Die Blöden sterben niemals aus. Hier ist der Beweis:
Kai Biermann echauffierte sich fürchterlich über Amazon. Damit man Biermännchens Aufgeregtheit wirklich liest, tobte er sich auf drei Nachrichtenportalen gleichzeitig aus: Handelsblatt.com, ZEIT.de und Tagesspiegel.de. Der Text änderte sich nicht, nur die Überschriften wechselten: von “Amazons Feudalismus” (gähn) zu “Amazons digitale Bücherverbrennung” (lol). Gut, daß der gesamte Portalquark Holtzbrinck gehört, dem Hort deutscher Meinungsfreiheit. Das vereinfacht die multiple Verwertung.
Was ließ Biermanns Herzelein so heftig puckern?
In den USA verkauft Amazon das elektronische Lesegerät Kindle. Der Käufer kann elektronische Bücher, Zeitschriften und Zeitungen über das Netz eines Mobilfunkanbieters downloaden und auf Kindle lesen. Jeder Download wird extra bezahlt und durch ein beinhartes DRM gesichert. Kopien sind nicht möglich. Außerdem darf Amazon jedes heruntergeladene Dokument sperren, wenn sich der Kunde ungebührlich verhält. Amazon kann die Dokumente auch aus anderen Gründen sperren. Das weiß man, wenn man die AGB gelesen hat.
Biermann kennt die AGB. Trotzdem macht er sich zum Rumpelstilzchen. Mal so richtig aufregen, das bringt die Pumpe wieder in Schwung.
Denn Amazon löschte tatsächlich E-Books auf den Kindle. Weil jemand in der hauseigenen Lizenzabteilung im Büroschlaf schnorchelte, bot Amazon versehentlich Bücher zum Download an, ohne dafür die Rechte zu besitzen. Der Verlag bekam Wind von der Sache, stoppte die Rechtsverletzung, und Amazon radierte die Bücher von den Kindle seiner Kunden. Das geht ruckzuck.
Die Kunden bekamen eine Gutschrift — und Biermann einen Herzkasper.
Biermann sieht eine gewaltige Verschwörung. Denn nicht irgendwelche Bücher wurden gelöscht, sondern — Achtung, liebe Leser, schnallen Sie sich an! — Bücher von George Orwell! “1984″! “Animal Farm”! Das ist ein Zeichen!
Amazon hat nämlich ein ganz großes Ding am Laufen: Die totale Lese-Diktatur! Wenn SIE Orwell löschen, warum sollen SIE nicht andere Bücher löschen, die IHNEN mißfallen?
Biermann, setz deine Alumütze auf! SIE sind unter uns!
Zur Untermauerung seiner Sensation zitiert der uffjerechte Biermann eine Denkwarze namens Don Alphonso:
“Kein dreckiger Diktator, Staatsverbrecher und reaktionärer Politiker von Peking über Pjöngjang bis Rom, dem so etwas nicht gefallen würde: Gäbe es keine Bibliotheken mehr, sondern nur noch Kindles, könnte man dem Buchhändler einfach juristisch Druck machen: Ein Knopfdruck, und schon wäre jedes missliebige Werk weg.”
Und ein sauberer Diktator, der sich täglich viermal die Hände wäscht? Oder wäre dreimal genug?
Die beiden Schlunzplunsen kann man nicht ernst nehmen. Sie bauen einen lächerlichen Popanz auf. Amazon als bitterböses Unternehmen, das die Kunden ganz doll knechtet:
“Ihnen gehöre zwar der Kindle, nicht aber die Bücher darauf: ‘Die Inhalte, die Texte jedoch werden ihm (dem Leser) nur gegen Abgaben zur Verfügung gestellt, wie das Land den abhängigen Bauern nur geliehen wurde. Es ist das zutiefst mittelalterliche Konzept der ‘Lehen’, der Verleihung von Gütern für Gegenleistung und Unterwerfung, die jederzeit und ohne Angabe von Gründen widerrufen werden kann.’”
Muahahahahaha :)
Man will einfach nicht glauben, daß es im Jahr 2009 immer noch Menschen gibt, die meinen, Amazon verkaufe digitale Inhalte für sein Lesegerät. Kindle ist nichts weiter als eine elektronische Leihbücherei. Man zahlt die Ausleihgebühr und darf lesen. Der einzige Unterschied zur traditionellen Bücherei besteht darin, daß Amazon bestimmen kann, ob und wann dem Leser die E-Books wieder entzogen werden.
Wer sich damit anzufreunden vermag, dem steht es frei, die AGB zu akzeptieren und Kindle zu kaufen. Wer nicht, läßt die Finger davon. Das ist Kapitalismus.
Mal angenommen, Jeff Bezos wäre der Guru der Pastafarianisten und wollte die Religion des Fliegenden Spaghettimonsters (FSM) verbreiten. Er hätte die Macht, auf allen Kindle alle E-Books zu löschen, deren Autoren am FSM zweifeln. Er könnte auch sein Sortiment bereinigen und alle gedruckten Bücher rauswerfen, die sich über das FSM lustig machen. Ebenso wäre er in der Lage, nur noch Produkte zu verkaufen, auf denen ein FSM-Sticker klebt.
Das alles könnte er tun — wenn er seinen Laden ruinieren wollte. Aber Bezos möchte Geld verdienen. Er wird sich hüten, den Teufel mit dem Spaghettimonster auszutreiben. Er will an beiden profitieren (und an Jesus und Ron Hubbard). Auch an George Orwell. Dessen gedruckte Bücher werden nach wie vor verkauft: Animal Farm and 1984 (Hardcover), $15,29, sofort lieferbar.
Warum sollte Amazon also an einer diktatorischen Säuberung gelegen sein? Weil die CIA diskret darum bittet? Das macht sie längst. Nicht jedes Buch wird bei Amazon verkauft (oder in deutschen Buchläden).
Schnarchhirn Alphonso publiziert sein VT-Gelulle in der FAZ. In jener Zeitung also, die rabiat bis zum Exzess reagiert, wenn angebliche oder tatsächliche Verlagsrechte verletzt werden. Nicht anders als Amazon. Der eine darf, der andere nicht? Wie lächerlich will er sich denn noch machen, Alphonso?
Der allergrößte Witz jedoch besteht darin, daß Amazons Löschung ein alter Hut ist. 2008 schaltete zuerst Sony seinen DRM-Server für den Connect-Online-Musikshop ab, im gleichen Jahr folgte Microsoft mit der Abschaltung des DRM-Systems Playsforsure. Beide Systeme wurden als legale Quelle zum Kauf von Musik gepriesen. Der Kunde bezahlte und erhielt dafür das Recht — hör zu, Biermännchen! –, die Songs zu hören, so oft er will, aber NICHT, sie zu besitzen oder zu kopieren. Nach dem Aus beider DRM-Systeme waren die Songs futsch — und das Geld auch.
Sah jemand Biermann vor den Zentralen der Sony- und Microsoft-Verschwörer, um zu protestieren?
Und hat sich das Biermännchen jemals über die offizielle deutsche Zensur erregt? Oder sind ihm BPjM, FSK und USK keine Begriffe? Holtzbrinck weiß eben, wie man seinen Schreibknechten Grenzen setzt.
Übrigens kann jedes gedruckte Buch zurückgerufen und vernichtet werden, auch aus Bibliotheken. Maxim Biller kennt sich aus. Nur Privathaushalte bleiben vom Rückruf verschont, aus Gründen des logistischen Aufwandes.
Ob sich Biermann umbringt, wenn er das erfährt?
Doch das alles ist nur Vorgeplänkel, liebe Leser. Biermanns zittrige Empörung bündelt sich in einem Satz. Geschrieben hat diesen Satz Don Alphonso. Biermann zitiert ihn nur:
“Bücherverbrennungen sind ein Witz gegen das, was Amazon zu tun in der Lage ist.”
Hallo Fladenhirn! Kann denn ein einzelner Mensch wirklich so bescheuert sein und einen Lizenzierungsfehler von Amazon mit Bücherverbrennungen gleichsetzen?
Die Frage war rhetorisch. Don Alphonso ist so blöde.
2 Kommentare ↓
Komisch, von Don Alphonso hab ich auch schon kluge Sachen gelesen… Nun ja, niemand ist perfekt. :-)
[…] Wer Bücher löscht, verbrennt auch Bücher. Oder so. Messitsch by Burns - PeopleRank: 4 - 21.07.2009 …Kai Biermann echauffierte sich fürchterlich über Amazon. Damit man Biermännchens Aufgeregtheit wirklich liest, tobte er sich auf drei Nachrichtenportalen gleichzeitig aus: Handelsblatt.com, ZEIT.de und Tagesspiegel.de. Der Text änderte sich nicht,… + voten […]
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