Rowland S. Howard (1959-2009)

Geschrieben von La Dame am 12. Januar 2010 | Rowland S. Howard


“I’m never gonna die again”, versprach Rowland S. Howard 1992. Seit Tagen höre ich diese Platte immer wieder. Und all die anderen Platten, auf denen er mitspielt. Es sind nicht wenige. Ich höre keine andere Musik mehr. Denn vor einer Woche las ich im Internet, dass Rowland S. Howard sein Versprechen nicht gehalten hat. Es hat mich unvorbereitet getroffen. Erst jetzt wird mir klar: Wenn es so etwas wie den Soundtrack meines Lebens gäbe, dann spielte Rowland S. Howard für die Hälfte aller Songs seine Gitarre.

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Als I’m never gonna die again erschien, fragte mich der Betreiber dieses Blogs, der damals noch keinen Blog betrieb, sondern Herausgeber einer kleinen, aber feinen Musikzeitschrift war, ob ich nicht auch Plattenkritiken schreiben wolle. Er hatte mich erkannt. Den Musikjunkie in mir, der er ja selber ist. Auch wenn wir nicht immer die gleiche Musik mögen. Heute räumt mir Messitschbyburns für meine fassungslose Traurigkeit Platz in seinem Blog ein.

Meine erste Kritik für Messitsch, die Zeitschrift, war eine Rezension der zweiten Platte von These Immortal Souls. Ich habe das Manuskript — verblasst als Faxkopie auf Thermopapier — wiedergefunden. Es ist die (sprachlich etwas unbeholfene) Liebeserklärung eines Fans:

“Ewig habe ich warten müssen. Endlich! Neues von These Immortal Souls (die bisher einzige LP erschien 1987)! Spätestens beim 2. Lied bin ich ihr wieder verfallen, dieser Stimme von Rowland S. Howard. Irgendwo klimpert ein Piano, niemals hintergründig, steht manchmal ganz allein im Raum. Dazu wirbelt das Schlagzeug, und da ist sie wieder, die Gitarre, wie er sie spielt, immer gespielt hat. Dieser Sogwirkung kann ich mich schwerlich entziehen, so lausche ich gespannt seinen Stories. Plötzlich (viel zu schnell) werde ich wieder allein gelassen mit der Stille in meinem Zimmer. Er muß es geahnt haben. Echogleich erklingt noch einmal das Piano, um dann ganz langsam den Raum zu verlassen. Wer immer noch glaubt, Birthday Party bestand nur aus einem Mann, der/m ist nicht mehr zu helfen!”1

Ich habe Birthday Party nie live gesehen. Wie auch? Als die Band sich auflöste, war ich 14 und begann gerade eine Punk-Identität für mich zu definieren. Nein, ich hatte keine zerrüttete Kindheit, mochte weder Alkohol noch sonstige Drogen und auch keine Hunde. Aber ich liebte die Musik der Einstürzenden Neubauten. Und hörte Woche für Woche die Sendungen von Alan Bangs und John Peel auf BFBS. Radioklänge, die Nahrungsmittel waren.

Noch heute verehre ich meine Oma dafür, dass sie mir, trotz der fauligen Zähne auf dem Cover, Halber Mensch besorgte. Eine noch größere Offenbarung war The First Born Is Dead, die zweite Soloplatte von Nick Cave, die mir meine Mutter von einer einmaligen Reise aus Westberlin mitbrachte. Das war es! Dieser trockene weiße Blues, getränkt in scheppernde Düsternis, ohne Erbarmen. Rock’n’Roll stripped to the bones.2

Als ich dann endlich auch auf die andere Seite durfte und am 20. Mai 1990 Nick Cave im Tempodrom sehen konnte (damals für 19 Mark!), war ich enttäuscht. Ein gelangweilter Sänger, der kaum seine eigenen Texte konnte. Schon Kicking Against the Pricks war mir streckenweise zu kitschig. Der Schnauzbartträger zeichnete sich ab. Ich habe keine weiteren Cave-Platten mehr gekauft, keine Konzerte von ihm mehr besucht.

Dann schon lieber die vier Birthday Party-Alben gehört, die ich inzwischen besaß oder die Boys Next Door-EP. Oder Hugo Race. Anita Lane. Mick Harvey. Crime & the City Solution. Eben die spezifisch australische Version von Punk. Die elegant gekleidete, räudige, brutale, artifizielle Version. Auch die unpolitischste. Rowland S. Howard war einer von ihnen. Er hat für sie alle gespielt. The boy next door with his guitar. Sein klirrendes, einschneidendes, rückkopplungsaffines Gitarrenspiel ist zum Stilelement geworden. Zum vielfach kopierten, längst adoptierten, verfeinerten, perfektionierten und – für andere – erfolgreichen.

Erfolgreich war Rowland S. Howard nie. Nicht im monetären Sinne. Trotz seines Auftritts in Wim Wenders‘ Film Himmel über Berlin. Aber wer erinnert sich schon an den in der dramaturgischen Stille eines Songs traumwandlerisch im Kreis laufenden Gitarristen, wenn doch Nick Cave viel berühmter ist bzw. (in dieser Szene) Simon Bonney sich exaltiert am Bühnenrand wie eine Schlange windet.

Rowland S. Howard war der Archetyp des australischen Punk, des Darkpunk. Noch bevor er zu Boys Next Door stieß, schrieb er “Shivers”, eine morbide Teenagerhymne.3 Da war er 16. Es blieb sein größter Hit. Im Songschreiben waren Cave und Howard das McCartney/Lennon-Team des australischen Underground. In der Performance gaben sie eher das Jagger/Richard-Paar ab.

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Mit den albernen Darkwave- und Gothic-Bands hat das, was sie machten, nichts gemein. (Die kamen mir auch nicht in meinen Plattenschrank.) Auch wenn Rowland S. Howard manchmal wie ein Auferstandener aussah, was ihn von dieser Szene unterschied, war die Liebe zum Rock’n’Roll. “Viele Leute halten mich für eine komplett negative oder gar depressive Person”, erzählte Howard 1993 der Messitsch im Interview. “Ich bekomme Post von 15jährigen Teenagern, die ihr persönliches Gefühl von Elend in meinen Songs abgebildet sehen. Das kann doch alles nicht wahr sein! Wir Australier mögen nichts lieber als Ironie, und ich bin eigentlich eine ganz humorvolle Person.”4 Zu diesem Missverständnis hat er sogar einen Richtigstellungssong geschrieben: “So the Story goes”, es ist mein Lieblingslied von “I’m never gonna die again”.

Nach dem Ende von Birthday Party kollaborierte er mit unzähligen Musikern. Unvergessen, wie er 1982 mit seiner verschleppt distanzierten Stimme “Some velvet morning” im Duett mit Lydia Lunch in einer Weise interpretiert, die keinen Zweifel mehr an der Explizitheit des Textes zulässt. Und die eine Wiederentdeckung von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra beschwor. Erst 1987 erschien das dazugehörige großartige Album “Honeymoon in red”. Sie hätten das Traumpaar der Indieszene werden können. Aber sie hatten wohl beide anderes vor.

Denn 1987 erschien auch die erste Platte von These Immortal Souls, seiner eigenen Band, die er mit seinem jüngeren Bruder Harry am Bass und mit Genevieve McGuckin am Piano gründete. Mit dabei auch Epic Soundtracks am Schlagzeug. Mit dessen Bruder Nikki Sudden nahm Rowland S. Howard im selben Jahr eine weitere Platte auf. Eine von vielen.

Gefühlt steht auf jeder zweiten Platte, die ich Anfang der 90er kaufte, sein Name drauf. Auf den drei Solo-Platten des Barracudas-Sängers Jeremy Gluck. Auch bei Fad Gadget hat er mitgespielt, mit Jeffrey Lee Pierce und A. C. Marias war er befreundet. Und für Barry Adamson hat er seine Gitarre in den Verstärker gestöpselt. Möglicherweise habe ich Platten, auf denen Howard in den Liner Notes auftaucht, einfach ungehört gekauft. Ich wusste schon im Voraus, dass ich sie mögen würde.

Zur selben Zeit habe ich mit einigen anderen Konzerte organisiert. Punkkonzerte. Viel Hardcore-Zeug. Fudge Tunnel, Shudder To Think, Alice Donut …. 1988 haben wir angefangen. Nannten unseren Ort fabrik.

Es war harte Arbeit. Es war mein Lebensmittelpunkt. Jede von uns hatte ihre Sehnsuchtsbands. Wenn es irgend ging, haben wir uns unsere Träume erfüllt. (Manchmal kamen die Träume auch unverhofft zu uns, so wie Nikki Sudden, der nach einem Konzert, das wir wegen Technikausfall abrechen mussten, einfach noch einmal kam, und Hugo Race und ein paar Leute von Die Haut mitbrachte. Weil sie grad Zeit hatten. Es war eine großartige Session!)

Am 12. November 1991 spielte Roland S. Howard zusammen mit Lydia Lunch in der fabrik. Sie hatten ein weiteres viel beachtetes Album unter dem Namen “Shotgun Wedding” aufgenommen. Zwei Jahre später, am 21. November 1993, kam Howard mit These Immortal Souls nach Potsdam. In meiner Erinnerung vermischen sich beide Konzerte zu einem. Ich habe nichts als meine Erinnerungen. Geblieben sind vor allem Schnappschüsse in meinem Kopf.

Ich weiß noch, wie ich über die beiden Brüder Howard staunte. Der eine sah aus wie ein großer Schuljunge, gesund und unerfahren. Rowland kaum älter, schien schon mindestens ein Leben, wenigstens aber eine Heroinsucht hinter sich zu haben. (Dass er die längst noch nicht hinter sich hatte, ahnte ich damals und weiß es heute.) Alles an ihm wirkte grotesk verzerrt. Der Körper viel zu lang für das wenige Gewicht. Die blauen Augen riesig in dem mageren Gesicht. Die Klamotten zu elegant für die hagere Gestalt. Ein großgepunktetes Hemd. Keinen Moment nahm er die Zigarette aus dem Mund. Und wenn doch, dann klemmte er sie sich an den Gitarrenhals, um zu singen. Ich war hingerissen. Er war einer der charismatischsten Musiker, die ich je gesehen habe. Ich wünsche mich nie in meine Jugend zurück, aber diese Konzerte würde ich gerne noch einmal erleben. Ohne den Stress der Veranstalterin.

Ich kann mich an meine Kraft erinnern. Ich schleppte zwei volle Bierkisten zum Tresen, eine Freundin hatte das Bandcatering übernommen. Es gab Tiramisu zum Nachtisch. Wir waren ein kleiner Punkschuppen im Osten, konnten kaum Gage zahlen, waren aber berühmt für unser Catering. Für mich war es – ungeahnt – das letzte Konzert an diesem Ort und auf Jahre das letzte, das ich organisierte. Das eindrücklichste, an das ich mich erinnere, war der Abschied. Rowland S. Howard hatte mich auf dem Gelände gesucht, um sich bei mir (!) für das Konzert zu bedanken. Es regnete. Seine Hände waren riesig, doppelt so groß wie meine… Er war einer der freundlichsten Musiker, die ich je traf.

Zwei Tage später musste ich ins Krankenhaus. Nein, ich war nicht überarbeitet. Mir blieb nur die Luft weg. Eine existentielle, aber heilbare Krankheit, in der ich mich entschied, nicht mehr in der fabrik zu arbeiten. Aus privaten Gründen, nix Juristisches oder so, wie Messitschbyburns sagen würde.

Ich habe Rowland S. Howard danach nicht wieder gesehen. Kürzlich (bezeichnenderweise nach dem grandiosen Sonic Youth-Konzert im Oktober 2009 in Berlin), suchte ich nach Tourdaten von ihm im Internet. Ich fand nichts. Dass eine neue Platte in eben dieser Zeit veröffentlicht wurde, erfuhr ich erst später. “Pop Crimes” erschien nicht in Europa (das Titelstück ist hier zu hören).

Auch die erste Soloplatte “Teenage Snuff Film” von 1999 kam schon nicht mehr bei Mute Records raus. Ich habe erst nach seinem Tod erfahren, dass es sie gibt. Und fand eine der charmanten Cover-Versionen, wie sie Rowland S. Howard immer wieder aufnahm. Hier scheute er sich nicht, den albernsten Möchtegernpunk zu covern, um aus Billy Idols “White Wedding” das taumelnde, zärtliche Lied zu machen, das es ist. Unter Beihilfe des regentropfengleichen Pianospiels von Genevieve McGuckin, das schon auf Birthday Party-Alben zu hören war (hier zu hören).

Doch er wurde nicht mehr gehört, seine Platten nicht mehr gekauft. Erst in den letzten Jahren wurden wieder Bands auf ihn aufmerksam. Erinnerten sich an seinen Einfluss. Die Renaissance der Gitarre als adäquates Mittel der Artikulation dürfte das ihre dazu beigetragen haben, dass Youngsters wieder Birthday Party-Platten hörten und – so ist in Berichten im Netz zu lesen – auch zu Rowland S. Howards Konzerten kamen. Es hat ihn eher irritiert. Er wäre glücklicher, wenn die jungen Bands von seiner Haltung statt von seinem Sound inspiriert wären, sagte er in einem Interview: “Usually when people say to me that a new band sounds just like me, I feel that they have missed the point entirely. It’s not just about being noisy and aggressive, it’s a whole aesthetic, trying to meld genres into something new. So doing something that is based on that 30 years later is fairly redundant. They should be looking for something that is of their own.”

Zwischen dem ersten und dem zweiten Soloalbum lagen zehn Jahre, die härteste Zeit seines Lebens. Von Drogen (mit-)verursachte Krankheiten, eine Scheidung, Depressionen, kein Geld. Dann erschien 2007 ihm zu Ehren ein Tribute-Album. 2008 begann er, “Pop Crimes” aufzunehmen. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Weil er wusste, dass er an Leberkrebs erkrankt war, nahm er die Platte so schnell auf, wie es ihm möglich war. Am Schlagzeug einmal mehr mit Mick Harvey. Kurz nach Erscheinen wurde sie in Australien als eine der Platten des Jahres gefeiert.

Als Rowland S. Howard am 30. Dezember starb, sagte Harvey: “Sometimes people are ready to go because they have been sick for a long time, but Rowland really wanted to live. Things were going well for him outside of his health and he wanted to take advantage of that, and he was very disappointed that he wasn’t well enough to do so.”

Bis zuletzt hatte Rowland S. Howard auf eine Transplantation gewartet. Bei seinem letzten Auftritt am 30. Oktober in Melbourne soll er schon Blut gespuckt haben. Und hat den Gig trotzdem durchgezogen. Punk halt.5

Ein Foto vom letzten Auftritt:

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  1. NMI/Messitsch 12/1992, S.74 []
  2. Rowland S. Howard dazu: “This is how the whole thing started, it’s the reason why records were banned, and Bible-belt Christians held record burnings. From the flames rose Elvis Presley, Gene Vincent and the Blue Caps, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Bill Haley and the Comets. Bill Haley? Even this chubby, balding, middle-aged man was perceived as a threat to the very heart of the American family. Performances were riots - screaming, fainting, sobbing, angry riots. When the movie Rock Around The Clock opened, the audience lost it. Seeing their music, recognized and captured on film, was too much - upholstery was slashed, seats were torn from the floor and hurled at the screen. This is not contradictory behavior: rock’n'roll is a music born of inarticulate rage, a primal scream of consciousness and the pain that accompanies such a state. And this state of grace was occupied by both performer and audience. Gut reaction. Animal Instinct. We tend to think of this cross confrontation as something firmly planted in Punk rock, but Punk was just putting rock’n'roll back on the track, Jack.” []
  3. Die gute Seite der kommerziellen Erfolglosigkeit war, dass Rowland S. Howard den Song in den 90ern nicht mehr spielen musste: “Well, thankfully people have stopped calling for it in concerts … I have just tried, perhaps finally successfully, to divorce myself from the song. … I feel like, when I did use to do it in shows, I was doing a cover of some song that had been around forever. That’s how it felt. And I guess that is a strange way to feel about a song you wrote, so yeah, I am happy to not have to do it these days. I don’t like to think about it.” []
  4. NMI/Messitsch 1/1993, S. 32 []
  5. Eine Radiosendung mit einer repräsentativen Auswahl aus Rowland S. Howards Musik inklusive eines Interviews vom 11. Dezember 2009 gibt’s hier zum download. []

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