Masters of Reality
“Pine/Cross Dover ”
(p) 2009, Brownhouse

Man könnte denken, ein Mann wie Chris Goss, der seit Jahrzehnten in der kalifornischen Wüste lebt, am Rande des Joshua Tree National Park, nur ein paar Autostunden vom Death Valley entfernt (dem heißesten Punkt der USA), müsse ein sonnenstichiger Einsiedler sein, der im zerbeulten Wohnwagen mit Klapperschlangenköpfen trommelt.
Doch Goss, der von seinen Fans als großer alter Mann des Stoner Rock geliebt wird, ist wohl eher ein harmoniebedürftiger Schmusebär. Seine Musik wirkt kaum aggressiv oder sphärisch verwabert. Er schreibt traumhafte Melodien, liebt den altmodischen Satzgesang und verliert sich nur selten in kunstartigem Getöse.
Die Verehrung der Stonerjünger für Chris Goss ist ohnehin leicht verschroben. Sie gründet sich in Goss’ legendenumrankter Arbeit für Kyuss. 1992 machte Goss die bis dahin weitgehend unbekannten Kyuss mit der CD Blues for the Red Sun ein Quentchen bekannter — als Produzent, nicht als Musiker. Chris Goss ist realistisch genug, um zu wissen, daß er den Stoner Rock nicht erfunden hat. Er kennt aber die magische Wirkung seiner goldenen Hände. Wenn er als Produzent die Regler berührt, füllt sich der Raum mit herrlicher Musik. Wer das nicht glaubt, höre sich die Platten von Slo Burn, Fatso Jetson, Nebula oder den Queens of the Stone Age an, auf denen im Kleingedruckten steht: Produced by Chris Goss.
Seit 1984 betreibt Chris Goss seine eigene Band Masters of Reality, deren Name — wie leicht zu erraten ist –, von Black Sabbath stammt, und die eine vom Gott der schweren Prüfungen gebeutelte Schicksalsgemeinschaft zu sein scheint. Mal zerfiel die Band, mal verschwand das Label, mal engagierte er den Über-Drummer Ginger Baker (ein fataler Irrtum — nicht musikalisch, sondern menschlich, denn Baker stieg vom Cream-Olymp und sah sich außerstande, mit den Masters of Reality als Anheizer für eine Band wie Alice in Chains zu spielen, die bei Cream nicht mal zum Kabelschleppen engagiert worden wäre), mal wurden Aufnahmen nicht, später oder doppelt veröffentlicht — man muß wohl ein sonniges Wüstenphlegma besitzen, um bei dieser Erfolgskurve nicht als bleichgeschminktes Gothic-Wrack zu enden, das Nietzsche vertont.
Die Masters of Reality nahmen seit 1988 neun Platten auf, darunter zwei Livemitschnitte (How High the Moon, 1997, und Flak ‘n’ Flight, 2002). Nur acht Produktionen schafften es in die Läden. Die verschollene Platte The Ballad of Jody Frosty, die 1994 von Epic/Sony wegen mangelndem Hitpotential gecancelt wurde, muß man sich im allwissenden Internet besorgen. Noch ein Grund, der Musikindustrie ein fröhliches “Sterbe wohl!” zuzurufen.
Im Grunde ist Chris Goss ein Rocker ganz alter Schule. Seine Wurzeln sind nicht Hawkwind oder German Kraut, sondern Led Zeppelin, Black Sabbath, Cream — und David Bowie, dessen Spätwerk als gelegentliche Inspiration auf Pine/Cross Dover durchscheint.
Auch ein heute vergessenes Gesangsduo erkennt man frohen Herzens: Brian Eno und John Cale. Deren zweistimmiger Satzgesang auf Wrong Way Up (1990), so warm, weich, sehnsuchtsvoll und gutmütig, deckt sich mit dem hohen, vibrierenden Timbre von Goss’ eigener, im Studio gedoppelter Singstimme, ohne daß man voneinander kopieren würde. Chris Goss hat seit jeher ein Faible für kleine gesungene Hymnen, die sich choralartig steigern, dramatisch in die Höhe schrauben und Goss’ zuweilen harte, realistische Texte auf das Herzergreifendste konterkarieren. Ein Bärchen eben.
Auf der CD, die wie eine prähistorische Schallplatte in zwei Seiten geteilt ist (A: Pine, B: Cross Dover), scheppert Chris Goss mit seiner Band etwas heftiger als gewohnt drauflos, hält sich aber mit Experimenten weitgehend zurück. Nur die Drum ’n’ Bass-Referenz Worm In The Silk (in der Chris Goss a capella den Refrain eines alten Schlagers zitiert, dessen Titel uns partout nicht einfallen will, es ist zum Verrücktwerden) und das albtraumhafte Instrumental Johnny’s Dream (beide auf Pine) entfernen sich ein paar Meter vom Stoner Rock. Das ist nicht übel, muß aber erst mal verdaut werden. Darauf, daß Chris Goss mit einem Synthi-Baß hantiert, hat man nicht unbedingt gewartet.
Up In It, der erste Song der Cross Dover-Seite, ist ein klassischer Stoner-Burner; MOR vom Feinsten. Das zornige The Whore Of New Orleans wird von einem harschen Text über das Leben in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina getrieben, und mit der 12minütigen, etwas abrupt endenden Session Alfalfa zeigt Goss, daß er auch jammen kann (was wohl keiner bezweifelt, die CD aber nicht unbedingt veredelt).
Überhaupt klingen die sechs Cross Dover-Songs mehr nach Stoner, die fünf Titel der Pine-Seite eher nach “Mal gucken, was wir außer Stoner sonst noch machen können”. Neue Fans wird Chris Goss damit nicht gewinnen, die alten bleiben aber bei der Stange.
Vielleicht beginnen die Rezensionen zur nächsten CD mit dem Satz: “Nach der eher durchwachsenen Pine/Cross Dover …”, aber Wunderwerke wie Deep in the Hole (2001) oder Sunrise on the Sufferbus (1992, mit Ginger Baker) müssen ja nicht ständig getoppt werden. Der Plattenkäufer übt sich in bescheidener Demut. Er freut sich still über eine kleine Stonerperlenkette, die Chris Goss mit zwei oder drei Glaskugeln verlängert hat. Andere fädeln nur Glasperlen auf.

Das Beweisfoto aus alten Tagen:
His Majesty Ginger Baker als Member of MOR,
daneben Googe (b, keyb) und Chris Goss
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