Wenn wir uns vom Tagwerk erholen oder einfach persönlich davon überzeugen wollen, daß die reale Welt noch nicht vom Internet verschlungen wurde, betreten wir den fußballfeldgroßen Balkon unserer Konzernzentrale und blicken nach unten, wo sich der Darwinismus auf zwölf Fahrspuren, die einander kreuzen, täglich neu beweist.
Wir schütteln unsere Eiswürfel im Glas Spreequell Classic und wetten, wie viele Autos bei Rot über die Kreuzung donnern (der Rekord steht bei drei PKW und einem Lastzug). Manchmal wetten wir aber auch, wie viele Autos bei Grün mitten auf der Kreuzung stehenbleiben.
Denn während wir meditierend in den Sonnenunter- oder aufgang blicken, nur das feine Klirren der Eiswürfel und das Zwitschern der Vögel im Dschungel des Thälmannparks im Ohr, werden wir regelmäßig durch wildes Gehupe vom transzendenten Pfad der Vier Edlen Wahrheiten verscheucht. Wir schauen über den Rand der Balkonbrüstung und sehen das immer gleiche Szenario:
Auf der Kreuzung steht ein Auto, meist ein Kleinwagen (warum es bevorzugt Kleinwagen sind, sollten amerikanische Wissenschaftler in einer Feldstudie untersuchen). Hinter dem Auto staut sich eine halbkreisförmige PKW-Schlange. Denn der Wagen an der Spitze steht auf der Linksabbiegerspur. Er fährt zügig an, stoppt aber mitten auf der Kreuzung, um den Gegenverkehr zu beachten.
Woanders wäre diese Verhalten sicher löblich, hier ist es nur dämlich. Denn alle Linksabbiegerspuren dieser Kreuzung besitzen eigene Linksabbiegerampeln mit Linksabbiegerpfeilen. Wer trotzdem auf der Kreuzung stehenbleibt, um auf den nicht vorhandenen Gegenverkehr zu warten, hat den Sinn einer Linksabbiegerampel nicht verstanden.
Zufällig lasen wir, was amerikanische Wissenschaftler in aufwendigen Testreihen herausfanden: Ostdeutsche Fahrschüler sind blöder als westdeutsche. In der theoretischen Führerschein-Prüfung versagen die Ostler so häufig, als wären sie dumm wie trockenes Russenbrot.
Unbekannte Linksabbieger! Wie erklärt ihr euch dann, daß die PKW-Kennzeichen derjenigen, die bei Grün auf der Kreuzung halten, zu 99,9999 Prozent in der westdeutschen Provinz registriert sind? Lernt ihr zur Prüfung nur die Antworten auswendig, ohne den Inhalt zu kapieren? Oder seid ihr einfach praxisuntauglich?
Könnt ihr dann bitte in eurer Ödnis bleiben, bis ihr gelernt habt, wie man bei Grün über eine Kreuzung fährt? Und danach auch?
Das wäre wirklich nett
Messitsch by Burns
3 Kommentare ↓
Der am Ende formulierte Wunsch würde wohl nix nützen. In der Provinz gibt es vermutlich gar keine extra Linksabbieger-Ampeln. Daher wohl auch der hartnäckige Reflex, als Linksabbieger bei Grün stets den Gegenverkehr abzuwarten - auch wenn keiner kommen will.
Übrigens habe ich eine recht plausible Erklärung für die deutlich höhere Durchfallquote ostdeutscher Fahrschüler gelesen: Es liegt nicht an der Demotivation zum Lernen durch die Ärmlichkeit ringsrum, wie in dem “rundschau”-Artikel gemutmaßt (was für ein blöder Gedanke!). Nein, es liegt schlicht am (nicht vorhandenen) Geld.
Fahrschulen sind teure Vergnügen geworden. Zu teuer für viele Jugendliche, die den Führerschein aber dringend brauchen, um auf dem “Arbeitsmarkt” noch eine Chance zu haben. Und sei es nur, um Sonntagnacht gen Westen aufzubrechen und Freitags in die Heimat zurückzukehren. Woche für Woche.
Nun kann man die Gebühren für die Prüfungen und die Pflichtfahrstunden nicht einsparen. Also spart man bei den übrigen Ausbildungsstunden. Und mal ehrlich - jeder von uns würde wohl die Theorie-Stunden als erstes einsparen wollen, da man hier noch am ehesten die Möglichkeit hat, das nötige Wissen zu erarbeiten, ohne den Fahrlehrer dafür zu bezahlen.
Im Ergebnis sind Ostdeutsche aber wohl nicht gut genug auf die Theorie-Prüfungen vorbereitet und rasseln öfter durch. Ursache -> Wirkung.
Klingt plausibel, finde ich…
Das kann sein. Die Theorie erscheint unverfänglicher und leichter. Ein paar Kreuze machen und fertig.
Die Praxis ist schon psychologisch nicht so einfach. Da hockt der Fahrlehrer ständig neben einem, wie der Klassenlehrer, der während der Klausur neben der Schulbank auf und ab geht. Da übt man vielleicht unwillkürlich mehr, um sich nicht dem Streß ständigen Korrigierens während der Fahrt auszusetzen.
Aber die Praxis kann man mit einem kundigen und freundlichen Beifahrer auf einem leeren abgelegenen Parkplatz (Baumarkt am WE) schon mal üben - machen doch auch vilele.
GvH
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