Schön, daß Sie uns so früh besuchen, Madame, wir haben heute eine Menge vor. Ihre Tasse bitte danke Kaffee Milch umrühren fertig und los.
Kennen Sie diesen Werbespot?

(Hier klicken)
Er ist von Vodafone, genauer, von Scholz & Friends, einer Werbeagentur, die diesen Spot als Teil einer Image-Kampagne für Vodafone produzierte. Angeblich soll Vodafone 200 Millionen Euro bis Ende des Jahres verballern, davon 50 Millionen in diesem Quartal. Das Image scheint ziemlich lädiert zu sein.
Der Spot wird zur Zeit heftig diskutiert. Auch in der Presse, vor allem aber in Blogs. Eigentlich wollten wir das Vodafone-Fiasko — denn zu nichts anderem als zu einem Fiasko, Desaster, Fehlgriff, Mißerfolg oder wie auch immer Sie es nennen wollen, hat sich dieser Spot entwickelt –, eigentlich wollten wir also dieses Fiasko schweigend genießen.
Dann lasen wir eine mit Halb- und Viertelwahrheiten gespickte Peinlichkeit von Marin Majica und dachten: Bingo. Majicas Hohelied auf Sascha Lobo ist so bekloppt, das können wir Ihnen unmöglich vorenthalten. Sascha wer? fragen Sie? Geduld, Madame, Sie werden es erfahren.
Erinnern Sie sich noch an Majica, den Nazi-Jäger? Nein? Warten Sie, auch diesen Murks werden wir Ihnen ins Gedächtnis rufen.
Lassen Sie uns beginnen. Vorhang auf für den ersten Akt:
Vodafone macht Werbung
Was fällt Ihnen sofort auf, wenn Sie den Spot sehen? Vielleicht die Musik? Die ist nicht so ungewöhnlich, wie man glauben könnte. “Heroes” wird oft in der Werbung eingesetzt. Daß der Song nicht von David Bowie, sondern einer Handvoll Dilettanten gesungen wird, ist auch kein Problem.
Zur Farce wird die Songauswahl durch den Text. Bowie beschreibt ein Berliner Liebespaar zu Mauerzeiten. Die beiden werden niemals Helden sein, sie träumen nur davon: “We can be Heroes, just for one day”. Bowie ironisiert ihre Ausweglosigkeit schon im Titel. Auf dem Plattencover steht nicht Heroes, sondern “Heroes”. Helden in Anführungszeichen, just for one day.
Was, Madame, will uns Vodafone damit sagen? Wir haben Arcor geschluckt, sind kein öder Handy-Dealer mehr, sondern ein schnieker Festnetzanbieter und Internetprovider, aber träumt ruhig weiter von fairen Tarifen? Von einer Flatrate, die nicht auf fünf Gigabyte im Monat beschränkt ist und bei Überschreitung gedrosselt wird? Kommt zu Vodafone, ihr proaktiven Uploader, vergeßt euer bescheidenes Dasein als unterbezahlte Praktikanten, unterschreibt unsere Verträge und fühlt euch wie Helden, just for one day?
Wir wissen es nicht. Und wir glauben, Scholz & Friends und Vodafone wissen es auch nicht. Bowie geht immer, “Heroes” kennt man, fertig ist der Lack. Eine Botschaft kann man sich schenken.
Denn Vodafone bewirbt keine Produkte oder Tarife. Der Konzern möchte sich bei einer ganz bestimmte Zielgruppe einschleimen, der sogenannten Generation Upload. Also bei jenem Teil der legendenumwobenen Community, der das Internet mit Inhalten füllt, mit Blogs, Fotos oder eigener Musik. Diese Leute sollen sagen: Wow, was für eine schnafte Firma ist doch Vodafone! Nix wie hin und Content upgeloadet, bis die Leitung glüht!
Andererseits, Madame, ist diese Zielgruppe sehr überschaubar. 43,5 Millionen erwachsene Deutsche nutzen das Internet. Etwa vier Millionen von ihnen betreiben ein Blog, davon ca. 800.000 als aktive Blogger, die ihr Blog regelmäßig aktualisieren. Das sind 1,83 Prozent der deutschen Internetnutzer.
Noch trüber sieht es bei den Twitterern aus, der hippen Speerspitze der Uploader. In Deutschland gibt es 125.000 Twitter-Accounts. 105.000 Twitterer gelten als aktiv, der Rest dämmert als Karteileiche.
Trinken wir einen Schlückchen Rondo und überlegen dabei, ob es nicht sinnvoller sei, jedem der 905.000 aktiven Blogger und Twitterer 55.248 Euro in die Hand zu drücken. Dann wäre der 50-Millionen-Euro-Etat auch verbraten, aber ohne Streuverluste, und die Binnenkonjunktur würde anziehen. Vielleicht auch nicht, wer weiß.
Jedenfalls grübelten die kreativen Köpfe bei Scholz & Friends, wenn man für den Spot filmen solle. Beckenbauer ist bekannt, fällt aber als Internetter aus. Jauch kennt man auch, doch er hat sich bei Pro Reli verbrannt. Veronica Ferres? Kennt auch jeder, zumindest ihre, äh, Sie wissen schon, Madame. Ferres darf aber seit der verlorenen Klage gegen die Zeitschrift Park Avenue als “Schauspielerin zwischen Gutmenschen-Sucht und Geltungsdrang” bezeichnet werden — nicht wirklich vorteilhaft für eine potentielle Sympathieträgerin.
Nein, Madame, die Werber hatten eine ganz andere Idee. Sie fragten die bekanntesten Blogger Deutschlands, ob sie bereit wären, im Spot aufzutreten.
Kennen Sie einen deutschen Spitzenblogger? Überlegen Sie in Ruhe, wir holen frischen Kaffee …
… und sind schon zurück. Übrigens, Madame, was wir Sie fragen wollten: Haben Sie die Aufregung über künstliche Lebensmittel verfolgt? Mußten Sie auch so herzhaft lachen wir wir? Ein bißchen Chemie im Joghurt, pah! Wer den Kaffee-Mix überlebt hat, den wirft nichts mehr um. Ein Schlückchen Sahne? Keine Angst, wir wollen nicht darüber diskutieren, warum die Sahne so lange frisch bleibt.
Ist Ihnen ein Promi-Blogger eingefallen? Trösten Sie sich. Niemand kennt Blogger mit Namen und Gesicht. Es mag einen winzigen Zirkel von Leuten geben, die sich auf selbstreferentiellen Kongressen gegenseitig die Wangen tätscheln — aber sonst? Genau so gut könnte man nach bundesweit bekannten Kegelbrüdern oder Nordic Walkern fragen. Kennt keiner. Wozu auch? Die Kegler kegeln, die Walker laufen und die Blogger bloggen.
Vodafone wollte aber mitten in die Zielgruppe hinein. Testimonials aus der emphatisch Blogosphäre genannten Welt der Content-Lieferanten mußten es sein, wegen Credibility und Akzeptanz und so. Scholz & Friends kannten jemand, der jemand kannte, und der sagte: Schnappt euch diese drei Mietgesichter:

Sascha Lobo (rote Haare) und Don Alphonso (mit Brille) …

… und eine gewisse Ute Hamelmann, die sich Schnutinger nennt. Das klingt infantil, paßt aber zu den grenzdebilen Bildchen, die Schnutinger malt, wie Diddlmaus zu Hamelmann.
Lobo ist 34, trägt Bierbauch, Pornoschnauz und aufgeklebten Iro.1 Klicken Sie den Spot zurück, Madame, bis zu der Stelle, an der Lobo seine vier Worte nuschelt: We can beat them. Haben Sie das schauderhafte th gehört? Und jetzt sehen Sie sich das Foto an. So sieht Lobo aus, wenn er th spricht: Wie känn biet tzzäm. Ein Weltmann, nicht wahr? Lachen Sie ruhig, es wird noch lustiger.
Alphons sitzt in der Gegend herum und spielt mal wieder keine Rolle. Aber schauen Sie auf Schnutinger. Neben ihr liegt ein Baby. Ist das nicht süß? Schnutinger hat tatsächlich vor fünf Monaten entbunden. Sie nennt ihr Kind Babysöhnchen — wie gesagt, grenzdebil — und legt es ins Gras, mit dem Kopf neben den heißen Lüfter, direkt in die WLAN-Strahlung. Und singt: You will be queen. Zum Söhnchen. Vielleicht meint sie auch: You will be queer.
Nein, stopp, alles falsch. Schnutinger sagt, daß Baby im Spot wäre geliehen, von Scholz & Friends oder so. Ihr eigenes Kind — pardon, ihr eigenes Babysöhnchen — schlummerte daheim, in der Obhut des kunst- und architekturinteressierten Papas. Entwarnung also. Was geht Schnutinger ein fremdes Baby an.
Pause. Ein Tässchen Rondo und einen Keks zur Stärkung? Selbstgebackene Kekse, Madame, das bitten wir zu beachten. Nach einem Geheimrezept von Schnutinger. Babykekse mit butzibutzi süssisüssi Grinsebäckchen. Nein, war nur ein Spaß. Das Rezept steht im Backbuch aus dem Verlag für die Frau.
Weiter geht’s. Vorhang auf zum zweiten Akt:
Vodafone geht baden
Die umschmeichelte Zielgruppe glotzte fünf Minuten konsterniert, berappelte sich, lachte sich scheckig und ließ eine Sturzflut bitterböser Kommentare in die Foren prasseln. Vodafone und Scholz & Friends hatten sich schwer vergaloppiert.
Die drei Blogger sind überhaupt nicht bekannt. Auch Lobo nicht. Fragen Sie in Ihrem Freundeskreis, Madame, wer Lobo kennt. Fragen Sie Ihre Eltern — im Spot wird eine ältere Dame gezeigt, also scheint es auch eine fitte Rentnergeneration Upload zu geben, die mit Lobo angesprochen werden soll — oder Ihre Kollegen. Niemand wird Ihnen sagen: Den kenne ich!
Dabei saß Lobo schon mal in einer Talkshow, im Gegensatz zu seinen Mitwerbern. Die kennt erst recht keiner. Aber deren Unbekanntheit war nicht die Ursache für die harschen Reaktionen.
Wir zeigen Ihnen, wie kreativ die Zielgruppe mit dem Spot umging:
Ein Plakat im Original …

… und mit neuem Text:

Das Vodafone-Logo, von einem Kritiker angepaßt:

Ein umgeschnittener Spot, in dem die Happy Vodafone People mit Szenen aus dem Film 1984 konfrontiert werden:

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Diese nicht enden wollende Lawine der Kritik, die keineswegs von ein paar notorischen Nörglern oder futterneidischen Habenichtsen losgetreten wurde, die auch mal mit ihrem Gesicht im Fernsehen werben möchten, sondern die sich von allen Seiten, von hunderten Bloggern und Kommentatoren und auch einigen Printmedien über die Beteiligten ergoß, überanspruchte das Nervengewebe von Schnutinger. Sie erklärte nach einer (!) schlaflosen Nacht auf ihrer Website melodramatisch den Rückzug. Nicht von Vodafone, denn dann müßte sie ihr Smartphone abgeben, ihre Prämie für den Spot, sondern vom Bloggen. We can be Heroes, just for one day.
Gönnen wir uns eine letzte Pause. Der Kaffee ist warm, die Kekse sind frisch und mit guter Butter gebacken. Ob es auch Menschen gibt, die Kekse mit schlechter Butter backen? Oder warum sagt man gute Butter? Merkwürdig.
Der zweite Akt war kurz, aber der dritte ist um so länger. Vorhang auf:
Majica verstolpert sich im Web 2.0
Der Schmollwinkel, in den sich Schnutinger verzogen hat, brachte Majica auf die Palme. Er zürnte über einen imaginären Mob, der das Sensibelchen zu hart angepackt hätte. Ach du meine Nase, würde Pitti sagen. Von Majica ist man zwar allerblödesten Dummschwatz gewöhnt, aber hier muß er eine ganze Menge Fakten verbiegen, um seiner Beschränktheit die gewünschte Richtung zu verleihen: Gegen Blogger und das böse böse Netz.
Wir zitieren ein paar Sätze. Sie werden gleich sehen, wie die Methode Majica funktioniert:
“Ute Hamelmann hatte die Kritik insbesondere deshalb auf sich gezogen, weil sie in einem Gastbeitrag auf der Internetseite des Konzerns ein Mobiltelefon erwähnte, das Vodafone im Rahmen der Kampagne ihr, Sascha Lobo und anderen Protagonisten der Aktion zur freien Verfügung überlassen hat.”
Das eingeschnappte Schnutinger sah sich verpflichtet, im Kampagnen-Blog, den Vodafone anlegte, ein paar warme Worte über das Smartphone zu sagen, mit dem Vodafone gegen Apples iPhone antritt. Schnutinger nannte sich in diesem Blog Twittermom — grenzdebil, in der Tat – und schrieb:
“Seit drei Monaten habe ich ein neues Handy, das HTC Magic mit Internetanschluss. Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran, das ist äußerst praktisch. Mein altes Handy hatte viel zu viele Knöpfe. Zu viele Knöpfe sind nicht gut, da gibt es für mich zu viele Möglichkeiten, versehentlich an ein Knöpfchen zu kommen. Mit dem neuen Handy geht das alles zum Glück leichter, ich erwische immer das richtige Knöpfchen und ich kann die Fotos sogar direkt auf die Plattform Flickr ins Internet hochladen und in mein Blog stellen. So geht mir nichts mehr verloren und meine Handyrechnung beschert mir seitdem auch keine böse Überraschung mehr.”
Danke, daß Sie die Tasse vor dem Lachanfall auf den Tisch stellten. Es ist aber auch zu herrlich. Dieses Deutsch! Diese Werbeprosa! Ob von Schnutinger selbst gedichtet oder von Scholz & Friends mit dem Worthülsengenerator generiert, ist egal. Schnutingers Name steht darüber, neben einem Foto, auf dem sie mit ihrem Kind posiert. Über diesen Umweg zerrt sie schließlich doch den fünf Monate alten Sohn in die Vodafone-Kampagne. Dazu schweigt Majica.
Auf Schnutingers dummdreisten Werbetext hagelte es 211 Kommentare. Den Tenor können Sie sich denken, Madame. “Negatives Feedback” wäre milde ausgedrückt. Die Community läßt sich nicht für blöd verkaufen.
Majica zitiert aus Schnutingers Abschiedsmelodram und läßt seine Leser glauben, das wäre wirklich ihr tränenreich inszenierter Ausstieg aus der Bloggerszene. Das war er aber nicht. Schnutinger schrieb drei Tage zuvor, am 17. Juli 2009, eine andere Time to say goodbye-Arie. Noch länger, noch peinlicher, noch weinerlicher. Die hat sie gelöscht, aber das Netz vergißt nichts.
Die Community liest Schnutingers Schmonzetten gründlich, viel gründlicher als Majica. Sie übersieht auch nicht diese Sätze: “Seit drei Monaten habe ich ein neues Handy … ich kann die Fotos sogar direkt auf die Plattform Flickr ins Internet hochladen.”
Bei Flickr gibt es drei Alben von Schnutinger. Eines ist vom 8. Januar 2006, das zweite vom 16. Januar 2008, das dritte aus der Zeit zwischen 23. Mai und 3. Juni 2009 — der Drehzeit des Werbespots. Schnutinger fotografierte die Dreharbeiten, hielt eine Flasche Bier mit dem Etikett in die Kamera und schrieb so oft wie möglich das Wort “Vodafone”.
Diese Fotos dürften Teil ihres Deals mit Vodafone gewesen sein. Private Bilder gibt es nämlich nicht. Seit 51 Tagen ist Ruhe auf Flickr, trotz supertollem Smartphone, mit dem Schnutinger die Fotos direkt hochladen kann. Majica hat’s nicht gemerkt.
Aber Schnutinger ist nur ein kleines Lämpchen, das beim ersten Windhauch zerbarst. Viel mehr Spott und Häme wurden Lobo spendiert. Ja, Häme, Madame, und nicht zu knapp. Vor allem: nicht ohne Grund.
“Lobo schreibt Bücher, tritt bei Tagungen und Kongressen auf, sitzt als Internet-Experte in Talkshows und berät die SPD in Sachen Neue Medien. Auf dem Sender Arte war er am Wochenende als ‘Loboist’ im Kampf für freies W-Lan für alle zu sehen.”
So faßt Majica das Leben seines Helden zusammen. Darf ich Ihnen den letzten Kaffee einschenken? Wir müssen hier ausführlicher werden. Da ist es gut, zwischendurch einen Schluck zu trinken.
Fangen wir mit dem Ende an: Der Film Der Loboist, ein unlustiges, unkritisches Anschleimen Lobos an Lobbyisten — man sieht Lobo in jeder Minute an, daß er gern einer von ihnen wäre, und man spürt den Abscheu echter Lobbyisten vor diesem Schmalspurkasper — ist ein alter Schinken von 2008, der still versendet wurde, mit Lobo im Oberholz, auf dem Alex und beim Schnittchenempfang.
Dann wird es wirklich interessant, Madame: “Lobo berät die SPD in Sachen Neue Medien.” Das stimmt — und an dieser Stelle wird Majica zum Fälscher. Er fälscht durch Unterschlagung.
Majica verschweigt, in welchem Gremium Lobo sitzt. Lobo ist Mitglied des Online-Beirates der SPD. Bis vor kurzem engagierte sich Lobo gegen die Netz-Zensur Ursula von der Leyens. Als die SPD dem Zensurgesetz zustimmte, ließ er aus Protest seine Mitgliedschaft im Beirat ruhen.
Wir können den Zeitpunkt, an dem Lobos Protest endete, exakt benennen, Madame. Es war der Tag, an dem er den Vertrag bei Vodafone unterschrieb.
Denn Vodafone ist eine üble Zensurbude. Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber man kann es nicht anders sagen. Am 17. April 2009, lange vor der Zensurgesetzgebung, unterschrieb Vodafone freiwillig und ohne Zwang die Zensurdirektive von der Leyens, zusammen mit Telekom, Alice/HanseNet, Kabel Deutschland und Telefónica O2.
Ein Kunde, der bei Vodafone nach dem Grund für den vorauseilenden Gehorsam fragte, erhielt zur Antwort:
“Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass der Zensur von Internetseiten auch zu Ihrer Sicherheit zugestimmt wurde.”
Verstehen Sie jetzt, Madame, warum die Wut über einem Schmierlapp wie Lobo zusammenschlägt, der sich von diesen Zensurknechten bezahlen und mit einem Beratervertrag für Vodafone geschmeidig machen läßt?
Majica denkt nicht daran, auf die Zensurproblematik und Lobos Koofmich-Attitüde einzugehen. Für ihn sind die Vodafone-Kritiker Teil eines Mobs. Vielleicht, weil Majica die Onlinezensur knorke findet.
Majica verschweigt noch mehr. Vor Vodafone prahlte Lobo mit seinen vier iPhones und zwei Telekom-Verträgen. Die iPhones werden in Deutschland nur von der Telekom vertrieben. Das Smartphone von Vodafone will diesen Markt knacken. Sagen Sie selbst, Madame: Wie glaubwürdig ist jemand, der sich eben noch mit vier schicken iPhones sonnte und über Nacht zum Marktschreier für die iPhone-Konkurrenz mutierte? Nicht sehr glaubwürdig, oder?
Haben Sie bei Majica über Lobos Frontwechsel gelesen? Natürlich nicht, entschuldigen Sie die Frage.
Können Sie jetzt nachvollziehen, warum Lobo als glitschiges Charakterschwein verrufen ist? Nicht, daß das vorher anders gewesen wäre. Aber bisher gab es keinen Anlaß, sich mit einem — pardon — Zweihandwichser wie Lobo zu befassen. Erst nach seinem demonstrativen Kuscheln mit den Freunden der Zensur hat sich die Situation geändert. Jetzt wird ihm die Abscheu offen ins Gesicht geschleudert.
Der beklemmende Spot mit den Filmszenen aus 1984 ist nur mit dem Wissen um Vodafones Anbiedern an von der Leyens Zensurwahn zu verstehen. Majica unterschlägt dieses Kapitel vollständig. Er beugt die Wahrheit.
Sie möchten wissen, ob Schnutinger auch als Gegnerin der Onlinezensur aktiv war, bevor sie sich an Vodafone verkaufte? Nein, war sie nicht. Angeblich hatte sie nicht viel von der Zensurdebatte mitbekommen. Oh, lassen Sie bitte die Tasse ganz, Madame. Ja, das ist die blödeste Ausrede des Jahres. Da kann man vor Lachen vom Stuhl fallen.
Schnutinger schreibt wörtlich:
“Natürlich habe ich von den Netzsperren gehört, allerdings nicht en detail […] Muss ich jetzt auch noch meinen Senf dazu geben? […] Nein, muss ich nicht! Ich muss ja auch nicht meine Meinung zu EU-Verordnung von Nudelimporten abgeben, weil ich Nudeln esse.”
Hihi … Sie kommen gar nicht mehr aus dem Lachen heraus, Madame … geht’s wieder?
Wer Netzsperren mit Nudelimporten vergleicht ist — ja, was? Strunzdumm, sackdämlich, hirnamputiert? Oder einfach nur vertragstreu? Denn Vodafone wird mit großem Wohlgefallen gelesen haben, daß sich die Werbemutti nicht gegen Netzsperren positioniert.
Majica schweigt auch darüber. Dafür klärt er uns über Blogger auf:
“Blogger sind gegen die ‘Holzmedien’ wie Zeitungen und Magazine, die viel zu spät und falsch berichten.”
Der erste Teil ist Nonsens — Blogger sind nicht gegen Zeitungen –, der zweite Teil stimmt. Daß in Zeitungen tatsächlich falsch berichtet wird, hat Majica wunderbar demonstriert. Präziser kann man sich nicht enthaupten.
Selbstredend versucht Vodafone, den Widerstand der Zielgruppe als Erfolg zu verkaufen. Sie kennen ja den Spruch, Madame: Any press is good press. Das wäre tatsächlich so, wenn sich die Front der Ablehnung sanft drehen ließe, oder wenn die Community die Motive zu witzigen Bildchen verfremden würde. Aber nichts dergleichen geschieht. Der Rohrkrepierer von Scholz & Friends weitet sich für Vodafone zum dauerhaften Imageverlust aus.
Plötzlich auftauchende Diskussionsteilnehmer, die sich bei SPON anmelden und Vodafone loben, werden einfach ausgelacht. Nicht mal mit markigen Sprüche wie “Erinnert mich an Judenverfolgung light” können die hilflosen Fußtruppen punkten. Man riecht förmlich, woher sie kommen und wer sie bezahlt.
Pressesprecherin Carmen Hillebrand umschrieb die Pleite so:
“500 meist kritische Kommentare und unzählige Verlinkungen in anderen Blogs zeigen, wir haben mit der neuen Marken- und Werbekampagne eine breite öffentliche Diskussion im Netz gestartet […] Dass Themen dabei auch kontrovers diskutiert werden, dass es unterschiedliche Positionen und Bewertungen gibt, macht ja eine freie Gesellschaft aus. Auch wenn Lob immer schöner ist, gehört natürlich auch Kritik dazu […] Wir haben in dieser Woche insbesondere eines gemacht: zugehört.”
Erfolg hört sich anders an. Auch darüber schweigt sich Majica aus.
Wir wollten Ihnen noch verraten, woher Sie Majica kennen. Majica phantasierte sich im September 2008 in ein dreifältiges Delirium aus Rammstein, Sportpalast und Nazis. Erinnern Sie sich? Genau dieser Majica ist es, der sich hier zum Knallbonbon macht und Kritiker der Vodafone-Kampagne als “hemmungslosen Mob” bezeichnet. Echt süß, dieser kleine knuddlige Schneckerich.
Der Kaffee ist alle, wir müssen aufbrechen. Eine lange Reise steht uns bevor, mit der S-Bahn nach Brandenburg. Mit welcher S-Bahn, wissen wir noch nicht. Nehmen Sie zum Abschied diese CD, Madame. Es ist die “Heroes”, natürlich. Nicht Bowies beste, aber in Deutschland eine seiner bekanntesten Platten, dank Christiane F. Behalten Sie die CD, solange Sie möchten, und singen Sie mit uns Beauty And The Beast: “MY-MY, you can’t say no to The Beauty and the Beast …”
Paßt doch perfekt, oder?
- Daß der Iro nicht echt ist, vermutet Frau Buschheuer, und wir müssen nach Ansicht diverser Fotos sagen: Die Frau könnte durchaus recht haben. [↩]
4 Kommentare ↓
Großes Lob mal wieder!
Ich schätze deine “Madame”-Serie sowieso. Stilistisch sehr nett gemacht.
Aber jetzt mal im Ernst: Du und die Madame, ihr trinkt doch nicht nur Kaffee zusammen, oder?
Das darf ich nicht laut sagen :)
Kannst es ja leise schreiben. :-)
Ist aber auch nicht nötig, die Antwort reicht. Grüß’ die Madame und meine Kinder!
Sehr gelungen;),.bin gerade beim Recherchieren für einen Vortrag hierhin gekommen.Einfach super und sehr amüsant!
Mein Kommentar: