Berufsempörer Carl Loyal & Freunde

Geschrieben von messitschbyburns am 03. August 2009 | Deutscher Irrsinn, Invalidenstraße, Reinhard Mohr, SO36


Dr. Carl Loyal muß mit den Rettungshubschraubern leben. Die Klage seiner Bürgerinitiative vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg ist vorerst gescheitert:

“Die Beschwerde der Antragsteller gegen den Beschluß des Verwaltungsgerichts Berlin vom 27. November 2008 wird zurückgewiesen. Die Kosten der Beschwerde einschließlich der außergerichtlichen Kosten des Beigeladenen tragen die Antragsteller.” (OVG 12 S 154.08, hier als pdf)

Dr. Carl Loyal reagiert wie erwartet:

“Bisher gab es nur das Eilverfahren, ein Urteil in der Hauptsache steht noch aus. Wir sind willens, bis zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zu gehen.”

Der Pawlowsche Reflex funktioniert. Lassen wir Carl Loyal weiter nach der Wurst schnappen und schauen uns derweil die vielen anderen Loyals an, die sich explosiv vermehren.

  • Prenzlauer Berg, Falkplatz: Nach Beschwerden einiger Anwohner will das Bezirksamt Pankow das Grillen auf dem Falkplatz wegen Lärm- und Geruchsbelästigungen verbieten.
  • Open-Air-Spielstätte vor der Volksbühne: Eine Anwohnerinitiative protestierte gegen die lauten Stimmen der Schauspieler. Das Problem hat sich inzwischen durch den planmäßigen Abbau der Spielstätte erledigt.
  • Kreuzberg, Admiralbrücke: Anwohner wollen gegen die als Partymeile beliebte Fußgängerzone klagen und die Brücke für den Verkehr wieder öffnen lassen.
  • Niederschöneweide, Ortsteil Oberspree: Eine Bürgerinitiative kämpft gegen die Eröffnung eines Heims der Bürgerhilfe Hebron GmbH, in dem Obdachlose, Suchtkranke, verwahrloste und von Räumung bedrohte Mieter und Haftentlassene betreut werden sollen.
  • Friedenau, Odenwaldstraße: Ein Nachbar erzwingt vor Gericht die Schließung der Kita “Milchzahn” wegen Lärmbelästigung (als vorgeschobener Grund wurde die Fehlnutzung einer Ladenwohnung als Kita moniert).
  • Freilichtbühne Weißensee: Weil sich Anwohner über den Lärm beschwerten, darf die Bühne nur an vier Abenden in der Woche genutzt werden.
  • Freilichtbühnen Wuhlheide, Waldbühne und Zitadelle: Nach Protesten von Anwohnern sind aus Lärmschutzgründen je Freilichtbühne nur noch 18 Veranstaltungen im Jahr erlaubt. Bei der Zitadelle hat sich exakt eine Anwohnerin beschwert, die jedoch nicht in unmittelbarer Nähe wohnt. Sie führt ihren Kampf weiter und will nun einzelne Konzerte verhindern.
  • Kreuzberg, SO36: Ein Mieter fühlt sich durch sein Küchenfenster hindurch vom Lärm des SO36 gestört. Bei Messungen überschritt der Lärm die erlaubte Grenze um weniger als fünf Dezibel. Trotzdem ordnete das Wirtschafts- und Ordnungsamt Kreuzberg die sofortige Lärmreduzierung an. In Konsequenz bedeutet das die Errichtung einer Schallschutzmauer für 80.000 Euro — oder die Schließung des SO36 nach 30 Jahren.

Und als Höhepunkt:

Reinhard Mohr fühlt sich in seiner Dachgeschoßwohnung am Kollwitzplatz vom Lärm umzingelt und beschimpft Berlin als Ballermann an der Spree, das zum Mallorca des Ostens verkommen würde.

Das ist wohl höhere Dialektik: Zuerst wüten bestverdienende Systemstützen wie Mohr jahrelang aus Hamburg gegen die selbsternannte, größenwahnsinnige und geldgierige Partyhauptstadt. Dann ziehen sie heimlich her, verjagen die Ureinwohner, okkupieren Cafés, Läden und Wohnungen — und werden grillig, wenn die gleiche westdeutsche Mischpoke aus den gleichen westdeutschen Sumpfgegenden als Touristenpulk die gleichen Cafés und Läden stürmt, begleitet von jenen lauten Stadtbilderklärern, Straßenmusikanten und Selbstdarstellern, die die Mohrs des deutschen Feuilletons eben noch so crazy, groovy und erfrischend fanden.

Früher war Mohr Teil der Partymeute. Jetzt fühlt er sich als Berliner und meldet seine Ansprüche an. Er reagiert wie ein Puritaner in Neuengland auf die späteren Amerika-Einwanderer: Der Kollwitzplatz ist sein ideelles Eigentum, sein Terrain, das täglich gekehrt, abends abgeschlossen und nachts von Doppelpatrouillen schwarzer Tellermützen vor amüsierwilligen Nachrückern aus der alten Heimat bewacht werden soll. Wer laut lacht oder hupt, wird notiert. So, wie es Mohr & Co. aus ihren kalten Dörfern kennen, wo sich die Nachbarn hinter blickdichten Hecken in Häusern verbunkern, die in ihrer Gleichförmigkeit aus aufgeklebten Fassadenplatten und arschglatten Terracottafußböden wie eine Aneinanderreihung von Kulissen für die Pornoindustrie wirken.

Wir warten noch auf eine Bürgerinitiative zur Einführung der Kehrwoche in Berlin, inklusive Kontrollgängen und Verwarnungen bei Verstößen. Dann ist die Verdämlichung der Hauptstadt auf Mohr’sches Niveau vollendet.

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