uringelb gefärbtes Brackwasser. Der schlechte Geschmack hat seinen Preis: 2,30 plus Pfand für eine kleine Flasche.

Bis hierhin kann man mit den Schultern zucken und denken: Das Ambiente ist eh’ wurscht, und saufen kann man auch zu Hause.

Doch der Schuhkarton soll als Konzertsaal dienen. Und da versagen die Veranstalter kläglich.

Rechts und links neben der Bühne hängen zwei kleine Lautsprecherbögen. Sie wirken wie preiswerte Second-Hand-Ware aus einem Pleiteladen. Lächerliche Fitzelchen, viel zu winzig für den Saal.

Sie hängen zu hoch, was den äußerst unangenehmen Effekt vermittelt, die Musik schwebe wie eine Wolke über den Köpfen des Publikums, statt wuchtig auf die Ohren zu treffen.

Vor allem aber sind die Lautsprecher unterdimensioniert. Sie scheinen keine Reserven zu besitzen. Im Bemühen, den Saal laut zu beschallen, werden sie teilweise bis über die Grenze des Erträglichen belastet. Dann übersteuern sie und klingen nur noch schrill. Wirklich laut sind sie trotzdem nicht.

Egal, wo man im Saal steht, ob an der Bühne, in der Mitte oder hinten am Mischpult: Der Sound ist überall grauenhaft. Wir haben es getestet und hatten gegen Ende sogar Platz, um durch den Saal zu wandern. Denn der Funke wollte nicht so recht überspringen. Je länger Neurosis spielten, desto zurückhaltender geriet der Applaus. Ein Teil des Publikums verzog sich schließlich vor die Halle. Beim einzigen Konzert von Neurosis in diesem Jahr in Deutschland.

Neurosis sind im Astra untergegangen, als Opfer der Verhältnisse.

Dabei hätten wir es ahnen können. Ende Juni wollten wir mit Freunden einen netten Abend bei Ben Harper verbringen, ebenfalls im Astra. Schon damals wunderten wir uns über das grottige Geschepper der Gitarre. Vielleicht ist der Gitarrist sehr schlecht, dachten wir. Jetzt wissen wir: Er war zwar keine Leuchte, doch für den Sound konnte er nichts.

Wie Neurosis klingen, wenn sie dürfen, lesen Sie bitte hier.

Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • At The End Of The Road
  • Water Is Not Enough
  • Times Of Grace
  • Distill
  • Locust Star
  • Fear And Sickness
  • A Season In The Sky
  • Hidden Faces
  • Given To The Rising
  • Through Silver In Blood

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