Präzisionsjournalismus (2)

Geschrieben von messitschbyburns am 17. Oktober 2009 | Präzisionsjournalismus


13 Jahre nach der Premiere des Musicals Linie 1 zeigt das Grips-Theater eine Fortsetzung. Das Zweitwerk heißt Linie 2 — Der Alptraum. Darauf hat tout Berlin sehnsüchtig gewartet.

Die Handlung liest sich wie verquaster Alt-68er Psychoschmalz. Weil aber in Berlin alles gefeiert wird, wo Berlin draufsteht, mußte auch Linie 2 umjubelt werden.

Der Tagesspiegel wollte ganz besonders originell sein. Er assozierte den Titel Linie 2 mit der U-Bahn-Linie 2 und fragte seine Leser: “Welche Geschichten haben Sie in der U2 erlebt, was verbinden Sie mit den Bahnstationen?”

Warum diese Assoziation köstlicher Mumpitz ist, verraten wir Ihnen später, liebe Leser. Schauen wir uns zuerst die Antworten an.

Nicht die Tagesspiegel-Leser, sondern hauseigene, weitgehend unbekannte Schreiber delirierten ihren Senf zu ausgewählten Stationen der U2 — und der König des Senftopfs heißt David Ensikat.

Sein Text zum Alexanderplatz ist derart palle, daß wir ihn mit größtem Vergnügen in voller Länge präsentieren möchten (hier vergrößern):

ensikat_alex_s.jpg

Scientologen und Exiliraner wurden schon lange nicht mehr am Alex gesehen. Der Star der Zettelverteiler ist jemand anderes: ein großer, hagerer, sonnengebräunter, schwarz bezopfter Trotzkist, der seit Jahren bei Wind und Wetter unermüdlich Flyer und Gespräche über die Weltrevolution anbietet. Den kennt Ensikat nicht.

Er kennt auch keine Preise. “Der Anblick erweckt Mitleid; dafür kostet die Bratwurst nur einen Euro.”

Was eine Bratwurst wirklich kostet, sehen Sie auf diesem Schild:

alex_grillrunner.jpg

Die Ein-Euro-Würste gibt es seit Monaten nicht mehr.

Und jetzt wird’s richtig klasse. “Der Bahnsteig bietet gute Unterhaltung, weil an den Wänden keine Werbung hängt, sondern Kunst.”

Gestern hing keine Kunst an den Wänden, sondern Werbung:

alex_u2_bahnsteig_s.jpg

Beide Bahnsteigwände sind mit monothematischer Werbung für den Friedrichstadtpalast behängt. Ein Qi-Plakat neben dem anderen.

Das ist nicht erst seit gestern so. Am 28. Februar 2008 endete die 50jährige Zeit wechselnder Kunstausstellungen auf dem Bahnsteig der U2. In der DDR eingerichtet, vom Kloaufsteller Wall AG abgeschafft. Er besitzt die Lizenz zum Bepflastern der U2-Wände seit 2007. Der Senat als Vor-Voreigentümer hatte keine Einwände, Kunst gegen Kommerz zu tauschen.

Darüber schrieb auch der Tagesspiegel. Palle Ensikat hätte nur recherchieren müssen. Denn daß er jemals auf dem Alexanderplatz war oder dort in die U2 eingestiegen ist, will er hoffentlich nicht behaupten. Wir würden vor Lachen platzen.

Zurück zur grandiosen Assoziation Linie 2 = U2.

Nimmt man den Stücktitel Linie 2 wörtlich, ist die U2 als Thema plausibel. Leider liegt der Tagesspiegel mit dieser Schlußfolgerung komplett daneben. Die Handlung des Musicals Linie 2 spielt sich — im Gegensatz zu Linie 1 — nur sehr spärlich in der U-Bahn ab. Der größte Teil passiert außerhalb, irgendwo in Berlin.

Tja.

Doch wie alles auf der Welt hat auch der U2-Fauxpas des Tagesspiegels seine gute Seite. Ohne das vermurkste Special zum Musical hätten wir auf die Freude verzichten müssen, Präzisionsjournalist Ensikat kennenlernen zu dürfen. Und das wäre nun wirklich schade.

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