Fragen Sie sich auch gelegentlich: Was macht eigentlich ein Grimme-Preisträger den lieben langen Tag?
Das ist normalerweise nicht einfach zu beantworten — außer im Fall Weinreich. Hier fällt die Antwort leicht: Er demagogisiert. Ausführlicher gesagt: Er unterstellt, behauptet und verdächtigt.
Sie werden Jens Weinreich nicht kennen. Das geht vielen Leuten so. Weinreich ist trotzdem von seiner Prominenz überzeugt. Wer in den immer gleichen Zirkeln verkehrt, in denen die Afterstreichler unter sich bleiben, glaubt am Ende, er sei bekannt.
Als Leser der Berliner Zeitung mußte man Weinreichs pathologische Jagd auf jeden Sportler erdulden, der aus dem Osten kam und sich erlaubte, eine Medaille zu gewinnen. Denn Weinreich war Sportredakteur, bis 2008. Dann durfte er die Redaktion verlassen. Nicht jeden Leser betrübte dieser Abgang.
Weinreich gehört zu jenen Journalisten (und Autoren), die sich geschmeidig durch zwei Systeme schleimten. Der Zoni aus Haldensleben war bis 1990 strammer Perspektivkader. 1986 diente er sich der Jungen Welt als Volontär an. Die Junge Welt prüfte seinen Lebenswandel, sah, daß Weinreich fest zu den Beschlüssen des XI. Parteitags stand und nahm ihn auf.
Wer die letzten Jahre der DDR bewußt erlebte, weiß, welch schäbiger Charakter nötig war, um freiwillig bei der Jungen Welt zu arbeiten. Kein Mensch, der ein Milligramm Selbstachtung besaß, der bei einigermaßen klarem politischen Verstand und nicht moralisch verludert war, hätte dieses Blatt mit der Pinzette angefaßt, geschweige denn gelesen oder — wie tief kann man eigentlich sinken? — dort gearbeitet.1 Wir wollen dies für Leser festhalten, die die Junge Welt nicht kennen und sich keine Vorstellungen davon machen, wie nacktschneckig jemand innerlich beschaffen sein mußte, um 1986 bei der Jungen Welt um ein Volontariat zu betteln.
Jugendfreund Weinreich erfüllte alle Erwartungen, muckte nicht auf und wurde zum Journalistikstudium delegiert. Wie damals üblich, war die Delegierung für jeden Studenten (bis auf wenige Ausnahmen) Pflicht. Man brauchte einen Kaderleiter, der einen zum Studium empfahl und gleichzeitig die Beschäftigung nach dem Studium garantierte. Die Junge Welt vertraute ihrem Volontär und schickte ihn zur Karl-Marx-Universität Leipzig, damals bekannt als Rotes Kloster.
Das Rote Kloster, in dem Weinreich von 1987 bis 1991 studierte, war eine berüchtigte Zuchtanstalt für linientreue ADN-Abschreiber. Wer dort die Immatrikulationsurkunde in den Händen hielt, durfte sich gedanklich auf NSW-Reisen zu Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften freuen. Bis es soweit war, wurde der Jungkader peinlich genau auf sein festes Bekenntnis zu Partei und Regierung geprüft, ebenso die Familie und die nähere Verwandtschaft. Eine West-Oma wäre für die NSW-Akkreditierung hinderlich gewesen.
Weinreichs linientreue Vita ist keine Geheimnis, man kann sie in verschiedenen Publikationen lesen. Auch auf seiner Website gibt er ein wenig von sich preis. Und hier stolpert man über die erste Lüge.
Weinreich schreibt: 1987-91: Studium der Journalistik an der Universität Leipzig.
Die Universität hieß bis 1991 Karl-Marx-Universität. Erst 1991 wurde sie in Alma mater lipsiensis umbenannt, also Universität Leipzig. Weinreich möchte die Spuren seiner Ausbildung zum staatsfrommen DDR-Sportreporter am Roten Kloster verwischen. Pech gehabt.
Selbstverständlich kehrte Weinreich 1991 zur Jungen Welt zurück. Man kannte sich, man mochte sich. Dann änderte die Junge Welt ihre politische Stoßrichtung. Weinreich packte seine Sachen und schlug sich ein paar Jahre als Einzelkämpfer durch.
1996 fing ihn die Berliner Zeitung auf — und Weinreichs Metamorphose vom roten Zoni zum schwarzen Wessi, die 1990 begann, wurde vollendet.
Bei der Berliner Zeitung widmete sich Weinreich jahrelang einem Thema: Doping in der DDR. Der gleiche Weinreich, der im Roten Kloster die Sportpolitik der SED tief inhalierte, wendete sich um 180 Grad, bediente wie selbstverständlich alle Erwartungen der neuen Chefs — gelernt ist gelernt — und jagte DDR-Sportler wie räudiges Vieh, das abgeschossen gehört. Besonders die aktiven und erfolgreichen Sportler verfolgte er mit irrem Blick. Sieger waren für ihn gedopte Sieger, und wenn trotz aller Bemühungen kein Doping gefunden wurde, wühlte er so lange, bis ein trüber Fleck in der Vergangenheit des Siegers gefunden wurde, der ihn zum Rücktritt oder wenigstens zur Selbstbezichtigung zwang.
Westdeutsche Doper hingegen interessierten ihn nur mäßig. Weinreich wußte, daß man sich mit der Kombination “Doping + BRD” im neuen System unbeliebt machte. Sich geräuschlos an jedwede Verhältnisse anzupassen, hatte der geschmeidige ADN-Umformulierer im Roten Kloster gelernt.
Sie wissen ja, liebe Leser: Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Und würde morgen die Sozialistische Deutsche Republik ausgerufen, wäre Weinreich wieder ganz vorn, bei der staatlich gewünschten Rehabilitierung von Katrin Krabbe und Grit Breuer und als Journalist, der eine bestellte Laudatio auf Thomas Springstein sudelt.
Nach seinem Weggang von der Berliner Zeitung wurde es ruhiger um Weinreich. Ruhe ist schlecht fürs Geschäft, wenn man sich selbst um Aufträge kümmern muß. Da kam ein kleiner Zoff mit DFB-Chef Zwanziger wie gerufen. Im Grunde eine Bagatelle, die aber beide Seiten zum totalen Krieg aufpumpten und die mit einem — für Weinreich typischen — Schwanzkneifen endete. Ein kalkuliertes Schwanzkneifen, denn Weinreich wußte sich als Underdog zu inszenieren, der vom übermächtigen DFB angeblich gefressen werden sollte.
Diese putzige Selbstüberschätzung war recht süß und erheiternd, brachte aber in diesem Jahr den erhofften Lohn; u.a. den Grimme-Online-Award. (Nebenbei: Wie ernst soll man ein deutsches Institut nehmen, das einen Preis nicht Preis, sondern Award nennt? Nicht sehr ernst, oder?)
Wir zitieren aus der Begründung der Grimme-Jury:
“Jens Weinreich – der als freier Journalist sonst für Hörfunk und Print arbeitet – nutzt die Nische Internet, um über die Schnittstelle von Politik und Sport zu berichten. Und so kann der Nutzer in seinem Blog einen detaillierten Bericht aus dem Sportausschuss des Bundestags nachlesen oder sich über die Verwicklungen im Fifa-Exekutivkomitee informieren. Auch die vielen Kommentare belegen, dass der humorvoll-ironische Ton und die kenntnisreiche Themenwahl eine Lücke schließen, die der traditionelle Sportjournalismus hinterlässt.”
Merken Sie sich bitte die Worte “der humorvoll-ironische Ton und die kenntnisreiche Themenwahl“, liebe Leser. Sie werden gleich erfahren, was die Jury unter humorvoll-ironisch und kenntnisreich versteht.
Natürlich notierte Weinreich auch diesen Preis auf seiner Website, vergaß aber hinzuzufügen, daß er nur einer von drei Preisträgern war (neben Carta und ZDFParlameter). Wer wissen will, ob es noch andere Preisträger gibt, kann sich ja bei Grimme informieren, wird Weinreich denken.
Pflichtgemäß muß sich Weinreich nun bei seinen Schulterklopfern bedanken. Er weiß, was er ihnen schuldig ist. Zum Glück gibt es Claudia Pechstein.
Sie erfüllt alle Kriterien in Weinreichs Matrix: ostdeutsch, erfolgreich, beliebt. Strafverschärfend kommt hinzu: nicht duckmäuserisch und anbiedernd. Ein herrliches Opfer, diese Pechstein, auf der Weinreich mit fühlbarem Hochgenuß herumtrampelt, bevor die erste Klappe im bevorstehenden juristischen Verfahren gefallen ist.
Notwendiger Disclaimer: Die ersten Meldungen, wonach Claudia Pechstein des Blutdopings überführt sei, wurden korrigiert. Im Moment herrscht Unsicherheit, wie der Fall ausgehen wird. Bis zu dem Moment, an dem Pechstein letztinstanzlich wegen Blutdopings verurteilt wurde oder sie sich zum Blutdoping bekennt, bleiben nur Vermutungen. Hat Claudia Pechstein gedopt, soll sie sich zum Teufel scheren und bis an ihr Lebensende die Sponsorengelder zurückzahlen. Hat sie nicht gedopt, möge sie weiterhin laufen und gewinnen.
Der parteifromme Adept der Jungen Welt und linientreue Student aus dem Roten Kloster wirft sich auf Claudia Pechstein wie eine Hyäne aufs blutwarme, noch zuckende Aas. In einem Kommentar vom 7. Juli verliert Weinreich jedes Maß. Er geifert, wütet und schäumt. Man spürt seine animalische Lust, die vorletzte aktive Sportikone der DDR zu schächten (an Ballack traut sich Weinreich nicht heran, dafür ist er hundert Nummern zu klein).
Wie in der DDR gelernt, beginnt Weinreich mit einer positiv gestimmten Einleitung:
“Ist Claudia Pechstein eine Blutdoperin? Es wäre unredlich, darauf nur mit Ja oder Nein zu antworten. Der Sachverhalt ist komplex und wird in den kommenden Monaten noch komplizierter.”
Nach dieser geheuchelten Objektivität kommt es knüppeldick:
“Die vorläufige Antwort kann nur lauten: Nach allen bisher verfügbaren Informationen ist die Wahrscheinlichkeit äußerst groß, dass Blutdoping betrieben wurde.”
Das war’s eigentlich, liebe Leser. Denn mehr als dieses “nach allen bisher verfügbaren Informationen“-Wischiwaschi hat Weinreich nicht zu bieten. Kann er auch nicht, denn zu verfahrensrelevanten Akten besitzt er keinen Zugang. Auf seiner Website bläst er sich mit seitenlangen Protokollen, die nichts beweisen, zum Enthüller auf. Das ist Weinreichs Stil: Das Nichts zum Ereignis zu erklären.
Was folgt, sind Beschimpfungen und Herabwürdigungen:
“Die Eisläuferin steht seit drei Jahren unter besonderer Beobachtung der Dopingfahnder. Allein schon dieser Umstand wird in Pechsteins Lager als Majestätsbeleidigung missverstanden.”
“Das ISU-Papier entkräftet viele der Behauptungen, die Pechstein, verdammt blond und erstaunlich munter, in diesen Tagen in vielen Medien hinausposaunt. Hier wird eine Medienwirklichkeit inszeniert, die auf Affekte und Simplifizierung setzt, nicht aber auf Fakten.”
“[Pechstein und ihre Berater, ihr Manager und ihren Anwälte] schüren Emotionen, verbreiten Gerüchte, ohne mit Belegen aufzuwarten. Vor allem aber: Sie haben über Monate die Wahrheit gebeugt und gelogen, ohne rot zu werden.”
“Pechstein und die DESG setzen alles daran, auf beinahe skandalöse Weise sekundiert von der Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), den Indizienbeweis vor dem Sport-Weltgerichtshof (Cas) zu kippen.”
“… mit Steuermitteln alimentierte Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei.”
Und so weiter und so fort. Am Schluß senkt Weinreich vorbeugend den Daumen über Claudia Pechstein:
“Sollte der Cas in ihrem Sinne entscheiden, wäre damit nur ein juristisches Scharmützel gewonnen. Nichts weiter. Die begründeten Zweifel würden bleiben.“
Das muß man sich in aller Ruhe vergegenwärtigen, liebe Leser. Der Kommentator der Berliner Zeitung und Preisträger des Grimme-Online-Awards verweigert den Respekt vor einem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (der sich übrigens CAS abkürzt — so viel zur Fachkompetenz von Weinreich), sofern dieses Urteil nicht in seinem Sinn getroffen wird.
Humorvoll-ironisch und kenntnisreich. Da sollte noch ein Grimme-Preis herausspringen.
Zwischendurch versucht Weinreich, die Vorwürfe Pechsteins über die mediale Behandlung ihrer Person abzublocken:
“Pechstein spricht allerdings von einer ‘öffentlichen Hinrichtung’ und bleibt Beweise für ihre These schuldig.”
Den Beweis lieferte Weinreich persönlich, am 7. Juli 2009, mit einer schnitzleresken Tirade gegen Claudia Pechstein.
Wissen Sie, was uns überhaupt nicht wundern würde, liebe Leser? Wenn eines Tages eine MfS-Akte Weinreich auftauchte, mit der handschriftlichen Verpflichtung als IM “Täve“. Und wissen Sie, weshalb es unwahrscheinlich ist, daß diese Akte auftaucht? Weil Typen wie Weinreich Stützen des Systems sind. Akten von solchen Leuten werden — so sie existieren — von Frau Birthler nicht gefunden.
Wir haben überlegt, an dieser Stelle ein Foto von Weinreich einzufügen, aber wir wollten Sie nicht erschrecken, liebe Leser. Wenn Sie gute Nerven haben, dann stellen Sie sich einen Kartoffelsack in Birnenform vor, auf dem eine polierte Bowlingkugel liegt.
Wie uns ein früherer Kollege Weinreichs aus der Berliner Zeitung flüsterte, kursiert das Gerücht, daß Weinreichs Abneigung gegen erfolgreiche Sportler eine unbewußte Kompensation seiner eigenen körperlichen Verformung sei. Sollte das zutreffen, wäre Weinreich ein Fall für den Psychiater.
- Die heutige junge Welt ist davon grundverschieden. Außer dem Namen hat sie nichts mehr mit der FDJ-Schleuder gemein. [↩]
1 Kommentar ↓
Tja,so sind sie ,die kleingeistigen Kriecher-Zonis und Möchtegern-Wessis.
Oder anders:”…wessen Brot ich eß,dessen Lied ich sing.”
Es ist schon sehr ,sehr traurig , was für Leute in der DDR Journalistik studieren “durften” , um dann Jahre später alles zu verleugnen und geistlose Ergüsse schriftlich unters Volk zu bringen.
Und der ist Preisträger des vielzitierten Grimme-Preises?
Es schüttelt mich….
Mein Kommentar: