Vor ein paar Tagen tappten die beiden Hauptkriegstreiber des Tagesspiegels in einen erstklassigen Honeypot. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff und Meinungs-Chef Malte Lehming blamierten sich bis auf die morschen braunen Knochen.
Das kam so.
Am 5. Juli antwortete US-Vizepräsident Joe Biden im Fernsehsender ABC auf die Frage, ob die USA Israel an einem Militärschlag gegen den Iran hindern würden: Die USA könnten “einem anderen souveränen Staat nicht sagen, was er zu tun hat.” “Ob wir zustimmen oder nicht, sie sind berechtigt, das zu tun […] Wenn die Regierung Netanjahu sich entschließt, einen anderen Ansatz zu verfolgen als den bisherigen, dann ist es ihr souveränes Recht.”
Sofort klappten alle journalistischen Kaffeesatzleser ihre Ohren auf. Was hatte Biden eben gesagt? Israel darf den Iran bombardieren? Die USA geben grünes Licht? Oho! Endlich!
Besonders groß war die Begeisterung beim Tagesspiegel, dem Berliner Arschkriecherjournal für US-hörige Militaristen, Chauvinisten und kriegslüsterne Ersatzhirne. Dort tanzte man eine Stunde lang Polonaise quer durchs Haus, zurrte die Stahlhelme fester und ballerte mit dem Sturmgewehr zwei brüllend dämliche Hurra-Kommentare in die Tastatur, beide am gleichen Tag.
“Es kann nicht sein, dass Mahmud Ahmadinedschad am Ende doch die Atombombe bauen will, um seine Drohung gegen Israel wahr zu machen, nicht wahr? Die Israelis müssen aber damit rechnen. Sie dürfen nicht tatenlos zuschauen, bis es zu spät ist. Sie müssen Vorsorge treffen […]
Planungen für einen diesmal atomaren Holocaust hinzunehmen, das kann, das darf keiner von Israel verlangen. Darum ist es gut und richtig, dass der amerikanische Vizepräsident, Joseph Biden, immerhin ein erfahrener Außenpolitiker, ihnen offiziell von seiner Seite aus freie Hand gegeben hat.”
Diese Sprache ist bekannt: “Polen hat heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!”
Auch die Lüge dahinter kennt man. Polnische Soldaten haben nicht geschossen — und der Iran besitzt keine nuklearen Waffen, die es zu zerstören gälte.
In den USA analysierte das National Intelligence Council (NIC) 2007 das iranische Nuklearprogramm. Das NIC ist eine Abteilung von Analytikern verschiedener US-Geheimdienste, die bis 2005 dem CIA unterstellt war und seither dem DNI zugeordnet ist.
In einem offiziellen Statement wird erklärt, das NIC “schätzt den Status des iranischen Nuklearprogramms ein und kommt zu dem Schluss, dass der Iran nicht vorhat, sich nukleare Waffen anzueignen, noch über die dafür notwendigen Ressourcen verfügt und seine Bestrebungen ziviler Natur sind.”
Was die Zukunft bringen wird, kann das NIC nicht vorhersagen. Für einen zeitnahen Militärschlag gegen den Iran ist Casdorffs Gefasel vom atomaren Holocaust jedoch so verlogen wie die Kriegsgründe von Bush Junior für die Irak-Invasion, die spätestens 2009 mit der Veröffentlichung des FBI-Berichts über Saddam Husseins Vernehmungen als Fälschungen enttarnt wurden: Der Irak besaß keine Massenvernichtungswaffen.
“Die Schlinge zieht sich zu. Der Iran hat für den Fall eines israelischen Angriffs auf seine Atomanlagen mit Vergeltung gedroht […] Panik ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb ist es klug von der US-Regierung, ein wenig mehr Panik in Teheran zu verbreiten. Das schürt den Zwist innerhalb des Regimes, dessen inhumane Fratze täglich deutlicher zu Tage tritt […]
Ein trotzig-schlichtes ‘Weiter-so’, wie es die dialogfixierte deutsche Politik empfiehlt, kann da weder das erste noch das letzte Wort sein. Geradezu beschämend nehmen sich die Stimmen aus dem Auswärtigen Amt an, die in dieser Situation auf Kontinuität setzen [… ] Wer jetzt schon alles duldet, um den Dialog zu retten, der wird im Ernstfall auch der Atombombe nichts entgegensetzen.”
Der Leitende Redakteur Meinung ruft offen zur Destabilisierung eines souveränen Staates auf (Panik verbreiten, Zwist schüren) und schämt sich für die deutsche Außenpolitik, die mit dem Iran redet, statt eine Bombardierung zu fordern. Stellen wir uns die gleichen Worte aus dem Mund eines Imam vor — Lehming würde ihn als “Haßprediger” bespucken.
Dann zieht Lehming über die SPD her, die ihm verhaßt ist wie alles, was links vom rechten Rand steht:
“Der einzige Trost: Die Opfer vergessen nicht. Sie merken sich, wer in der Not ohne Not auf Seiten ihrer Peiniger stand [..] Kein DDR-Dissident vergisst, wer an gemeinsamen Strategiepapieren mit der SED bastelte und später die ‘Reformkommunisten’ beklatschte. Kein wahrheitsliebender russischer Journalist vergisst, wer Wladimir Putin zu seinem Busenfreund erklärt.
Und so werden sich auch die iranischen Oppositionellen ganz genau merken, wer die skrupellosen Machthaber ihres Landes durch bedingungslose Dialogbereitschaft ermunterte. In ihre Herzen wird sich einbrennen, wer im Westen den Westen vor einer ‘Einmischung in die inneren Angelegenheiten’ des Iran warnte. Politik muss pragmatisch sein. In bestimmten Momenten indes wird aus Pragmatismus Obszönität.”
Daß ausgerechnet Lehming, der Lügner und Hetzer, das Wort wahrheitsliebend für seine Suada mißbraucht, ist abenteuerlich. Wer sich bei der Holtzbrinck-Prawda prostituiert, ist sich wohl für keinen Dreck zu schade.
An der Aussicht auf explodierende Bomben über dem Iran berauscht sich Lehming so sehr, daß ihm ein kleiner Fauxpas unterläuft:
“Schauprozesse, Todesurteile, Folter, Schlafentzug, Isolationshaft: Kein Instrument aus dem Repertoire des Unmenschen fehlt noch.”
Damit beschreibt Lehming exakt die Zustände in Guantánamo und Texas, der Heimat seines Idols George W. Bush. Er meint aber den Iran. Wie sehr sich hier beide Staaten ähneln, fällt ihm nicht mehr auf.
Doch die Freude währte nur kurz für unsere Etappenhengste.
US-Generalstabschef Mullen warnte sofort vor einem Militärschlag gegen den Iran, und Präsident Obama wies die Rückendeckung der USA für einen israelischen Angriff auf den Iran zurück. Obama bevorzuge in dieser Frage den diplomatischen Weg, wie der deutsche Außenminister.
Plötzlich gilt alles, was die beiden rechten Stiefelknechte über die deutsche Diplomatie schrieben, auch für Obama, Wort für Wort. Denn wenn Steinmeier auf Seiten der Peiniger steht, dann muß dort auch Obama stehen. Wenn die Politik Steinmeiers obszön ist, dann muß das auch für Obama gelten.
Das hätten sie nicht gedacht, daß ihnen die US-Regierung die geile Kriegsparty versaut. Jetzt stehen sie wie bedröppelte Mordsbuben da.
Mord? Ja. Kriegsjubler sind Schreibtischmörder.
2 Kommentare ↓
Hör auf, die Berliner Zeitung und den Tagesspiegel zu lesen! Du bekommst noch einen Herzinfarkt. :-)
Hehe :)
Zum emotionalen Ausgleich gibt’s zum Glück die Blätter (erster Link in der Blogroll). Sonst wäre es allerdings gesundheitsgefährdend, da hast du recht :)
Mein Kommentar: