Im Mai rügte uns ein Leser, weil wir das Wort “Sturmbannführer” zu dem Namen “Sarrazin” in Beziehung setzten. Der Leser glaubte, einen Straftatbestand erkannt zu haben.
Bisher hat sich kein Anwalt bei uns gemeldet. Dafür ermittelt die Berliner Justiz gegen Thilo Sarrazin — wegen des Verdachts der Volksverhetzung.
Die Nähe Sarrazins zur faschistischen Werte- und Gedankenwelt ist nicht neu. Seine früheren rechtsnationalen Provokationen (siehe hier, hier und hier) waren nicht die Aussetzer eines übermotivierten Sozialdemokraten. Sarrazin plazierte sie ganz bewußt. Mancher Journalist hätschelte ihn dafür als liebenswerten Querdenker (siehe hier und hier).
Was nun die Justiz erregte, war ein Beitrag Sarrazins für die Zeitschrift Lettre International.1 Darin trieb Sarrazin seine braune Sau ein wenig heftiger als gewohnt durchs völkische Dorf:
“Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate […] Ständig werden Bräute nachgeliefert.”
“Niemanden [muß man] anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.”
“Eine große Zahl an Arabern und Türken, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.”
“40 Prozent aller Geburten [finden] in der Unterschicht statt […] Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.”
Das klingt nicht nur wie “Ausländer raus” — das ist auch so gemeint:
“Generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer.”
Die NPD braucht dafür weniger Worte:


Die DVU lobt Sarrazin: “Die berufsmäßigen Gutmenschen sind natürlich sowieso ‘erschüttert’, wie man überhaupt gegen bedingungsloses Multikulti und begrenzungsfreie Einwanderung sein kann”, und korrigiert ihn nur in einem Punkt: “Das, was heute an Fremden nach Deutschland kommt, dürfte zu 95 % völlig unqualifiziert sein. Die restlichen 5 % qualifizierte Kräfte könnte unsere Kultur dagegen wohl bequem vertragen.”
Wenigstens flogen bei der Bundesbank die Fetzen. Sarrazins Arbeitgeber distanzierte sich “entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen.”
Doch sage keiner, Sarrazin sei herzlos. Es gibt noch eine andere, eine mitfühlende und fürsorgliche Seite. Der Mann hat durchaus Verständnis für Bedürftige, sofern die Bedürftigkeit im oberen Drittel der Gesellschaft gelindert werden muß. Im Jahr 2008 soll Sarrazin als Finanzsenator Berlins ein Grundstück für einen Nobelgolfclub am Wannsee viel zu günstig vermietet haben. Dem Land Berlin seien dabei mögliche Einnahmen in Millionenhöhe entgangen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Update 2:
Jetzt ist auch die NPD vor Freude naß im Schritt. Der Landesverband Sachsen gratuliert dem Glaubensbruder Sarrazin:
“Es wäre ein gutes Zeichen für Deutschland, wenn die neue Bundesregierung Thilo Sarrazin trotz seines SPD-Parteibuches zum Ausländerbeauftragten machen würde. Eine geordnete Rückführung der in Deutschland lebenden Ausländer in ihre Heimatländer könnte dann endlich in Angriff genommen werden.”
Der Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt, Thomas Schmid, fühlt sich im Herzen ebenfalls ganz nah bei Sarrazin:
“Er spricht eine offenkundige Wahrheit aus. Nicht, dass sie ausgesprochen wird, schürt rassistische Vorurteile. Es gilt umgekehrt: Wenn derlei nicht ausgesprochen werden darf, schürt es die Verbitterung derer, die aus täglicher Anschauung ganz genau wissen, dass zutrifft, was Sarrazin da gesagt hat.”
Bei Schmid muß man jedoch berücksichtigen, daß er ein besonders schwerer Pflegefall ist. 1969 gründete der Straßenkämpfer mit Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer und Matthias Beltz die Gruppe Revolutionärer Kampf und agitierte das Proletariat der Adam Opel AG direkt am Fließband.
Weil sich die Rüsselsheimer Arbeiterklasse nicht wirklich für die Revolution begeistern ließ, zog Schmidt den Blaumann wieder aus, vergaß seine linken Parolen und wanderte ganz weit nach Rechts — selbstverständlich mit einem Umweg über die taz, deren Fähigkeit, rechtsgedrallte Wackeldackel auszuspucken (siehe hier und hier), geradezu unheimlich ist.
So schafft sich Sarrazin die richtigen Freunde. Die anderen, die von der SPD, denken über ein Parteiordnungs- resp. Parteiausschlußverfahren nach.
Da sind wir aber gespannt.
- Alle Zitate sind nur in der gedruckten Ausgabe enthalten. [↩]
9 Kommentare ↓
Jedenfalls kann ich bei dem unproduktiven Obst-, Gemüsehändlerpack was zu essen bekommen, was mir bei Bankangestellten noch nicht gelungen ist.
Bei der Bundesbank flogen die Fetzen? Leider nur verbal. Ein solcher dümmlicher Provokateur wie Sarrazin gehört vor die Tür gesetzt, weil sein Verhalten nicht die für den öffentlichen Dienst erforderliche Verfassungstreue widerspiegelt. Das wäre auf jeden Fall konsequenter, als Standard-Distanzierungsfloskeln in ein paar Pressemikros zu säuseln.
@ UpperPalatine: Heute wurde zufällig ein Detail über Sarrazins Job bei der Bundesbank bekannt. Ein Bundesbanker sagte: “Wir haben uns Herrn Sarrazin nicht ausgesucht”.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/1002/berlin/0067/index.html
Ein Rauswurf wäre zwar wirklich die einzig konsequente Lösung, aber wenn die Bundesbank nicht mal über Sarrazins Berufung in den eigenen Vorstand entscheiden durfte, dann wird sie ihn erst recht nicht wieder los.
Interessant wäre, zu erfahren, wer Sarrazin in den Bundesbank-Vorstand gedrückt hat. Laut Bundesbankgesetz muß der Vorstand zu den Personalvorschlägen der Bundesregierung und des Bundesrates angehört werden:
http://www.bundesbank.de/download/presse/publikationen/bbkgesetz.pdf
Falls der Vorstand Sarrazin nicht wollte, muß jemand anderes dafür gesorgt haben, daß er trotzdem in den Vorstand kommt.
da ist man doch immer wieder froh, wenn einer eine wahrheit, die man nicht hören will, in total blöden worten und stammtischmässig herausblabbert; man muss sich dann nicht mit dem inhalt auseinandersetzen, sondern kann berechtigterweise die form angreiffen.
@ ludwigemanuel: Wenn wir die Form angreifen wollten, hätten wir uns über Sarrazins Holperdeutsch lustig gemacht. Für uns war aber wichtig, was er sagt, und nicht, wie er es sagt.
ich gebe zu, mein ärger über die blauäugigkeit der gesellschaft. kommt aus der ecke eines opfers der türkisch arabischen, fasischtische züge aufweisenden gewalt gegen schwule, schwule juden, lesbische jüdinnen oder einfach nur lesbische frauen. aber es ist halt wohl das schicksal und ich bin bereit es zu tragen, dass ein zweites mal in der deutschen geschichte die gesellschaft nicht bereit ist zu sehen, woher die gewalt, die unterdrückung, der vernichtungswille wirklich kommt.
Kaum überraschend ist, daß das besagte Interview den Bundebank-Oberen bereits vor der Veröffentlichung hinlänglich bekannt war. Wir haben es hier also mit einer von der Finanzoligarchie freigegebenen, gezielten Kampagne zu tun, bei der die Herren sich ein Schrittchen weiter vortasten und den Weg für weitere Provokationen öffnen wollen.
Man darf sich auf einiges mehr gefasst machen. Angesichts dessen muß man sich fragen wie lange es noch dauert bis die Gesellschaft es endlich begreift das es alles andere als “Gutmenschen” sind die in dieser Republik das Sagen haben.
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sarrazin-interview-war-genehmigt%3B2470274
Sorry, für mich hat der Mann recht, er bringt`s auf den Punkt. Was hilft das Betroffenheitssalbadere ewig schuldbewußter und vergangenheitsbewätigender Gutmenschen? Nichts. Es löst keine Problem, und die sind nun einmal da. Wer das leugnet hat sich aus der Realität geschossen. Ob es bei nicht integrationswilligen Fremdkulturen oder Hartz4 Emfängern, er hat recht, die meisten Wissens auch und Heucheln fröhlich weiter. Geil, alles klar zum Untergang.
Wir ignorieren Brennpunkte und verpassen Maulkörbe…was für ein beschissenes Demokratieverständiniss maßen sich eigentlich manche an….
@ checker: Integrationsunwillige Einwanderer und der Arbeitssuche abgeneigte Hartz-IV-Empfänger gibt es. Darüber muß auch gesprochen werden.
Die Frage ist nur, ob man — wie Sarrazin — immer mehr ins Vokabular des Dritten Reichs abdriftet, einschließlich guter Ratschläge wie “im Winter genügen 16 Grad Zimmertemperatur und ein dicker Pullover” (warum 16 und nicht 14 Grad — und wovon soll eigentlich der dicke Pullover bezahlt werden?), oder ob man die Probleme analysiert, ohne geradezu zwanghaft eine Spaltung der Gesellschaft herbeizureden: die, die Steuern zahlen (= die Guten) und die, die sie verprassen (= die Bösen).
Sarrazin zettelt eine umgekehrte Neiddiskusion an, getreu dem alten Prinzip “Teile und Herrsche”. Diesmal mokiert sich der Arbeiter nicht über deutsche Millionäre, die in der Schweiz keine Steuern zahlen, sondern über arbeitsfaule Hartzies, deren Leben er mit seinen Steuern finanzieren muß.
Ausgerechnet Sarrazin war es aber, der in Berlin die Sozialausgaben so drastisch kürzte, daß kein Stein auf dem anderen blieb. Hier funktioniert seit seinem Abgang kaum noch etwas von dem, was vor der Sarrazin-Ära zur Integration der Einwanderer aufgebaut wurde. Sozialarbeiter, die auch noch türkische oder arabische Muttersprachler sind, kosten eben Geld. Sarrazin hat das nicht interessiert.
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