Ende der Subversion: Das SO36 soll verschwinden

Geschrieben von messitschbyburns am 25. September 2009 | Janovsky, Knaack Klub, SO36


Am 31. März 2010 muß das SO36 die Oranienstraße 190 räumen. Die Hausverwaltung Retus sprach dem Trägerverein Sub Opus 36 e.V. die Kündigung aus. Formaler Grund: Ein vierwöchiger — inzwischen beglichener — Mietrückstand.

Das erfährt man aus einem umfangreichen, auf Seite 3 prominent plazierten Artikel in der Berliner Zeitung. Der interessierte Leser wird mit Details versorgt, die er nicht wußte. Vielleicht, weil er sie nicht für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlicher aber, weil der Artikel ein Musterbeispiel für Desinformation, Faktenunterschlagung und hausbesitzerfreundlichem Angewanze ist.

Die Autorin Silke Janovsky teilt zunächst die Gegner ein. Auf der einen Seite steht Fatma Souad als Vertreterin des SO36-Vorstands. Fatma ist eine Drag Queen. Dem Leser wird sie als Prototyp der Kreuzberger Lusche präsentiert, die nichts auf die Reihe bekommt:

“Fatma Souad sitzt auf einer Bank am Heinrichplatz und raucht eine selbstgedrehte Zigarette aus biologisch angebautem Tabak, ohne Zusatzstoffe […] Wie sie da so sitzt, mit hängenden Schultern, kann man sich nur schwer vorstellen, dass Fatma als türkische Drag-Queen einen Saal voller Menschen mit ihrem Hüftschwung mitzureißen weiß.”

“Zahlen und Bilanzen scheinen sie nicht zu interessieren […] ‘Mit der alten Hausverwaltung hat es wegen Verzögerungen bei den Mietzahlungen keine Probleme gegeben’, sagt Fatma. Es klingt, als habe sie nicht damit gerechnet, dass sich daran je etwas ändern könnte.”

Fatma, die von Janovsky noch nicht mal als Drag Queen akzeptiert wird (“sieht aus wie ein Mann”), muß hier als Projektion sämtlicher Klischees herhalten, die ein im Hirn verquirlter Kleinbürger über die Urbewohner Kreuzbergs pflegt: Schmuddelig, anrüchig, irgendwie schräg.

Demgegenüber beschreibt Janovsky die in Kleinmachnow ansässige Familie Stober, Hausbesitzer und -verwalter in Personalunion, sehr warmherzig und mitfühlend, als sympathische, ordnungsliebende Anpacker:1

“‘Ich will das SO36 nicht rausschmeißen’, sagt [Simone Stober], ‘aber sie sollen sich an die Regeln halten.’ Dann erzählt sie, dass sie gerne Hardrock hört. Und oft im Franken ist, der Kneipe gegenüber dem Club. Und überhaupt, der Kiez sei super.”

“Für Simone Stober ist das SO36 eine Herausforderung. Sie sagt, dass sich bisher niemand an die ‘Platzhirsch-Mentalität’ der Betreiber herangetraut habe. Sie traut sich.”

“‘Wenn der Senat nicht bereit ist, die Mietbürgschaft für das SO36 zu übernehmen, dann werden wir die Kündigung durchsetzen. Das haben wir Stober-Frauen so beschlossen.’”

“Die andere Frau, von der sie spricht, ist Christine Stober, ihre Schwiegermutter, die Eigentümerin der sieben Häuser in der Oranienstraße […] Fünf der Häuser sind bereits saniert, die Mieten erhöht: Es wurden Zentralheizungen eingebaut, Treppenhäuser renoviert, neue Briefkästen angeschraubt. ‘Ich mache es schön, und der Mieter zahlt die Miete’, sagt [Simone Stober].”

“Eigentlich fehlt Simone Stober Anerkennung für das, was sie tut. Deshalb ärgert es sie, dass sie öffentlich zum Feindbild des SO36 gemacht wurde. Am meisten aber ärgert sie die Sache mit Rod. Der Bassist der Ärzte hat per Video seine Solidarität mit dem Club bekundet. Und flapsig gesagt, er schicke der Hausverwaltung die Rod-Army vorbei. Das hat Simone Stober getroffen, sie ist Fan der Band.”

Und so weiter.

Janovsky suggeriert, das SO36 sei ein kryptoanarchistischer Chaoten-Haufen, der sich nicht an die bürgerlichen Regeln hält (”ein Verein, der Regeln gerne als deren Ausnahme bestätigt und immer wieder auf seine Legenden umrankte Geschichte verweist”). Höchste Zeit also, daß jemand durchgreift. Schöner unsere Straßen und Hauseingänge. Zettel und Plakate ankleben verboten. Nachtruhe ab 22:00 Uhr.

Janovsky läßt ein mildes, gütiges Licht über den rabiaten Hausbesitzern leuchten, wie einen kleinen Heiligenschein. In ihrer Begeisterung für das kleinbürgerliche Tabula rasa, das die Stobers in der Kreuzberger Oranienstraße anzurichten gedenken, vergaß sie, ihren Lesern die eine oder andere Information mitzuteilen, die zum Vorgang “Stobers vs SO36″ seit langem bekannt sind — außerhalb der Berliner Zeitung.

Zum Beispiel, daß außer Rod auch Markus Kavka per Video den Bau der Schallschutzmauer unterstützt; daß Rod nicht der terror-affine Bösewicht ist, als den ihn Janovsky apostrophiert; und daß mit der Rod Army nichts anderes als Rods treuer Fanclub gemeint ist, abgeleitet von der KISS Army, selbstverständlich mit Rod als Mitglied. Wer glaubt, ausgerechnet die Fans von Rod, die allerhöchstens BHs und Schlüpfer auf die Bühne schleudern, würden jemals gewalttätig werden, dem hat Gott drei Löffel Verstand zu wenig spendiert.

Janovsky war auch entfallen, daß die Stobers und deren Hausverwaltung Retus in der Oranienstraße einen besonders üblen Ruf besitzen:

“‘Unser Ärger begann zu Jahresbeginn mit dem Wechsel der Hausverwaltung’, berichtet Mieterin Kerstin Schlosser. Zwei Wochen nachdem die in Kleinmachnow ansässige Firma Retus die Verwaltung der im Besitz der Gesellschaft für Stadtsanierung (Gesa) befindlichen Häuser übernommen hatte, erhielten die Mieter eine Modernisierungsankündigung. Denn nach der Sanierung sollen die Bewohner plötzlich bis zu 50 Prozent mehr Miete zahlen […] Mehrere Mieter der Oranienstraße 180 und 182 wurden mittlerweile auf Duldung der Modernisierung verklagt.”

Oder, daß der Versuch des Vereins Sub Opus 36 e.V., eine Schallschutzmauer zu errichten, nicht am bösen Nachbarn oder am Bezirksamt scheiterte:

“Eine Schallschutzmauer könnte helfen, sagen die Betreiber. Doch Simone Stober will als Vermieterin nicht die nötige Genehmigung erteilen.”

Janovsky unterschlug, daß die Stobers das SO36 verschwinden lassen wollen:

“Das ist mein Gebäude”, sagt [Simone Stober] und beklagt den Dreck, die vielen Plakate und Graffiti an den Mauern […] Stober sagt […] es gäbe keinen Grund, dass ein Club so nah in einem Wohngebiet sei.”

Vor allem aber — wie soll es anders sein — fehlt ein Schlüsselsatz, gesprochen von Simone Stober:

“Es wird nie wieder ein Nachtclub da einziehen.”

Die Stobers sind sich demnach sicher, daß das SO36 ausziehen muß. Denn ohne Schallschutzmauer wird das Bezirksamt für die Schließung sorgen, wegen der amtlich attestierten Lärmbelästigung in der Küche eines Nachbarn, bei dem 48 Dezibel statt der erlaubten 45 Dezibel gemessen wurden.

Die Zeit arbeitet für die Stobers. Wenn die Hausbesitzer nichts tun, können sie ihr Grundstück ab 1. April 2010 wertsteigernd modernisieren. Mit Janovskys Gefälligkeitsjournalismus (“‘Ich will das SO36 nicht rausschmeißen’, sagt Simone Stober) wird den Damen immerhin die Warterei versüßt.

Übrigens:

Zur drohenden Knaack-Klub-Schließung und dem bevorstehenden Ende vieler anderer Berliner Clubs las man in der BLZ (mit Ausnahme des Gezerres um die Wabe) bis heute kein Wort — im Gegensatz zum Tagesspiegel, der wenigstens über die Probleme des Knaack Klubs berichtete.

Der Leserschwund der BLZ (-5 Prozent Verkauf, -6 Prozent Abonnement seit IV/2008) ist wohl immer noch nicht groß genug.

  1. Ausgerechnet in Kleinmachnow, dem Symbol für die größte Vertreibung Einheimischer nach 1989. Hier wurden auf 1.912 von 3.239 Häusern Rückübertragungsansprüche geltend gemacht. Zwischen 1989 und 2009 haben 10.000 von einst 12.000 Alt-Einwohnern Kleinmachnow verlassen. An ihrer Stelle rückten Leute wie die Stobers nach. []

6 Kommentare ↓

#1 Mitteboy am 25.09.09 um 12:34

GEIL!!!!

Sehr gut beobachtet, schön scharfzüngig geschrieben!

Schade, daß es keine echte “Anti Gentrifizierungs Army” (mehr) gibt!!!

#2 inez am 29.09.09 um 19:33

Ich bin vom SO und diese Medien- Farce begleitet uns nun schon über ein halbes Jahr. Selten, dass ein “Schreiberling” unsere Aussagen in den richtigen Kontext setzt. Letztendlich macht doch jeder, der die Möglichkeit hat, das was Frau Stober macht: “ich mach es schön(für mich und meine Interessensgemeinschaft) , und der Mieter (der Abhängige) zahlt die Miete (Abhängigkeit)”.

Klasse, dass ihr das mal hinterleuchtet!

#3 karsten am 16.10.09 um 23:16

Sorry, ich habe den Artikel auch gelesen und ich fand den eher SO-freundlich als -feindlich und ein gutes Beispiel für die Gentrifizierung in X-Berg. Ein bißchen Differenzierung darf man wohl auch auf diesem Blogg erwarten.

#4 admin am 16.10.09 um 23:17

@ karsten: Janovskys Artikel einfach noch mal lesen und alles mitdenken, was sie unterschlagen hat.

#5 karsten am 16.10.09 um 23:22

Stimmt. Einfach nochmal lesen. Da hast Du recht.

#6 aylin am 26.10.09 um 20:38

bei uns war die auch , hat gefragt wegen probs mit konzis, hat bischen gekotzt über esso ka was da war, mus man nicht ernst nehmen

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