Für uns völlig überraschend müssen wir die Antwort auf die neulich gestellte Frage “Gibt es dümmere Menschen als Jörg Sundermeier?” korrigieren. Hieß das Ergebnis eben noch Julian Weber, dürfen wir die Krone der Blödheit nur vier Tage später an einen neuen Dummen weiterreichen:
Dümmer als Jörg Sundermeier ist — Jörg Sundermeier.
Der Dumme überholt seine eigene Dummheit. Das ist beinahe so spektakulär wie Jolly Jumper, der Gaul von Lucky Luke, der schneller läuft als sein eigener Schatten.
Sundermeier gräbt kurz vor der Bundestagswahl sein Lieblingsmantra aus und göbelt in der Berliner Zeitung gegen die Piratenpartei. Im Unterschied zu seiner letzten Harlekinade zeigt er sich zunächst scheinbar geläutert. Zwei Absätze lang lobt er die Piraten. Das rote Schwänzchen funktioniert also auch in der bundesdeutschen Mainstream-Presse.
Denn Sundermeiers Lob ist reine Augenwischerei. Der Verlagsleiter auf der Überholspur will potentielle Wähler davor warnen, ihr Kreuz bei den Piraten zu machen. Er bettet sein vergiftetes Lob in eine längliche Abrechnung mit den Piraten ein.
Wie immer, wenn Sundermeier Buchstaben sortiert, entpuppt sich sein Worthülsenschwall recht flott als bräsig schwadronierter Blödsinn:
“In ihrem Programm geht es um die Aufhebung des Kopierschutzes bei Dateien, um die Einstellung von Online-Überwachung und Online-Zensurmaßnahmen. Die Partei engagiert sich somit dafür, dass ihre Klientel urheberrechtlich geschütztes Material für kein oder zumindest wenig Geld aus dem Internet saugen kann, ohne dass Schäubles Eingreiftruppe sie dabei behelligt.”
In der vorherigen Stufe seiner Blödigkeit klang Sundermeiers Sermon ähnlich:
“Sie bekämpfen Urheber, Firmen wie Pirate Bay aber finden sie okay, solange diese ‘Free Content’ anbieten.”
Man staunt ja, wie tapfer solche Randgestalten den immer gleichen Unsinn schreiben: Piraten wollen alles, und zwar umsonst. Daß das nicht stimmt, wird Sundermeier wissen. Und wenn nicht, könnte er es auf der Website der Piraten lesen:
“Die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich des Urheberrechts beschränken jedoch das Potential der aktuellen Entwicklung, da sie auf einem veralteten Verständnis von so genanntem ‘geistigem Eigentum’ basieren, welches der angestrebten Wissens- oder Informationsgesellschaft entgegen steht. Deshalb tritt die Piratenpartei für eine Legalisierung der Privatkopie ein, auch weil es technisch gar nicht möglich ist, Privatkopien zu unterbinden.”
Danach folgt ein Satz, den wir speziell für Sundermeier separieren:
“Dabei geht es ihr aber nicht darum, das Urheberrecht vollständig abzuschaffen.”
Was Sundermeier vermutlich nicht daran hindern wird, alsbald die gleiche Suppe aufzukochen: Piraten wollen alles, und zwar umsonst …
Wirklich knüppeldumm wird Sundermeier aber an einer anderen Stelle. Er zürnt über den Zulauf zu den Piraten, deren Mitgliederzahl im Vergleich zu denen anderer Parteien überproportional wächst:
“Doch trotz der zahlreichen Fauxpas erntet diese Partei zur Zeit reichlich Aufmerksamkeit. Das liegt weniger daran, dass sie mit ihren eigentlichen Zielen zur rechten Zeit kommt und wichtige Debattenbeiträge liefert, als vielmehr daran, dass diese Partei ein sehr diffuses Politikverständnis hat. Hier kann man mitmachen, sagt sie (und vergisst oder verschweigt, dass man bei jeder Partei mitmachen kann).”
Zu den abgelutschtesten Plattheiten bundesdeutscher Spruchbeutel gehört die Behauptung, jeder Bürger könne sich politisch einbringen, wenn er nur wolle. Das bläut man den Leuten so lange ein, bis sie am Wahltag zerknirscht vor dem Fernseher hocken und resigniert glauben, sie selbst seien schuld daran, daß die ungeliebte Partei X mit der ungeliebten Partei Y koaliere — schließlich hätten sie sich engagieren und “in die Politik gehen” können, um “etwas zu ändern”.
Abgesehen davon, daß politische und wirtschaftliche Änderungen per Grundgesetz auf kosmetische Korrekturen beschränkt sind (eine fundamentale Neuausrichtungen der Bundesrepublik würde als Angriff auf die euphemistisch freiheitlich-demokratische Grundordnung genannte kapitalistische Struktur gelten), ist die Behauptung, jeder Bürger könne in jeder Partei mitmachen, an Hohlheit kaum zu überbieten — sofern Sundermeier “mitmachen” nicht mit “beitragszahlende Karteileiche” gleichsetzt.
In der September-Ausgabe der Blätter dachte Jens Reich über den Stand der deutschen Demokratie nach. Reichs Resümee der vergangenen 20 Jahre klingt verhalten optimistisch, zuweilen zornig und ungeduldig. Zu den Chancen innerparteilicher Mitgestaltung durch politisch interessierte Bürger schreibt er:1
“Die Anforderungen an eine politische Laufbahn in diesem System sind so stark von jahrelanger Netzwerk- und Cliquenbildung im Parteiensystem abhängig, daß wirkliche Sachkompetenz in jedem Fachberuf auf die Dauer verloren gehen muß, wenn man sich zur Ochsentour entschließt. Die politische Macht und ihre Ausübung sind zu einem Berufsstand geworden — das kann nicht die Intention einer demokratischen Verfassung sein, und es war ganz bestimmt nicht der Inhalt und das Zeil unserer politischen Vorstellungen von 1989, die ja gerade den Berufsstand des SED-Kaders als Entscheidungsinstanz über das Leben der Untertanen abschaffen wollte.”
Sundermeier wird das nicht begreifen. Wir wollen ihn auch nicht mit Jens Reich vergleichen; die intellektuelle Fallhöhe wäre aberwitzig. Es ist nur angenehm, daß ein alter, unerschrockener Kämpfer wie Jens Reich Wahrheiten ausspricht, von deren Existenz der geistig flache Lohnschreiber Sundermeier nicht den Hauch einer Ahnung haben wird.
Noch ein hübscher Sundermeier-Joke zum Schluß:
“Auch gewährt [die Piratenpartei] dubiosen Publikationen wie der Jungen Freiheit Interviews - und nachher will niemand gewusst haben, wer das ist.”
Ach, da wüßten wir auch einen, der oft und gern mit der Jungen Freiheit kuschelt. Er heißt Andreas Krause Landt und war Autor der Berliner Zeitung.
Eigentor. Und Glückwunsch zur Rückeroberung des Titels “Dümmer als Sundermeier”.
- Jens Reich: Die Revolution ist tot — lebt die Demokratie?, Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/2009, S. 62 [↩]
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