So sanft, so smart, so schön

Geschrieben von messitschbyburns am 15. Oktober 2009 | Hellsongs


Hellsongs
“Pieces of Lounge, a glimpse of Metal”-Tour 2009
11. Oktober 2009
Berlin, Magnet Club

“Generals gathered in their masses, just like witches at black masses”, singt Siri Bergnéhr mit rauchzarter Stimme.

Erkennen Sie den Song?

“Evil minds that plot destruction, sorcerers of death’s construction”, singt Siri Bergnéhr weiter. Und später: “No more war pigs have the power, hand of God has struck the hour”.

Jetzt?

War Pigs, natürlich. Eine der größten, endgültigsten Kompositionen des Heavy Metal. Erfunden von Black Sabbath, einer der größten, endgültigsten Bands des Universums. Im Magnet Club von den schwedischen Romantikern Hellsongs als zärtlich-versponnener, kitschfreier Lounge Metal gehäkelt.

Siri Bergnéhr tanzt im goldenen Glitzerkleidchen über die Bühne. Das Kleid ist mit hunderten Pailletten bestickt, die wie kleine Sonnen funkeln. Sie singt und springt und schüttelt sich, sie lacht und strahlt, sie schlägt das Tambourin oder spielt die Mundharmonika und stößt bei Black Sabbath beide Arme in die Luft; die typische Pose von Ozzy Osbourne, nur mit goldenem Kleid. Eine fröhliche Sternschnuppe, die 75 Minuten lang die finstersten Winkel des Heavy Metal in pillenbunte Farben taucht.

Rechts neben ihr zappelt Kalle Karlsson. Er spielt Akustik-Gitarre und ist Sonnenschein Part II., ein blonder Gute-Laune-Junge mit angeborenen Entertainer-Qualitäten. Kalle Karlsson unterhielt das Publikum zwischen den Songs intensiver und ausgelassener als alle Bands zusammen, die wir in diesem Jahr sahen. Jedes Lied wird von ihm (oder Siri) fluffig angesagt, auf Deutsch mit einem hinreißenden schwedischen Akzent, und jeder dritte Song ist für ihn Anlaß, das Publikum charmant daran zu erinnern, daß man mit den Fingern schnipsen, den Händen klatschen, dem Mund singen und dem Feuerzeug leuchten kann.

Links neben Siri steht Christopher Ek am E-Piano. Christopher ist kein Bandmitglied; er vertritt den anderweitig beschäftigten Johan Bringhed im zweiten Teil der Tour. Wie Johan Bringhed, der nach wie vor zur Band gehört, ist auch Christopher Ek der Hellsongs-Ruhepol. Er singt selten, ist einfach da und tupft seine samtenen Akkorde in die bösen Lieder.

Mehr nicht. Kein Bass, kein Schlagzeug. Beinahe unplugged.

Hellsongs tourten seit 2008 mehrmals durch Deutschland. Ihre Fans danken es ihnen mit Ovationen ohne Ende. Die Stimmung auf einem Hellsongs-Konzert ist Geburtstagsparty plus Kuschelpärchen plus Metalheads. Denn erstaunlicherweise wagen sich auch Hardcore-Metal-Banger zu Hellsongs, was die These zu widerlegen scheint, Metalfans hätten keinen Humor (zumindest in diesem Fall; der bescheidene Erfolg von GWAR in Deutschland würde die These der Humorlosigkeit eher bestätigen, andererseits sind reine Comicbands wie KISS und Rammstein hierzulande erfolgreich — eine verzwickte Angelegenheit).

In gewisser Weise sind die Experten aus der Metalszene die Würze des Konzerts. Erkennen sie ihre Lieblinge, gröhlen sie begeistert und mit allertiefster Stimme “Accept!” oder “Thunder!” Siri Bergnéhr lacht und winkt ihnen zu, und dann reicht sie einem Growler das Mikro, auf das er den Lounge Metal ein paar Takte lang mit seinem urwüchsigen Gegrunze bereichere.

Erstaunlich, wie schnell das Publikum die extrem gekneteten Metal-Hymnen erkennt und feiert. Hellsongs scheinen selbst kleine Klassiker geschaffen zu haben, Lieblinge des Publikums, die mit großem Jubel nach den ersten Akkorden beklatscht und deren Refrains beseelt mitgesungen werden: “Run to the hills, run for your lives”. Wir geben zu, ohne uns zu schämen: Da rollte uns die Gänsehaut den Rücken hoch und runter. Bei Iron Maiden hätten wir nur schallend gelacht.

Die CD Hymns In The Key Of 666 wurde — auch von uns — wie Manna für die Massen gefeiert und ist inzwischen nicht mehr lieferbar. Bei amazon.de verhökert man sie als Spekulationsobjekt, für 34,34 Euro (gebraucht), 40,40 Euro (neu) oder 86,84 Euro (Import). Für manche Händler sollte man den mittelalterlichen Strafkatalog reaktivieren.

Inzwischen gibt es eine neue EP im bewährten Sound:

Hellsongs
“Pieces of Heaven, a Glimpse of Hell”
(p) 2009, Lovely Records

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In einem Statement erklären Hellsongs, was es mit der EP auf sich hat. Bevor Harriet Ohlsson die Band Ende 2008 verließ, nahm sie fünf Songs für die neue CD auf. Weil Hellsongs aber keine CD mit zwei Sängerinnen produzieren wollten, entschieden sie sich, die fünf Ohlsson-Songs als hello/goodbye release zu veröffentlichen — hello Siri, goodbye Harriet:

  • Black Sabbath: War Pigs
  • Iron Maiden: The Evil That Men Do
  • Accept: Losers & Winners
  • Helloween: Eagly Fly Free
  • Ozzy Osbourne: I Just Want You

Auf ihrer MySpace-Seite bieten Hellsongs die EP zum Direktkauf an:

hellsongs_payment.jpg

100% DRM Free, 320 KBit MP3 und keine Zwischenhändler. Wer dieses faire Angebot nicht nutzt, hat wohl Aktien von Universal, Sony oder EMI im Tresor.

hellsongs_stage_s.jpg

Hellsongs in Wien, 3. Oktober 2009:
Christopher Ek, Siri Bergnéhr, Kalle Karlsson

Die Setlist, diesmal mit Gewähr. Kalle Karlsson hat sie uns persönlich überreicht. Tack, Kalle!

  • Sin City
  • The Evil That Men Do
  • Paranoid
  • Seek & Destroy
  • War Pigs
  • Seasons In The Abyss
  • Losers & Winners
  • Thunderstruck
  • 10.000 Lovers
  • Run To The Hills
  • Symphony Of Destruction
  • We’re Not Gonna Take It

 Foto (c) by ikoon/Niko Ostermann

3 Kommentare ↓

#1 indiepartment am 15.10.09 um 13:33

auch in graz haben sie eine grandiose show geliefert! egal wie lange sie auf tour sind, auch am letzten tag wird noch alles gegeben und das zeichnet eine solche band aus

#2 Lino am 15.10.09 um 16:53

in Stuttgart waren sie ebenfalls ganz famos:
http://www.gig-blog.net/2009/10/02/hellsongs/

schöner Bericht!! Erging mir ähnlich.

#3 admin am 15.10.09 um 21:48

@ Lino: Danke. Du hast in deinem Bericht auch auf das politische Engagement hingewiesen, das hatte ich ganz vergessen. Die Shirts, die Hellsongs verkaufen, sind Fair Trade (oder so ähnlich), und AI-Flyer lagen in Berlin auch aus. Eine wirklich sympathische Band.

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