Wir unterbrechen unseren Arbeitsurlaub, um Sie, liebe Leser, auf den aktuellen Stand der Bonnisierung Berlins zu bringen. Wie wir erst heute erfuhren, soll mit dem Knaack Klub die nächste Berliner Live-Institution unter dem Vorwand des Lärmschutzes gekillt werden.

Der Knaack Klub existiert seit dem 20. Februar 1952. Ein würdiger Methusalem, seit 57 Jahren ununterbrochen in der Greifswalder Straße 224 residierend und damit vermutlich der traditionsreichste Berliner Jugendclub: Zuerst als Jugendheim Ernst Knaack, 1973 in Jugendclub Ernst Knaack umbenannt und seit 1990 als Knaack Klub.
Niemals gab es nachbarschaftlichen Ärger, der nicht gelöst werden konnte. Auch mit einer Einrichtung für altersgerechtes betreutes Wohnen, die 2001 in unmittelbare Nähe des Klubs geklotzt wurde, konnte man sich einigen, wenn auch unter schmerzhaften Einschränkungen des eigenen Programms.
Im Jahr 2008 aber wurde auf dem angrenzenden Grundstück ein Wohnhaus gebaut, Wand an Wand mit dem Knaack Klub. Ein Wohnhaus der besseren Sorte, mit Eigentumswohnungen für Menschen, die sich gern verschulden. Die schliefen plötzlich mit einem Ohr an der Quelle guter Musik.
Den Rest können Sie sich denken, liebe Leser.
Obwohl die Fassade des Knaack Klubs in Richtung Nachbargrundstück weder Fenster noch Türen besitzt, aus denen Lärm direkt entweichen könnte; obwohl das Bauamt Pankow den Eigentümern des Knaack-Grundstücks während der Bauphase keine Schallschutzmaßnahmen auferlegte; obwohl man sie nicht einmal über den geplanten Bau informierte, geschweige denn in die Planung einbezog; obwohl der Neubau in aller Stille und vom Knaack Klub unbemerkt errichtet wurde; obwohl also der Knaack Klub nicht der Verursacher des Dilemmas ist, drohten die schlafgestörten Neuberliner mit Klagen bis zur nächsten Sintflut. Denn der Körperschall überträgt sich auch durch Mauerwerk.
Das Bezirksamt Pankow, vertreten durch Bau-, Umwelt- und Ordnungsamt, leitete ein Auflageverfahren gegen den Knaack Klub ein. Das Umweltamt führte mehrere Schallmessungen bei den Wohnungseigentümern und im Knaack Klub durch, pegelte die Tonanlagen des Klubs ein und hängte sie an verplombte Limitter. Zusätzlich ließ der Knaack Klub eine Lärmschutzwand errichten.
Das war den Nachbarn nicht genug. Sie bestanden auf weiteren Maßnahmen.
Am 10. August 2009 kapitulierte der Knaack Klub — vorläufig. Alle Konzerte wurden gecancelt oder verlegt. Die Auflagen sind nicht zu erfüllen. Das Bezirksamt Pankow verfügte, daß im Neubau nebenan ab 22:00 Uhr maximal 25 dB zu hören sein dürfe. Das ist das Geräusch eines sehr ruhigen Zimmers, leiser als ein sprechender Mensch (40-60 dB), leiser als ein Fernseher in Zimmerlautstärke (60 dB). Noch leiser sind nur rauschende Blätter und ruhiges Atmen (10 dB).
Noch mal zum Mitmeißeln: Der Knaack Klub existiert seit 57 Jahren. Die Eigentumswohnungen seit 2008.
Der Investor baute sein Haus in Kenntnis der Existenz des Klubs. Man kann vermuten, daß er die Eigentumswohnungen verkaufte, ohne die Neu-Eigentümer über den alteingesessenen Nachbarn und dessen Geschäftszweck zu informieren. Das Bezirksamt schließlich unterwirft sich dem Diktat des Investors und den Klagedrohungen der Wohnungseigentümer und stranguliert lieber den Knaack Klub.
Das kostet die Beamten kein Wimpernzucken. Denn falls der Knaack Klub aufgibt und das Haus räumt, wird wieder eine Immobilie frei, in der sich Investoren mit Eigentumswohnungen austoben dürfen. Wie das Bezirksamt Pankow mit Anwohnern umspringt, die sich z.B. den Wünschen der Immobilienlobby nach einem Straßenumbau zum Zweck der Wertsteigerung ihrer Objekte widersetzen, wird zur Zeit in der Kastanienallee exekutiert.
Noch läßt sich der Knaack Klub nicht unterkriegen. Ab 28. August 2009 macht er weiter:
“Wir greifen jetzt an und lassen nicht länger zu, dass durch Unachtsamkeiten des Bauamtes unser Club zerstört wird! Das heißt mit Hilfe von Euch Wide Open Newcomer Bands werden wir wieder Konzerte machen, wie in den gute alten Zeiten!”
Es dürfte aber nur eine Frage von Tagen sein, bis ein feinhöriger Nachbar die Polizei bemüht, das Konzert abbrechen, das Equipment beschlagnahmen und ein Ordnungsgeld verhängen läßt. Vielleicht jemand wie Hannes Borgwardt. Der twitterte am 28. Juli 2009:
“Der Knaack Club hat heute Nacht ganz schön lärm gemacht. Freitags und Wochenends ist mir das ja egal…aber Dienstag, unter der Woche?”
Warum zieht er eigentlich in eine Wohnung neben dem Knaack Klub?
Auf der offiziellen Website der Stadt Berlin findet man die Rubrik “Leben im Prenzlauer Berg”. Dort steht bis heute dieser Satz:
“Der Knaack-Klub sorgt für Nachtleben im Viertel.”
Bigotterie nach Art des Bezirksamts.
Die politisch Verantwortlichen für die erzwungene Nachtruhe im Viertel haben Namen:

Matthias Köhne (SPD), Bezirksbürgermeister und
Leiter der Abteilung Finanzen, Personal und Umwelt

Jens-Holger Kirchner (B90/Die Grünen), Bezirksstadtrat
und Leiter der Abteilung Öffentliche Ordnung

Dr. Michail Nelken (Die Linke), Bezirksstadtrat und
Leiter der Abteilung Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung
Falls Sie schwanken, welche Parteien Sie am 27. September 2009 ignorieren sollten, erinnern Sie sich an diese Gesichter. Und vergessen Sie CDU und FDP nicht.
Denn der Knaack Klub ist kein Einzelfall. Quer durch Berlin werden Klubs von Nachbarn und Ämtern schikaniert. Auf der Abschußliste schlafgestörter Schwaben und verbeamteter Vollstrecker stehen neben dem SO36 und der Zitadelle Spandau der Schokoladen, der Magnet Club und die Kulturbrauerei. Das Frannz — unter dem alten Namen Franz-Club neben dem Knaack eine Ostberliner Instanz — ist nur noch ein schwacher, lärmgedämmter Schatten früheren Glanzes. Und die Red Rooster Bar hat ihr Live-Programm entnervt aufgegeben.
Ruhe sanft, du deutsche Hauptstadt.
Damit zurück zum Arbeitsurlaub am Flugsimulator.
Fotos Köhne, Kirchner, Nelken (c) by Bezirksamt Pankow von Berlin
9 Kommentare ↓
Top Beitrag!
So sieht momentan leider die Realität in Berlin aus. Erschreckend aber wahr.
Schön, dass der Knaack weiter kämpfen will. Drücken wir ihm die Daumen!
Sollen sie doch in ihren Dörfern und Vorstädten bleiben. Was soll sowas? Nach Berlin ziehen weil’s ja eine so dolle Metropole is… und dann die alten dörflichen Reflexe austoben, wenn auf der Straße jemand hustet… typisch deutsch eben.
(Ick bin übrigens keen Berliner - ich wohne in einem niedersächsischen Kuhdorf)
Das ist doch mal wieder Typisch Beamten
nur weil sie keinerlei Spaß in ihrem Leben verspüren.
Müssen sie ihn uns dem (Ihrem) Volk auch nehmen.
[…]
Beste Grüße wünscht
EGOYZZD
MADE IN BERLIN Labelz
Manchmal ist vergraulen Mobbing
& […] die einzigste Lösung
Schickt mir ne Bestellliste^^
@EGOYZZD: Einen Teil deines Kommentars mußten wir ausklammern, weil wir sonst denen, die den Knaack schließen lassen wollen, Stoff für noch mehr Klagen und Prozesse liefern.
Ansonsten sind wir einer Meinung.
Als ex-DJ M in der Darmwäsche kenne ich den Knaack ebenfalls recht gut. Meine nächste Tätigkeit mich musikalisch dar zu bieten war das Booking und die Technik im Red Rooster. Dieser wie ihr gelesen habt durfte auch die Türe für Konzerte schliessen. Eigentlich ist das unvorstellbar, wie kleine kulturelle Veranstaltungsorte, welche nicht im Sinn von “Germanien sucht den schlimmsten Vogel” bekannter unter “Deutschland sucht den Superstar” sind, den Gar aus zu machen. Kleinbürgerlichkeit, Ignoranz sowie deutsches Recht und Ordnung verleihen Nachbarn eine Macht, welche den kulturellen Stätten immer wieder das Lebenslicht ausblasen. Da wo nicht Mieter diese Rolle übernehmen, machen es halt Vermieter und Hausbesitzer (Schokoladen). Auch die Mitarbeiter in den jeweiligen Bezirksämtern haben leider oft genug nicht den Mut für ein kulturelles Berlin zu kämpfen.
Anständig Steuern bezahlen, Arbeitsplätze schaffen, den sub-kulturellen Erhalt Berlins fördern ja gerne, aber bitte es darf sich niemand gestört fühlen.
Mein Vorschlag: lasst uns alle schöne unplugged-Konzerte, Lesungen und Sit-Ins veranstalten, aber bitte nicht zu laut.
Darf ich ein paar Freunde zitieren?: BERLIN IST SO GEIL!
solidarische Grüsse aus’m F-Hain
Martin
danke! muss mal gesagt werden!!!
Vielen Dank für die nachvollziehbare Darstellung und die Gesichter der auf Bezirksebene politisch und verwaltungstechnisch zuständigen Personen.
Verdienen diese Personen alle an der Schaffung von Eigentumswohnungen? Oder sind die einfach nur denkfaul (fehlende Auflagen für Bauherren) und konfliktscheu gegenüber Anwälten, die Eigentümer vertreten (die meinen, ihre Interessen gegen die breite Öffentlichkeit durchsetzen zu müssen?)
Es lebe die Friedhofsruhe!
da sind sie nun die neuberliner, haben mit den letzten, eisern von mutti und vati geklemmten und mit ihrer medienbude zusammendesignten kohle, ne pieffige eigentumsbutze gekauft, beim vögeln nicht aufgepasst und klein Niclas Anthony kotzt jetzt muttis schulter voll während sie sich den dritten latte macchiato als drogenersatz einfährt. danach rennt sie zur demo um die straße am friedrichshain zur 30zone erklären zu lassen, weil man ja mit dem kinderwagen nicht mehr in den park kommt, dann noch schnell zur bi gegen vandalismus und graffiti vorbeispringen um papi vom einsatz bei der jugendbürgerwehr abzuholen und dann voll geschafft in die pieffige looserhütte einfallen und da wummert nu auch noch der bass vom nebenhaus, nee, also daß geht wirklich nicht.
da is man nun in den ach so urbanen p’berg gezogen um ihn nun den letzten lebenssaft auszupressen. dann irgendwann, wenn grabesruh eingekehrt ist, merkt man, daß es das gar nicht ist was man wollte, verkauft die hütte, die nun niemand mehr will mit amtlich verlust um in den nächsten urbanen kiez zu ziehen und dem den garaus zu machen. irgendwann ist man dann alt genug und zieht zurück nach tuttlingen…
ich such mich schon mal nach ‘ner andern hütte um, hier wird’s mir grad zu pieffig, in zwanzig jahren zieh ich dann wieder in meinen p’berg zurück.
http://twists.blog.de/2009/12/13/trotz-kisten-7566767/
Mein Kommentar: