Spiel’s noch einmal, Chris

Geschrieben von messitschbyburns am 09. Oktober 2009 | Masters of Reality


Masters of Reality
7. Oktober 2009
Berlin, Lido

Stimmung vor dem Konzert: Woooohoooohoooohoo! Das wird toll!
Stimmung nach dem Konzert: Pfff …

Kurzfassung: katastrophaler Sound, zerfaserte Show, überheizter Saal (und überteuertes Merchandising, aber man muß ja nix kaufen).

Chris Goss überraschte mit zweierlei. Sein Körperumfang ähnelt inzwischen dem von Homer Simpson in der Episode King-Size Homer (3F05). Goss kleidet sich wie Homer in ein überweites Nachthemd, dem äußeren Zeichen der Kapitulation vor dem eigenen Gewicht. Um den glattpolierten Schädel trägt er ein breites schwarzes Stirnband, mit wuchtigem Knoten am Hinterkopf festgezurrt. Kaftan, Stirnband und Zwölftagebart lassen ihn von weitem wie einen Taliban auf Durchreise wirken. Gut, daß Schäuble mit seiner Schreibtischübergabe beschäftigt ist.

Die eigene Leibesfülle muß Chris Goss mit seiner Frau ausfechten. Seine Fans wollen nur, daß er singt und Gitarre spielt. Letzteres begann holprig, steigerte sich aber bis zum Finale geradezu spektakulär; ersteres war schlicht eine Katastrophe.

Entweder, Chris Goss kam heißer, erkältet oder sonstwie unpäßlich nach Berlin — oder der alte Fuchs weiß, wie man aus einer bescheidenen Stimme im Studio ein Stimmwunder zaubert. Das wäre dann der Britney-Spears-Effekt: Wenn das Playback ausfällt, wird’s peinlich.

Chris Goss sang ohne Playback, und bis auf wenige Titel, die seine Stimme nur gering beanspruchten, wünschte man sich im Stillen: Mensch, Chris, tu dir das nicht an. Es klang zum Heulen.

Paradoxerweise glänzte die Vorband (Vic Du Monte’s Persona Non Grata) im lupenrein ausgesteuerten Sound. Wenn der Sound hier schon prima ist, dachten wir, wie super muß es dann bei Masters werden? Welch großer Irrtum. Als hätte der junge Mann am Mischpult eine offene Rechnung mit Chris Goss zu begleichen, versuppte er dessen Mikro in einer scheppernden Plärre. Ein einziges großes Gotterbarmen.

Dabei reiste Chris Goss mit einer eingespielten Tourband an, die in dieser Besetzung seit Jahren unterwegs ist: Mathias Schneeberger (keyb, g), Paul Powell (b) und John Leamy (dr). Es hätte ein wunderbarer Abend werden können, mit einem kleinen Best Of der Platten Masters of Reality, Sunrise in the Sufferbus und Deep in the Hole — und natürlich Songs der neuen CD Pine/Cross Dover.

Mathias Schneeberger live zu sehen ist eine unglaubliche Freude. Drahtig und aufrecht steht er hinter Keyboards und Hammondorgel; souverän unterstützt er Chris Goss an der Gitarre. Wir hatten Schneeberger in der Saturnalia-Rezension kurz lobend erwähnt, ahnten aber nicht, ihn noch in diesem Jahr auf der Bühne erleben zu dürfen. Denn Schneeberger ist eine Legende.

Den Ruf der Deutschen in den USA, den Siegfried und Roy fast ruiniert hätten, rettete Schneeberger im Alleingang. Er betreibt in Los Angeles das Studio Donner und Blitzen und produzierte — Achtung, liebe Leser, halten Sie sich fest! — Burning Witch, Brant Bjork, Mondo Generator, The Obsessed, The Twilight Singers, Thorr’s Hammer und natürlich Sunn O))). Er spielte mit Mark Lanegan, den Gutter Twins, auf Josh Hommes Dessert Session Vol. V: Poetry for the Masses und — tatsächlich, liebe Leser, kein Scherz! — mit den Goldenen Zitronen.

Dieser Mann stand im Lido hinter der Orgel. Man hätte sich von ihm segnen lassen sollen.

Auch die Rhythmusgruppe war die pure Wonne. John Leamy trommelte hart, trocken und präzise. Manchmal wirkte sein stoischer Kopf mit weißen Haaren, weißem Kinnbart und weiß angestrahltem Gesicht wie eine marmorne Trotzki-Büste, an die ein kluger Tüftler mechanische Arme mit beeindruckender Schlagkraft montiert hat.

Paul Powells elegantes, fein verzwirbeltes, höchst energiegeladenes Spiel wurde optisch auf das Schönste durch seinen Ganzkörpereinsatz ergänzt. Der Mann hüpfte, federte und vibrierte wie ein elektrisierter Flummi. Paul Powell spielte nicht nur Bass, er lebte sein Spiel.

Aber Chris Goss. Es ist ja nett, daß er nach jedem Song die Gitarre wechselt — wenn nur sein Tempo nicht so verdammt schneckerich wäre. Kaum baut sich während der Show ein Spannungsbogen auf, fällt er nach jedem Song beim zwangsweisen Betrachten einer geruhsamen Zeremonie von Chris Goss in sich zusammen: Drei Schritte nach hinten latschen, Gitarre ablegen, neue Gitarre umhängen, an den Knöpfen drehen, drei Schritte nach vorn latschen, noch mal an den Knöpfen drehen, weiterspielen.

Man kann nicht sagen, er wäre schlecht gelaunt. Die Kommunikation mit dem Publikum schien etwas abgeschlafft und routiniert, aber immerhin, er bemühte sich. Die Klatscharme sollten klatschen, der Refrain sollte mitgesungen werden. Das klappte leidlich, wenn auch nicht auf Dauer.

Wirklich ab ging die Post immer dann, wenn Chris Goss und Mathias Schneeberger die alte fette Rocksau über die Bühne jagten und ihr heftig in den 70er-Jahre-Arsch traten. Wenn sich Goss minutenlang in ein hammergeiles Mörderbrett steigerte und wie ein euphorisierter Tanzbär rockte und schwitzte. Dann stand man zitternd und bebend vor der Bühne und wollte, daß der Abend nie mehr endet. In einem solchen Glücksmoment stagedivte eine junge Frau vom Bühnenrand, um über die Köpfe des Publikums zu gleiten. Sie trug einen kurzen Rock. Wir könnten jetzt erzählen, was wir sahen, bleiben aber diskret.

Solche Momente blieben aber rar. So rar, daß das Publikum gegen Ende der Show etwas ausdünnte. Die Raucher zog es in den Biergarten. Auch ein Indiz für oder gegen ein tolles Konzert.

Die Masters of Reality spielen nicht so selten in Deutschland, wie man vermuten könnte. Wahrscheinlich kann man Chris Goss im nächsten oder übernächsten Jahr in besserer Verfassung erleben.

Dann sind wir wieder dabei. Denn das kann es nicht gewesen sein. Versprich es uns, Chris.

Masters of Reality am 2. Oktober 2009 in Tilburg (NL):

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Chris Goss

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Mathias Schneeberger

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Paul Powell

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John Leamy

Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • Absinthe Jim And Me
  • Dreamtime Stomp
  • Deep In The Hole
  • V.H.V.
  • 3rd Man On The Moon
  • Worm In The Silk
  • Doraldin’s Prophicies
  • Up in It
  • Rabbit One
  • Hey Diana (Chris Goss: Akustik-Gitarre, John Leamy: Casio)
  • Lover’s Sky (Chris Goss: Akustik-Gitarre, John Leamy: Casio)
  • King Richard TLH
  • 100 Years (Of Tears In The Wind)
  • Highnoon Amsterdam
  • John Brown
  •  She Got Me (When She Got Her Dress On)

Fotos (c) by Lorène Lenoir

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