Demnächst gibt’s eure Läden nicht mehr. “In ganz Deutschland machen Musikläden dicht”, schreibt Heise. In den letzten sechs Jahren hätte sich die Zahl der Plattenläden halbiert. Mein lieber Herr Gesangsverein!
Warum müßen eure Läden sterben?
“Das liegt am Unverständnis der Verbraucher, für Musik zu bezahlen”, sagt Daniel Knöll. Er sagt auch: “Musik wird es immer geben und den Vertrieb von Musik wird es auch immer geben.” Daniel Knöll muß das sagen. Er ist Pressesprecher des Bundesverbands der Musikindustrie. Davor war er zweieinhalb Jahre PR-Berater, davor sieben Jahre PR-Berater. Ein intimer Kenner der Materie.
Wir glauben ihm trotzdem nicht.
Wißt ihr, warum es euch Besitzern von kleinen geilen Plattenläden an den Kragen geht? Weil ihr euch einen Dreck um eure Kunden schert. Weil ihr nicht verkaufen wollt.
Das seht ihr anders? Dann möge einer von euch den Selbsttest machen. Fahre in eine fremde Stadt, wo dich garantiert niemand kennt. Geh in einen Plattenladen, der genau so klein ist wie deiner. Du wirst staunen.
Erstes Gebot: Ignoriere deine Kunden!
Am Tresen sitzt jemand, der aussieht, als wäre er mit dem Holz verwachsen. Jemand, der schon in Wackersdorf und auf der Startbahn West für den Weltfrieden gehäkelt hat, der Rudi Dutschke ein Käsebrot schmierte und Udo Lindenberg als Jazzschlagzeuger erlebte. Der Mann am Tresen hat oben keine und hinten wenig Haare; die wenigen Haare hält ein winziger Gummi zusammen. Es soll wohl ein Zopf sein.
Vor dem Tresen liegt ein Hund. Der Hund ist Pflicht in kleinen geilen Plattenläden. Er muß sehr groß sein und mit zottigem Fell behaart, damit er sich bei Regenwetter draußen ordentlich durchweichen und im Laden gründlich trockenschütteln kann.
Neben dem Hund sitzt der Stammkunde. Er ist genau so alt wie der Mann hinter dem Tresen, hat die gleichen tollen Jahre erlebt und sein Resthaar ebenfalls zum Pferdeschwanz gebunden. Zusätzlich trägt er einen krausen Bart, der noch nie einen Kamm oder eine Schere sah und resigniert vor sich hin wächst.
Aus der Tasche seine Jankers lugt die zusammengerollte Konkret, darin versteckt die letzte Ausgabe der radikal. Aber nur so weit versteckt, daß man noch erkennen kann, daß der Jankerträger im streng geheimen radikal-Verteiler steht. Ein wichtiger Mann.
Zweites Gebot: Mach dich über deine Kunden lustig!
Weder die Männer noch der Hund blicken auf, wenn du, Besitzer eines kleinen geilen Plattenladens, das Geschäft des Kollegen betrittst.
Entweder schweigen sich die beiden an, wie gestern und vorgestern und letzten Monat und letztes Jahr und all die Jahre davor. Oder sie erinnern sich an damals, als sie in besetzten Häusern Mollis füllten, die andere aus den Fenstern warfen, wofür sie verknackt wurden (die anderen, die mehr Mut besaßen als sie). Von diesen Erinnerungen werden sie immer dann übermannt, wenn du, Besitzer eines kleinen geilen Plattenladens, eine Frage zu stellen wünschst. Dann müssen sie sich spontan ihrer ruhmreichen Vergangenheit erinnern. Du bist nicht existent.
Entfernst du dich vom Tresen, stirbt sofort ihr Gespräch. Näherst du dich mit neuer Hoffnung, lebt es wieder auf. Dieses Spiel kannst du endlos treiben. Die beiden haben tausende Leute wie dich ignoriert. Du bringst sie nicht aus ihrer Ruhe.
Es gibt nur einen Moment, in dem sie indirekt mit dir kommunizieren. Stell dich an ein Plattenregal, wühle sinnlos in den Platten und frage über die Schulter nach einer Band, die sich deiner naiven Vorstellung nach im Sortiment befinden müßte. Am Tresen wirst du eine höhnische Bemerkung, ein zynisches Lachen und einen Witz auf deine Kosten hören.
Drittes Gebot: Zeig deinen Kunden, daß sie unerwünscht sind!
Stehst du länger als fünf Minuten vor dem Plattenregal, kommt aus dem kombinierten Küchenklo im Hinterzimmer die weibliche Aushilfskraft angedüst. Auf dem Papier ist sie zehn Jahre jünger als die Tresenmänner. Sie trägt Boots, Military Jeans, ein Zip Hoody mit Ramones-Logo, ein Anarcho-Shirt und keinen BH. Ihre leicht angegrauten Haare hat sie pechschwarz gefärbt. Über Hals und Unterarme schlängeln sich mehrfarbige Tattoos. In ihrer Nase stecken zwei Ringe, auf Ober- und Unterlippe je einer, in den Ohren unzählige. Sie riecht nach Filterlosen. Ihre Tochter heißt Klara, mit K.
Sie ist die Platteneinsortiererin. Genau dort, wo du stehst — auf den Zentimenter genau –, muß sie in diesem Moment die Platten neu ordnen. Sie fragt nicht und bittet nicht, ob du Platz machen könntest. Sie schiebt dich einfach beiseite. Wenn du ins Nebenfach greifst, rückt sie nach. Sie folgt dir quer durch den Laden. Sie versucht, schneller zu sein als du und die Platten aus dem Fach zu nehmen, bevor du sie in den Fingern hast. Dabei schwatzt sie über deinen Kopf hinweg mit den Tresenmännern, so laut es geht. Bevorzugt über den letzten Kunden, der sich so sagenhaft bekloppt anstellte. Köstlich, dieser Trottel. Alle lachen, außer dir.
Du kaufst nichts, weil du nichts kaufen sollst. Der Laden ist das Refugium seiner Ureinwohner, ein Zufluchtsort altgewordener Revoluzzer, die seit ihrer Zwangsexmatrikulation nach Überschreitung der letztmöglichen Semesterzahl von ihren Frauen leben oder von der Stütze. Die aber immer noch zur Revolution bereit wären. Theoretisch.
Du verläßt den Laden und blickst noch mal durchs Schaufenster. Am Tresen grinsen zwei Männer und eine Frau, ploppen ihr Flens auf und stoßen klirrend an: Geschafft! Prost!
Du fährst erschüttert nach Hause und denkst: Bin ich etwa auch so? Ja, bist du.
Deshalb meiden wir seit Jahren deinen kleinen geilen Plattenladen. Wenn wir eine Platte suchen, hast du sie nicht, oder du verkaufst sie für den doppelten Preis wie deine Konkurrenz im Internet. Damit meinen wir nicht Amazon, sondern schnucklige, spezialisierte Shops oder preiswerte Direktvertriebe der Indie-Label.
Was du mühevoll bestellen müßtest, gibt es dort für faire Preise, von Polen bis Australien. Selbst mit Porto und Zoll billiger als bei dir, vor allem, wenn in Dollar bezahlt wird.
Schließ deinen Laden zu und geh heim. Deine Zeit ist abgelaufen.
Nur mäßig traurig
Messitsch by Burns
3 Kommentare ↓
“Ich würde gern die Neue von XYZ auf Vinyl haben?”
“Gibts nich”
“Doch, war angekündigt und wird im Internet verkauft.”
“Achso Neuvinyl machen wir nicht mehr”
Also ich weiß ja nicht, in was für Plattenläden Du gehst, aber scheinbar in andere als ich. Die Läden, die Du hier beschreibst, haben aus genau diesen Gründen schon vor Jahren dicht gemacht. Macht sich gut in nem Film, hat aber mit der Realität mittlerweile herzlich wenig zu tun.
Gerade in Berlin gibt es ne ganze Menge wirklich geiler Plattenläden - geh mal zu Mr Dead & Mrs Free, Vopo Records (Punk) oder zum Recordstore (nur Vinyl).
@daniel: Die gibt’s noch, aber ich werde keine Namen nennen und einer Horde Rechtsanwälten das Weihnachtsfest finanzieren. Dieser Typ Plattenladen ist auch nicht auf Kreuzberg oder Schöneberg beschränkt.
Selbst in manchen der neuesten Läden, die sich in der schicken Ecke des Prenzlauer Bergs eingemietet haben und im Edelambiente eine Mini-Auswahl an CDs und Vinyl präsentieren, hat sich das Insidersyndrom eingepflanzt. Dort treffen sich zwar flotte Laptopfrickler statt alter 68er, doch die Ignoranz-Wirkung ist die gleiche.
Nur der Hund darf nicht mehr rein.
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