Oktober 1989: Wenn aus Gerüchten Fakten werden

Geschrieben von messitschbyburns am 12. Oktober 2009 | DDR, Pfarrer Führer, Tagesspiegel


Bundespräsident Köhler hielt am 9. Oktober 2009 in Leipzig eine Rede. Darin fielen diese Sätze:

“Vor der Stadt standen Panzer […] und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt.”

Das war ein vierfacher Irrtum seines Redenschreibers. Nicht nur Panzer, Blutplasma und Leichensäcke sind frei erfunden. Auch eine Leipziger Stadthalle gibt es nicht. Selbst der dunkelschwarze MDR mußte Köhler korrigieren.

Doch dann geschah etwas Erstaunliches. Manche Medien erklärten Köhlers Behauptungen zu Fakten.

Im Tagesspiegel bog ein Herr namens Albert Funk die Oktober-Geschichte mit einer Dreistigkeit um, daß einem schwindlig werden konnte:

“‘Vor der Stadt standen Panzer’, sagte [Köhler] – in Wirklichkeit standen sie in der Stadt. Das Dienstprotokoll der Leipziger Bereitschaftspolizei verzeichnete für den 9./10. Oktober jedenfalls die Handlungsbereitschaft der Schützenpanzer ‘mit Munition’, wie Martin Jankowski in seiner Darstellung des 9. Oktober vermerkt hat.”

Erstens: Ein Panzer ist kein SPW. Zweitens: Die SPW der VP-Bereitschaft standen nicht erst im Oktober 1989, sondern seit Jahrzehnten in den Leipziger VP-Kasernen, je VP-Bereitschaft zehn PSH mit Munition — ohne Munition ist eine Bordbewaffnung reichlich sinnlos.

Dann verhakt sich Funk bei Blutplasma und Leichensäcken:

“Auch darüber, dass in einem Krankenhaus eine Station geräumt worden sei, und über zusätzliche Blutkonserven wurde in der Stadt an jenem Montag vor 20 Jahren geredet […] Am Morgen hatte der Leiter der Universitätsklinik angeordnet, sich auf die ‘Niederschlagung der Konterrevolution’ vorzubereiten. Vorsichtshalber wurde mit Schlag- und auch mit Schussverletzungen gerechnet.”

Die Anordnung des Klinikleiters schmückt Funk zu Blutkonserven aus, über die geredet wurde. Das war’s. Und für die Leichensäcke muß Albert Funk unseren Held Christian Führer bemühen. Horst Köhler schmeichelt ihm in seiner Rede, und der als bescheiden und uneitel bekannte Pfarrer Führer revanchiert sich mit Köhlers Verteidigung:

“Leichensäcke hätten bestimmt irgendwo gelegen.”

Ei gewiß. Zum Beispiel im Leichenschauhaus, wo sie gebraucht werden.

Der Rest des Artikels besteht aus spekulativen Höchstleistungen:

  • “ging als Gerücht um”
  • “viele glaubten es”
  • “ging die Angst um”
  • “dieses Gerücht”
  • “ging das Gerücht um”
  • “viele glaubten”

Denn:

“Drei Tage vor der Demonstration hatte ein Kampfgruppenkommandeur in der ‘Leipziger Volkszeitung’ darüber räsoniert, dass die ‘konterrevolutionären Aktionen’ unterbunden werden müssten – ‘wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand’.”

Der Kampfgruppenkommandeur hieß Günter Lutz, und seine Wortmeldung war einer jener bestellten Leserbriefe, die von selbständig denkenden Zeitungslesern so ernst genommen wurden wie jeder bestellte Leserbrief in jeder DDR-Zeitung.

Doch Funk duldet keinen Widerspruch. Im vorletzten Absatz versteigt er sich zu dieser Formulierung:

“Am 9. Oktober waren Gerüchte Fakten.”

Basta, würde Gerhard Schröder sagen. Und die nächste Schülergeneration wird die von Neusprechlern wie Funk und Köhler postulierte neue deutsche Geschichte als unverrückbare Tatsache lernen müssen. Wer zweifelt oder Fragen stellt, ist ein Ewiggestriger und verläßt den Boden der blablabla.

Verblüffend ist nicht nur die Kaltschnäuzigkeit, mit der Lohnschreiber wie Funk wild wabernde Gerüchte par ordre als harte Fakten definieren. Das gehört zum Überbietungswettbewerb “Dämonisierung der DDR”. Funks Kollege Lehming — wie Funk auf der Gehaltsliste der neoreaktionären Holtzbrinck-Prawda — kennt hier schon lange keine Hemmungen mehr. Er lügt ganz unverfroren.

Verblüffend ist also nicht nur deren Kaltschnäuzigkeit. Interessant ist, worüber sie schweigen.

Nehmen wir an, ab nächsten Montag würden in Berlin sehr viele Menschen gegen die Bundesregierung demonstrieren. Sie ließen sich weder durch beschwichtigende Reden der Parlamentarier noch durch die Gegenpropaganda in den staatsfrommen Zentralorganen von Springer, Holtzbrinck, Bertelsmann-Spiegel etc. pp. stoppen; die Zahl der Demonstranten schwölle Woche für Woche an, die Forderungen würden schriller: 100.000 Menschen verlangten den Rücktritt der Bundesregierung und den Anschluß der BRD an Österreich. Für die Bundesregierung ginge es um die Existenz.

Dieses Szenario ist fiktiv, wer will schon Österreicher werden. Dennoch: Was würde geschehen?

Kein Staat der Welt duldet dauerhaften Protest, der in der Abschaffung der eigenen Regierung und — wie in der DDR geschehen — der Auflösung des eigenen Staates gipfelt. Die Toleranz gegenüber bedrohlichen Demonstrationen ist von Staat zu Staat und Regierungsform zu Regierungsform verschieden. Doch ab einem bestimmten Punkt schlägt jeder Staat zurück. Das kann man Selbsterhaltungstrieb oder Machtbesessenheit nennen; das Ergebnis ist das gleiche.

Die Panik, die die Bundesregierung bereits bei kleineren Massendemonstrationen zittern läßt, ist hinlänglich bekannt. Eine Generalprobe für die bundesweite polizeiliche und militärische Mobilmachung gegen die massenhafte Formierung von Regierungskritikern war der G8-Gipfel in Heiligendamm:

Tiefflieger über Demonstranten (rechtswidrig), willkürliche Verhaftung angeblicher Linksextremisten (rechtswidrig), grundlose Hausdurchsuchungen zur Einschüchterung potentieller Demonstranten (rechtswidrig), Konfiszierung mitgebrachter Körperpflegemittel als angeblich verbotene Gegenstände und Inhaftierung der Beschuldigten (rechtswidrig).

Die Polizisten trugen in Heiligendamm keine Blumen im Pistolenlauf. Die DDR-Polizei in Leipzig auch nicht. Funk schreibt:

“Es ging ja das Gerücht um, die Polizei habe Schießbefehl. Die Polizeioffiziere jedenfalls wurden für den Einsatz mit scharfer Munition ausgerüstet, die Wachposten in der Vopo-Bezirksdirektion bekamen Maschinenpistolen.”

Jeder bundesdeutsche Polizist läuft beim Einsatz mit aufmunitionierter Waffe durch die Gegend. Warum DDR-Polizisten — die im Tagesspiegel bis heute “Vopo” genannt werden; eine verschnarchte Abkürzung aus der Zeit des Kalten Kriegs, die in der DDR nie verwendet wurde — ausgerechnet in der Ausnahmesituation des Oktobers 1989 mit Platzpatronen antreten sollten, ist schleierhaft.

Der Faden läßt sich noch weiter spinnen: Trotz scharfer Munition wurde im Oktober 1989 kein Demonstrant von Polizisten angeschossen oder getötet. Dafür muß man die DDR-Polizei nicht unbedingt loben, man kann es aber erwähnen. Vor allem mit Blick auf die andere Seite:

Polizisten töten einen unbewaffneten Regensburger Studenten mit acht Schüssen, Polizisten erschießen einen unbewaffneten Straftäter in Brandenburg aus kurzer Distanz, Polizisten erschießen einen unbewaffneten Wanderer in seinem Hotelzimmer in Thüringen, Polizisten lassen einen an Händen und Füßen gefesselten Asylbewerber in einem Dessauer Revier verbrennen.

Die Brutalität, mit der bundesdeutsche Polizisten regelmäßig auf Demonstranten eindreschen, um sie krankenhausreif zu prügeln, ist ebenso bekannt wie der aus Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittem Reich übernommene Korpsgeist innerhalb der Justiz und unter Uniformträgern. Kaum ein Polizist wird je verurteilt, wenn er einen Demonstranten halbtot schlägt. Nur gegen den Demonstranten wird ermittelt, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Das ist bundesdeutscher Alltag, keine Extremsituation wie im Oktober 1989. Man kann sich ausmalen, was geschieht, wenn diese Polizisten, von Springer, Holtzbrinck und Bertelsmann-Spiegel aufgeputscht und durch Notstandsgesetze vor juristischer Verfolgung geschützt, gegen Massendemonstrationen von der Leine gelassen werden. Der Ruf “Keine Gewalt” wird im Blut ersaufen.

Weil die Bundesregierung nicht weltfremd handelt, sondern kühl analysiert, daß der Scheinfrieden mit dem eigenen Volk nicht ewig dauern kann, plant sie den innenpolitischen Totalumbau: Einsatz der Bundeswehr im Innern, Aufhebung der Trennung von Polizei und Verfassungsschutz, Abschaffung der parlamentarischen Kontrolle der Geheimdienste, lückenlose elektronische Überwachung der Bürger.

Dagegen waren die Leipziger SPW in den VP-Kasernen ein müdes Arschrunzeln. Und die Leichensäcke? Die legt sich auch die Bundesregierung auf Halde, um im Fall einer Katastrophe blitzschnell die Toten einzusammeln und Seuchen einzudämmen. Zum Beispiel, wenn demnächst das AKW Krümmel implodiert.

Zu Jankowski macht Funk übrigens keine Angaben. Wir liefern die Quelle nach:

Martin Jankowski: Der Tag, der Deutschland veränderte - 9. Oktober 1989. Essay. Erschienen in der Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasiunterlangen Nr. 7, Leipzig 2007.

Die Landesbeauftragten für die Stasiunterlangen sind immer und überall um eine objektive und vorurteilsfreie Aufklärung der Vorgänge in der DDR bemüht. Dafür kennt und schätzt man sie.

Ihre Autoren auch.

1 Kommentar ↓

#1 Michael am 07.11.09 um 14:04

Danke für den Beitrag, er ist gut.
Nun man kann von der DDR halten was man will, sie ist tod und damit auch Freiwild für jede Art von Umdeutung.
Eines aber stand damals Fest und steht es heute noch, das System DDR wie auch heute die BRD waren und sind vom Volk gewählte und autorisierte Systeme.
Gewählt und autorisiert von Volksmassen die quer durch alle Bildungsschichten dumm transformiert und so mit undemokratisch waren und auch noch sind.
So gesehen geht es also in Ordnung, mit dem was da in diesem Land nicht nur in Sachen Geschichtsschreibung geschieht, - weil selber Schuld.

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